Warum sich nach #aufschrei zu wenig geändert hat

Dass wir gerade wieder einen Sexismus-Skandal erleben, ist nicht wirklich überraschend. Die Debatte 2013 war notwendig. Beseitigt hat sie Sexismus nicht.

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26 September 2016, 10:38am

Illustration: Jutta Babak

April 2013, wenige Wochen nach der #aufschrei-Debatte war ich bei einer Journalismus-Veranstaltung in der Nähe von Stuttgart. Ich erzählte auf der Bühne gemeinsam mit einem Fotografen etwas über eine Sozialreportage, die wir zusammen gemacht hatten. Um mein Porträt über Rainer Brüderle, das kurz zuvor eine Debatte über Sexismus mitausgelöst hatte, ging es bei der Veranstaltung nicht. Danach kam ich zurück an meinen Platz. Ein älterer Herr in der Reihe hinter mir tippte mir an die Schulter. Ich drehte mich um. "Jetzt, wo ich Sie sehe", sagte er zu mir, "muss ich ganz ehrlich sagen: Man kann es Herrn Brüderle nicht verdenken." Er lachte mich erwartungsfroh an. Als rechnete er damit, dass ich nun mitlache und seinen Gag honoriere. Ich nehme an, er hatte die Absicht, ein Kompliment zu machen. Und er dachte schlicht, das mache er gerade sehr originell.

Es war einer jener Momente, in denen einem fünf Minuten später ein super Spruch einfällt, den man seinem Gegenüber als Replik hätte ins Gesicht schleudern können. Aber in der Sekunde konnte ich nur meinen Kopf schütteln und ihn fassungslos ansehen. Ich drehte mich wieder um und dachte: Dieser Mann hat nichts verstanden. Trotz unzähliger Talkshowrunden zum Thema Sexismus, trotz der Zehntausenden Erlebnisse, die Frauen in den Wochen zuvor auf Twitter geteilt hatten. Der #aufschrei war vorbei. Und alles war wie immer.

Jetzt, dreieinhalb Jahre später, erleben wir eine Debatte wie ein Déjà-vu. Die Berliner CDU-Kommunalpolitikerin Jenna Behrends wirft ihrer Partei Sexismus vor. Sie berichtet, ein Senator habe sie "süße Maus" genannt. Und er habe einen Parteifreund über sie gefragt: "Fickst du die?" Besagter Senator, sagt sie, sei Frank Henkel, noch amtierender Berliner CDU-Chef und Innensenator. Und dieser wiederum dementiert die Vorfälle nicht.

Ich kenne Jenna Behrends nicht. Ich weiß nicht, was sie genau erlebt hat. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung nehme ich an, dass sie gerade nicht die leichtesten Tage ihres Lebens durchlebt. Die Ersten aus der Union versuchen, sie zu diskreditieren.

Überrascht es mich, dass so etwas dreieinhalb Jahre nach #aufschrei passiert?

Überhaupt nicht.

Es war 2013 dringend notwendig, dass wir über Sexismus reden. Aber einiges ist damals in der Diskussion auch schiefgelaufen. Beseitigt hat die Debatte den Sexismus auf jeden Fall nicht.

Sexismus in der Politik gibt es auch nach wie vor. Rund ein Jahr nach der Debatte stand ich daneben, als eine junge Bundestagsabgeordnete auf einer Veranstaltung im Wahlkreis von einem Parteifreund gefragt wurde, ob sie jemanden habe, der sie im Bett warm halte. Politikerinnen haben mir erzählt, wie sie sich dafür rechtfertigen müssen, dass sie nach dem Mutterschutz wieder arbeiten. Ein männlicher Spitzenpolitiker wie Justizminister Heiko Maas sagte hingegen, er werde zwar ständig gefragt, wie er seinen Sport, den Triathlon und die Politik unter einen Hut bringe—wie er das Amt mit seinen zwei Söhnen vereinbare, interessiere dagegen niemanden. Frauen in politischen Spitzenpositionen berichteten, dass sie häufig belächelt würden, wenn sie sich in Funktionärsrunden zu Wort melden. Sage ein Mann dasselbe fünf Minuten später, würden dann aber alle nicken. Gibt es Sexismus in der Politik? Selbstverständlich. Und es wird ihn so lange geben, solange es Sexismus in der Gesellschaft gibt.

Ein Jahr nach #aufschrei ergab eine Studie, dass jeder Vierte im Zuge der Debatte über sein eigenes Verhalten nachgedacht hat. Das ist eine Menge. Es zeigt aber auch: Drei von vier haben das nicht getan. Interessanterweise haben vor allem die Jüngeren, die 18- bis 24-Jährigen, ihr Verhalten reflektiert. Aber nur 17 Prozent der Älteren über 55 wollten ihr Geschlechterbild überdenken. Zur Erinnerung: Rainer Brüderle war damals 66 Jahre alt. Frank Henkel ist heute 52. Gerade jene, deren Verhalten zum anderen Geschlecht vor Jahrzehnten geprägt wurde, jene, die meist auf den mächtigen Posten sitzen, waren am wenigsten bereit, sich zu fragen, ob ein kleines Update mal nötig wäre.

