Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Reisen

Die Wiesn ist eine echte Moadsgaudi

Wir wissen, wie das Oktoberfest aussieht: viele Bayern und noch mehr Italiener und Australier, die versuchen, wie Bayern auszusehen.

von VICE Staff
01 Oktober 2009, 9:11am

Wir wissen, wie das Oktoberfest aussieht: viele Bayern und noch mehr Italiener und Australier, die versuchen, wie Bayern auszusehen. Was man dort macht, wissen wir auch alle. Karussellfahren oder Bier trinken. Oder beides. Außerdem ist es ganz leicht, dort sehr nette Sanitäter kennenzulernen.

Die meisten arbeiten beim roten Kreuz in einem Gebäude, das aussieht wie eine bronzefarbene Reibe und rechts unter der Bavaria steht. Du musst nur soviel trinken, dass du ohnmächtig wirst, und bringen sie dich in einem der gelben Wagen dorthin. Falls du noch sprechen kannst, darfst du dir aussuchen, ob du mit oder ohne Verdeck geschoben wirst. Du wirst auf den Bauch gelegt, und während du durch die ganzen lustigen Wiesnbesucher in die Sanitätsstation geschoben wurdest, bildet sich unter deinem Mund wahrscheinlich schon ein kleiner See voller Sabber – deshalb liegst du auch so herum. Weil du wahrscheinlich verpasst, was um dich herum passiert, haben wir das für dich gemacht.

Der Junge, der draußen vor der Wurfbude lag, war nicht mehr ansprechbar. Wenn du im Bierzelt viel trinkt, und dann an die frische Luft gerätst, kann dir auch ohne Achterbahn schnell schwummerig werden. Wenn du merkst, dass deine Wiesnbegleitung neben dir auf dem Boden liegt, rufst du einfach die 112, falls du dein Telefon nicht verloren hast.

Dieser Anruf aktiviert 6 Sanitäter die hinter der Station herumsitzen oder im Keller Spagetti Bolognese essen. Die bekommen einen Zettel, darauf steht Wurfbude, Hackerzelt und Moritz 3. Das bedeutet nicht, dass der Junge, der gleich abgeholt wird, Moritz heißt, sondern ist das Geheimwort für Bierleiche.

Die Sanitäter schieben diese gelbe Bahre durch einen Haufen Oktoberfestbesucher und müssen dauernd „Vorsicht“ rufen. Als ich früher im Krankenhaus rechts der Isar arbeitete, gab es auch so eine Bahre, die hieß „Silberpfeil“. Sie war nicht gelb und wurde ausschließlich für den Transport von Toten verwendet. Neben dem Transport von amputierten Beinen oder Brüsten, die in Eisbeuteln quer durch die Klinik in ein Speziallabor getragen wurden, waren das immer die interessanteren Aufträge.

Aber zurück zum Oktoberfest. Der Betrunkene wird auf die Bahre gehieft und zurück zur Station geschoben, wo er in einen Beobachtungsraum kommt. Dort stehen viele Bahren mit Gummimatrazen und einem Kübel, in dem ein gelber Plastiksack steckt. Es gibt auch Wärmedecken, weil der Körper unter starkem Alkoholeinfluss gar nicht mehr weiß, ob es kalt oder warm ist. Die sind aufblasbar und erinnern an Trockenhauben aus den 60er Jahren. Außerdem bekommt man eine Infusion, damit man schneller nüchtern wird.

Nebenan ist ein Raum, in dem viele Ärzte und Sanitäter sich um kleine und große Wunden kümmern. Bei sehr großen Wunden geht es gleich weiter ins Krankenhaus.

Ein Junge aus Johannesburg hatte die Idee, mit Flipflops ins Bierzelt zu gehen. Er hüpfte leider in einen Scherbenhaufen, und zerschnitt sich ein paar Sehnen. „ Das ist ein bisschen komplizierter“, meinte der Arzt, „weil die Sehnen, sind sie erst durchtrennt, immer zurückflutschen, und man muss sie dann erst mal wieder finden und zusammennähen.“

Gleich danach wurde ein Mann in rosa Sandalen hereingeschoben, seine Füße waren irgendwie mit Taschentüchern und Pflastern umwickelt. Es stellte sich heraus, dass die Wunden seiner frisch amputierten Zehen aufgebrochen waren. Später wurde auch ein Somalier eingeliefert, der fragte, ob sie ihm eine Schussverletzung von vor 2 Wochen behandeln könnten. In einem Extrazimmer werden die aufgeschlitzten Hände oder Köpfe genäht. Da wird beispielsweise ein Mann mit Lemmy-Bart reingekarrt – und gleich ist die Stimmung noch besser: "Ja du warst doch grad schon da!" – "Ja mei, i bin halt wieder ins Zelt, da hats mich wieder hingehaut." Also noch mal, Wunde putzen, schön zunähen.

Ein anderer Mann mit Glatze hatte eine offene Wunde am Kopf. „Das macht nichts“, sagt er, „ich bin im Rockerclub“. Der nächste Glatzkopf hatte eine Superbeule, als würde ein neuer Glatzkopf versuchen, aus ihm herauszukommen. Es gab dann noch einen älteren Herren, der die Treppe zur U-Bahn runtergefallen ist. Da aber wahrscheinlich die Nase und das Jochbein gebrochen waren, wurde der gleich woandershin zum Röntgen geschickt. Weitere potentielle Vorbilder: Ein dicker Mann, der vor dem Zuckerwattestand zusammenbrach, den aber, bis die Sanitäter da waren, seine Freunde schon wieder soweit hatten, dass er gegenüber an der Schnapsbude weiterfaseln konnte; Ein krakeelender Jugendlicher, der mit dem Anwalt drohte, sollte eine Narbe zurückbleiben – und ein heulendes Mädchen, der dann doch nichts fehlte.

Die Wiesn ist eine echte Moads Gaudi.

FOTOS & TEXT: MARTIN FENGEL