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Warum ich mein Leben vor meinem Coming-out vermisse

Das Leben als Schwuler ist manchmal schwieriger als erwartet, aber ist das wirklich schlimmer als ständige Selbstverleugnung?

von Drew Nellins Smith
04 Oktober 2016, 11:20am

Illustration: Hana Song

Mir ist klar, dass das keine besonders progressive Einstellung ist, aber manchmal vermisse ich die Zeit vor meinem Coming-out. Ganze zehn Jahre sind jetzt vergangen, seit ich meiner Familie, meinen Freunden und meinem sozialen Umfeld eröffnet habe, dass ich schwul bin. Eigentlich war mein Coming-out eher ein Nervenzusammenbruch, ausgelöst durch das Ende einer heimlichen Beziehung zu einem Mann. Trotzdem denke ich zwischendurch noch darüber nach, wie es wohl gelaufen wäre, wenn ich einfach mich und alle anderen weiter belogen hätte.

Ich habe vor Kurzem mit Arcade einen Roman veröffentlicht, in dem der Erzähler—eine leicht neurotischere Version meines früheren Selbst—mit seiner ungeouteten Existenz hadert. Er ist von den gleichen Ängsten über seine Sexualität und seine Männlichkeit geplagt, die auch mich damals vereinnahmt haben. Obwohl er von seiner eigenen Queerness geradezu besessen ist, hinterfragt er nie, warum er so verzweifelt an seinem Doppelleben festhält. Für ihn liegen die Vorteile klar auf der Hand.

Und so ist es für viele Homosexuelle. So sehr sich das Leben für Mitglieder der LGBTQ-Gemeinschaft auch gebessert hat, bevorzugt ein unbekannter (ich vermute aber recht großer) Anteil der Bevölkerung weiterhin, seine Sexualität nicht offen auszuleben. Auch wenn ich gerne anderes behaupten würde: Ein Outing bringt definitiv seine ganz eigenen Nachteile mit sich.

Zum Beispiel die gar-nicht-so-unrealistische-wie-ich-es-gerne-hätte Angst davor, Opfer von Gewalt zu werden. Jedes Mal, wenn mein Freund sich mir an einer roten Ampel zu einem Kuss nähert oder mich in einem Restaurant bei meinem Kosenamen nennt, sage ich: "Hör auf! Sonst kommen gleich die Schwulenhasser!" Das sage ich zwar im Scherz, aber meine extreme Reaktion kommt nicht aus heiterem Himmel. In Amerika sind alle Minderheiten von Gewalt bedroht, aber laut der New York Times ist keine Gruppe so häufig Opfer von Hassverbrechen wie die LGBTQ-Community.

Und hier ist noch was, das dir niemand über das Schwulsein sagt: Dein Coming-out ist nie abgeschlossen. Manchmal ist das wie ein Nebenjob. Zugegebenermaßen ist es meistens halb so wild, aber tendenziell schwingt bei Coming-outs für mich immer dieses unangenehme Unbehagen mit, dem ich mich immer wieder aufs Neue stellen muss. Heteros und Ungeoutete müssen sich damit nicht rumschlagen.

Dann sind da noch die Auswirkungen, die es auf meine Karriere als Schriftsteller hat. Eine Freundin erzählte mir letztens, dass sie in einem Buchladen meinen Roman gesucht hat. Komischerweise konnte sie ihn nirgendwo finden, also fragte sie rum und entdeckte mein Buch schließlich in der LGBTQ-Abteilung. Auch wenn ich wirklich zu schätzen weiß, dass eine solche Abteilung existiert, werde ich den Eindruck nicht los, dass mein Buch in gewisser Weise ghettoisiert wurde. Ich schreibe nicht für ein schwules Publikum. Ich schreibe für alle Menschen, die mein Buch aber in dieser Sonderabteilung, getrennt von anderer Literatur bestimmt nicht finden werden.

Letztendlich spielt aber Angst die entscheidende Rolle: Angst davor, von Freunden und Familienmitgliedern zurückgewiesen zu werden; Angst vor dem Urteil Fremder; Angst davor, den Respekt und die Bewunderung der Menschen zu verlieren, die einem am nächsten stehen. Am Ende kannst du nie wissen, wie die, die du liebst, tatsächlich über so etwas wie Homosexualität denken. Es gibt einfach zu viele Beispiele von verstoßenen Kindern, ruinierten Karrieren, von Gewalt und zerstörten Freundschaften, weil Schwule sich dazu entschieden haben, ihre Sexualität offen zu leben. Am einfachsten lässt sich das alles vermeiden, indem man das Coming-out gar nicht erst wagt.

