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Die Gewalt gegen Homosexuelle ist in Deutschland 2016 explodiert

Die offiziellen Straftaten gegen Schwule und Lesben schnellen in die Höhe—doch tatsächlich ist das Problem noch weit größer.

von Christine Kewitz und Daniel Frevel
02 Dezember 2016, 5:00am

Titelfoto: imago | 7aktuell

Es ist sowieso schon ganz schön schwer, eine Straftat zu melden. Wer hat keine Hemmungen, sich nach einem Überfall zur nächsten Polizeistelle zu schleppen? Es hat etwas unangenehm Intimes, in der neonbeleuchteten Amtsstube dein eh schon traumatisches Erlebnis noch einmal heraufzubeschwören. Nun stell dir vor, du musst nicht nur über den Vorfall sprechen, sondern auch über deine Sexualität. Dann wird es nämlich noch um einiges komplizierter.

Hier findet sich eine Ursache eines schwerwiegenden Problems. Die Zahlen homophober Gewalt sind im letzten Jahr signifikant angestiegen, aber: Sie spiegeln nicht einmal das tatsächliche Ausmaß wider, in dem Homosexuelle Opfer von Gewalt werden.

Den Anschub zur Diskussion lieferte der Grünen-Politiker Volker Beck. Er stellte am Mittwochnachmittag im Bundestag die Frage, wie viele Straftaten es eigentlich in diesem Jahr bereits gegeben hätte, bei denen die sexuelle Orientierung der Opfer im Mittelpunkt stand. Das Bundesinnenministerium guckte in seine offizielle Statistik und stellte fest: Es waren bundesweit 205 Fälle, allein in den ersten drei Quartalen des Jahres 2016. Ein Anstieg von 15 Prozent zum Vorjahr. Was war passiert? Im Vergleich zu 2005 hat sich die Anzahl der Straftaten gegen Homosexelle sogar mehr als vervierfacht. Eine mögliche Erklärung für die vermehrt eskalierende Gewalt gegen Homo- und Transsexuelle äußert Volker Beck im VICE-Interview: "Ich glaube nicht, dass die Homo- und Transphobie zugenommen hat, sondern dass die Hemmschwelle, eine Straftat zu verüben, gesunken ist."

Die offiziellen Zahlen stammen aus der Kriminalstatistik des Innenministeriums, das sich immer öfter anhören muss, ihre Statistiken seien Quatsch. Andere Daten liefert lediglich Maneo, Das schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin. Durch das Überfalltelefon und die Möglichkeit, einen Gewaltvorfall einfach online zu melden, gingen bei Maneo allein im Jahr 2015 ganze 259 Meldungen von Straftaten ein. Zum Vergleich: Die Statistik der Bundesregierung führt für Gesamtdeutschland lediglich 222 Vorfälle an.

Die Krux der ganzen Sache ist die Dunkelziffer, die bei homophoben Straftaten in Berlin die unwahrscheinliche Summe von 80 bis 90 Prozent beträgt, so der Maneo-Report 2015. Eine Zahl, die weit jenseits der Kategorie "erschreckend hoch" liegt. Doch so anders die Uhren in Berlin oft auch ticken, handelt es sich bei diesem Ergebnis einmal nicht um einen exotischen Sonderfall. Wie eine Studie der European Union Agency for Fundamental Rights herausfand, sehen die Zahlen in Europa nämlich ganz ähnlich aus.

Bis die Zahlen beim Innenministerium landen, braucht es viel Zeit. Das ist sicherlich auch ein Problem der Behörden. Alles fängt bei den Polizisten vor Ort an. Sie müssen entscheiden, ob der Dieb gestohlen hat, weil das Opfer eben schwul oder lesbisch war oder weil der Täter nur deren Geld wollte. Dann rattert die Mühle des Beamtenapparates weiter: "Einfach erklärt ist der Ablauf wie folgt: Die Beamten melden den Fall dem Landeskriminalamt, welches die Zahlen nach einer Prüfung an das Bundeskriminalamt gibt. Dieses erstellt dann die Kriminalstatistik, die dann weiter an uns geht", sagt eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums gegenüber VICE.