Die Debatte vor drei Jahren hatte nicht den Effekt, den sie hätte haben können. Jene, deren Weltbild infrage gestellt wurde, teilten aus, anstatt einfach mal zuzuhören. Rainer Brüderle selbst sah sich gar als Opfer einer lange geplanten Medienkampagne.

Im Jahr 2013 debattierten wir ernsthaft noch über die Frage: Gibt es Sexismus oder nicht? Vor dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Frage war die Polarisierung enorm. Das zeigte sich auch an den Rollen, die Rainer Brüderle und mir in der Debatte zugeschrieben wurden. Wir wurden zu Projektionsflächen, die je nach Haltung der Menschen, die über uns urteilten, ausgefüllt werden konnten. Wir waren:

das joviale Mannsbild und die hysterische Feministin;

der Sexist und die mutige Kämpferin;

der unschuldige Politiker und die profilierungsgeile Journalistin;

der Belästiger, der seine Macht missbraucht, und sein hilfloses Opfer.

Die starke Polarisierung in der Debatte verhinderte, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Positionen einfach mal zuhörten. Je nachdem, auf welcher Seite man gerade stand oder gestellt wurde, befand man sich entweder in Angriffs- oder Verteidigungshaltung. Und eben das machte Gespräche so schwierig. Darüber, wie unterschiedlich sich dasselbe Ereignis für zwei Beteiligte anfühlen kann. Darüber, wie es sein kann, dass ein als Witz gemeinter Spruch für das Gegenüber verletzend ist. Darüber, warum manche Sexismus nicht wahrnehmen, während andere sich damit tagtäglich konfrontiert fühlen. Die Debatte basierte auf Gefühlen. Und die sind weder messbar, noch können sie widerlegt werden. Deutschland war damals zu sehr damit beschäftigt, darüber zu streiten, was los ist. Und zu wenig mit dem Warum.

Frank Henkel hat offenbar nicht aus der Debatte gelernt. Er macht denselben Fehler wie damals Rainer Brüderle. Auch er kann die Vorfälle offenbar nicht abstreiten. Er könnte jetzt einfach sagen: "Es tut mir leid, wenn ich Grenzen der Professionalität überschritten habe." Stattdessen sagt er, "er sei sehr verwundert und auch ein bisschen enttäuscht" über den Brief von Jenna Behrends. Er keift zurück, anstatt über die Wirkung seines Verhaltens öffentlich zu reflektieren.

Seine Partei, die CDU, zeigt, dass sie durchaus aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Anders als damals die FDP bestreitet in der Union heute niemand, dass es in der Politik Sexismus gibt. Der Generalsekretär, Peter Tauber, ist bemerkenswert offen: "Geschichten wie diese bekomme ich immer wieder geschildert", sagt er. "Umso wichtiger, dass es nun diese Debatte gibt." Und die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Nadine Schön, sagt: "Jeder, der eine solche Bemerkung macht, sollte sich fragen, ob es für ihn OK wäre, wenn jemand anderes so etwas einem selbst, der Tochter oder der Frau sagen würde."

Die Reaktionen der beiden Politiker zeigen, dass #aufschrei eine wichtige Grundlage geschaffen hat. Wir führen heute die Debatte mit einer neuen Ernsthaftigkeit. Mit einer neuen Sensibilität. Es gibt eine stärkere Bereitschaft, einander zuzuhören, anstatt sich nur gegenseitig anzuschreien. Jenna Behrends' Brief gibt der Auseinandersetzung mit dem Thema eine neue Chance.

Ich habe nie bereut, dass ich mit Rainer Brüderle kein langes Gespräch über seine Sprüche geführt habe, bevor ich sie aufgeschrieben habe. Ich habe ihn damals darauf hingewiesen, dass ich mich professionell mit ihm unterhalten will. Meine Aufgabe als Journalistin war es, ihn zu beobachten und zu beschreiben, nicht ihn zu missionieren.

Aber ich bereue es, dass ich damals nicht zu dem älteren Mann auf der Journalisten-Veranstaltung bei Stuttgart gegangen bin. Ich hätte sagen sollen: "Ich fand Rainer Brüderles Spruch nicht witzig. Ich finde Ihren nicht witzig. Ich bin hier als Journalistin, nicht um mein Aussehen mit Ihnen zu diskutieren. Ich bitte Sie, das zu respektieren und nicht leichtfertig Frauen auf diese Art anzusprechen." Vielleicht wäre daraus ein interessantes Gespräch entstanden.

Als öffentlich wurde, dass ich Chefredakteurin von VICE.com werde, bekam ich einen dreiseitigen anonymen Brief. Ein Mensch hatte sich offensichtlich mehrere Stunden hingesetzt, meinen Lebenslauf studiert, Bilder von mir rausgesucht und ein Dokument mittels Photoshop und WordArt erstellt. Er behauptete, er habe herausgefunden, ich sei "hassgetrieben", "hinterlistig" und "sexsüchtig". Ich hätte mit meinem früheren Chef beim Stern geschlafen, um Karriere zu machen. Er plane, die Wahrheit über mich nun der ganzen Welt mitzuteilen.

Lieber Briefeschreiber, ich will es besser machen als damals in Stuttgart. Lassen Sie uns doch einfach mal miteinander reden, statt übereinander. Das hier ist die Nummer der VICE-Zentrale: 030/7001255. Die netten Kollegen vom Empfang stellen Sie gerne durch.

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