Ich überlegte, ob es vielleicht noch andere Gründe gibt, aus denen man sich gegen ein Outing entscheidet, und so habe ich nach Männern gesucht, die ihre Sexualität nur heimlich ausleben. Ich postete ein Gesuch auf Craigslist in der "Men Seeking Men"-Kategorie. "Autor auf der Suche nach ungeouteten Kerlen." Innerhalb von 48 Stunden hatten mir 16 Männer geantwortet—eine beachtliche Menge, wenn man bedenkt, dass in diesem Forum eigentlich nur Sexpartner gesucht werden. Diese Männer wollten sich einfach unterhalten. Noch niederschmetternder war allerdings der Inhalt der E-Mails. Die meisten waren verheiratete Männer, die die Menschen in ihrem Umfeld aus unterschiedlichen Gründen belügen. Nachdem ich einige von ihnen gelesen hatte, begann ich an meiner nostalgischen Anti-Outing-Verklärung zu zweifeln.

So unzuverlässig derartige Craigslist-Korrespondenz auch sein mag, die meisten Antworten klangen dermaßen plausibel, dass sie nur schwer zu fälschen gewesen wären. Gary*—40, zweifacher Vater und mit seiner High-School-Freundin verheiratet—schrieb: "Wir sind während des Studiums zusammen geblieben und heirateten nach dem Abschluss ... Ein 'Coming-out' war für mich nie eine Option oder Gedanke gewesen, mit dem ich überhaupt gespielt habe. Ich bin in einer sehr religiösen Familie und konservativen Gemeinschaft aufgewachsen. Als ich jung war, dachte ich einfach, dass meine Gefühle die Verlockungen des Teufels waren. Im College habe ich dann langsam erkannt, dass ich vielleicht anders/schwul bin, aber das wäre unter keinen Umständen von meinem Umfeld, also Freunden/Familie/etc., akzeptiert worden." Gary sagte über seinen Vater: "Er würde mich definitiv enterben und kein Wort mehr mit mir sprechen", sollte er davon erfahren—einer der Hauptgründe, seine Sexualität geheim zu halten.

Todd*—50, geschieden—sagt, dass seine überwiegend konservativen Geschäftskunden sofort das Weite suchen würden, sollte er sich jemals outen. Vor Jahren war er einmal in einen Mann verliebt. Er beschrieb die Erfahrung als "unglaublich." Jetzt allerdings "treffe ich mich nur noch unverbindlich mit Typen ... Aber auch nur, wenn ich nicht in meiner Heimatstadt bin. Keiner meiner Freunde, kein Familienmitglied und kein Kollege hat auch nur die geringste Ahnung." Auf die Frage, ob er irgendetwas bereut, antwortete er: "Absolut. Ich hätte in eine größere Stadt ziehen und mein Leben leben sollen."

Jay*, 27, erzählte mir, dass er noch mit seiner Frau verheiratet sei, aber davon träumt, sich eines Tages zu outen. "Ich hatte in den vergangenen Jahre mit einigen Verwirrungen zu meiner Sexualität zu kämpfen", schrieb er. "Aber jetzt bin ich mir sicher ... Ein paar meiner engsten Freunde kennen mein Geheimnis bereits, aber mir graut es bei dem Gedanken daran, es irgendwann mal meiner Frau zu sagen." Nach einigen E-Mails, in denen er mir eröffnete hatte, sich bis zu seinem 30. Geburtstag geoutet haben zu wollen, fragte mich Jay: "Bin ich in deinen Augen eine wertlose Person, weil ich mich in diese Position bringe?"

Es heißt, es sei die Pflicht eines jeden Schwulen, sich zu outen. So soll Homosexualität normalisiert werden. Das ist definitiv ein überzeugendes Argument. Ich finde die persönlichen Gründe für ein Coming-out allerdings weitaus bestechender—Gründe wie: nicht verrückt zu werden, offen leben zu können und nicht zuletzt zu akzeptieren, dass das eigene Glück genau so wichtig ist wie das aller anderen.

Je mehr ich mit meinen ungeouteten Brieffreunden kommunizierte—mit ihren wiederkehrenden Erzählungen von verbotenen Treffen, Doppelidentitäten und verzweifelten Gewissensbissen—, desto mehr entglitten mir meine glorifizierten Erinnerungen an meine Prä-Outing-Phase. Während ich ihre Worte las, sprudelten die Argumente für mein Coming-out nur so aus mir heraus. Ich hatte mich geoutet, weil ich die Unehrlichkeit und die Scham nicht weiter ertragen konnte. Ich hatte mich geoutet, weil ich es gehasst habe, ständig so unfassbar unauthentisch zu sein. Es ist wahr, dass das Leben als Schwuler bisweilen kein einfaches ist. Noch viel wahrer ist aber, dass das ungeoutete Leben unerträglich ist.

*Namen geändert.

Drew Nellins Smiths Debütroman, Arcade, ist bei Unnamed Press erschienen.