Foto: imago | ZumaPress

Jenseits der verschlungenen Wege durch die Behördenlandschaft kann die Anzeige jedoch auch schon viel früher unter den holzfurnierten Schreibtisch fallen. Sind die Beamten entweder nicht richtig auf den Umgang mit homophob motivierten Straftaten geschult, vergessen sie vielleicht nur die eine wichtige Frage und schon ist das politisch motivierte Hassdelikt nur noch eine schlichte Beleidigung. Das passiert so: Das Opfer erzählt, ihm wurde ein Schimpfwort hinterhergerufen, dann wurde er oder sie verprügelt. Erwähnt der oder die Betroffene jedoch nicht, dass das Schimpfwort "schwule Sau" war, sieht das Motiv sofort völlig anders aus. Was in dem einen Fall unter Beleidigung abgeheftet wird, fällt in dem anderen Fall unter das Kürzel pmK (politisch motivierte Hasskriminalität). Nur im letzten Fall geht die Anzeige an den Staatsschutz und wird daraufhin in die Statistik aufgenommen.

Und da Hass gegen Homosexuelle noch nicht lange als politisch motivierte Straftat gilt, ist auch die Polizei nicht immer sofort auf Zack. Klar, Hass gegen Linksextreme, Rechte, Ausländer oder auch gegen den Islam, das kennt der Polizist und weiß, dass es sich um politisch motivierte Kriminalität handelt. Homophobie, das ist da neu. Auch im Hasskriminalitätsgesetz werden Homo- und Transphobie nicht explizit genannt, kritisiert der Lesben- und Schwulenverband.

Doch die Strukturen in der Polizei sind nicht der einzige Grund, dass die große Masse der Fälle überhaupt nicht in irgendwelchen Statistiken auftaucht. Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband weist im Gespräch mit VICE noch auf einen anderen entscheidenden Punkt hin: "Was machen Lesben, Schwule und Transsexuelle, damit sie nicht auffallen?" In dieser erstmal relativ banalen Fragestellung steckt enormes Potential, das aufzeigt, warum viele Anzeigen gar nicht erst vorgenommen werden.

"Nehme ich es ernst? Schildere ich alle Sachen oder bagatellisiere ich den Tathergang aus Schock, Scham, Angst oder Misstrauen gegenüber der Polizei?", so Ulrich. Wer noch nicht geoutet ist, gibt ungern bei der Polizei an, dass ihm das Schimpfwort "Schwuchtel" hinterher gerufen wurde.

Was fehlt, ist eine übergreifende Aus- und Fortbildung bei Polizei und Justiz, unter die beispielsweise auch eine Schulung zu Hasskriminalität fällt. Doch die Polizei steht sich bei der Aufklärung teilweise auch selbst im Weg. "Die Leute, die sich innerhalb der Polizei engagieren, beißen immer wieder auf Granit", erklärt Maria Tischbier, Ansprechpartnerin der Polizei Berlin für LSBTI gegenüber VICE. "Weil man sich in manchen Bundesländern nicht mit dem Thema beschäftigt, gibt es teilweise je Land nur zwei bis drei Fälle und dann heißt es natürlich, es gäbe kein Problem. Da beißt sich die Katze in den Schwanz, denn wenn man sich nicht mit dem Problem beschäftigt, hat man auch keins."

In Berlin gibt es seit 1992 einen Ansprechpartner für homophobe Straftaten, ebenso wie Fortbildungen für Polizisten. Zu großen Teilen ist das ein Verdienst der Berliner selbst, die sich für solch eine Anlaufstelle eingesetzt haben. So wurde Heinz Uth damals der erste Homosexuellenbeauftragte Deutschlands und bekam für sein Engagement sogar das Bundesverdienstkreuz. Hamburg hat jetzt mit zwei Vollzeitstellen nachgezogen, in den restlichen Bundesländern herrscht jedoch noch ziemliche Dunkelheit.

Solange in der Polizei jedoch kein Schwuler beschäftigt ist, ist das auch das ein Teil des Problems. "In einer Behörde, wo es keine offene Homosexualität gibt, ist es schwierig, sich alleine dafür zu engagieren", so Tischbier. Und so fehlt dann bei vielen auch das Vertrauen, sich den Beamten anzuvertrauen. Die Polizei müsste sich also auch selbst outen, wenn in einer Dienststelle zwei offen homosexuelle Mitarbeiter arbeiten, sinkt nicht nur die Hemmschwelle der Opfer, sich dort zu melden, gleichzeitig bekommt das Thema einen völlig normalen Rahmen in der Polizei selbst.

Volker Beck sieht das ganz ähnlich: "Die Polizei muss im Umgang mit homosexuellen und transsexuellen Menschen sensibilisiert werden. Dafür brauchen wir endlich einen Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie."

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