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Sex

Untermieter haben meine Wohnung in ein Bordell verwandelt

Anfang des Jahres entwickelte sich der Südostasien-Trip einer jungen Dänin zu einem Thriller mit einer Sexarbeiterin, bedrohlichen Zuhältern und einem Berg an spermaverschmierten Papiertüchern in den Hauptrollen.

von Pernille Bang, aufgezeichnet von Søren Peter Knudsen
29 Juli 2016, 4:00am

So sah Pernilles Schlafzimmer aus, bevor sie nach Thailand reiste. Als sie wieder nach Hause kam, erwartete sie ein anderes Bild | Alle Fotos: bereitgestellt von Pernille Bang

Schon seit Anfang des Jahres häufen sich Berichte darüber, wie Airbnb-Nutzer in Kopenhagen angemietete Wohnungen in Bordelle verwandeln. Und so entwickelte sich auch der Südostasien-Trip der 26-jährigen Pernille zu einem Thriller mit einer tschechischen Sexarbeiterin, bedrohlichen Zuhältern und einem Berg an spermaverschmierten Papiertüchern in den Hauptrollen. Es folgt nun ihre Geschichte.

Im Januar ließ ich Kopenhagen hinter mir, um zusammen mit meiner Freundin Stine sechs Wochen lang durch Malaysia und Thailand zu reisen. Als Backpacker wollten wir neues Essen ausprobieren, eine uns unbekannte Kultur kennenlernen und natürlich auch der ein oder anderen Full-Moon-Party beiwohnen. Vorher versuchte ich allerdings noch, mithilfe einer Vermietungsplattform im Stil von Airbnb einen Zwischenmieter für meine Wohnung zu finden. Bisher hatte ich nur positive Erfahrungen mit diesem Service gemacht, aber dieses Mal lief es leider nicht so gut und niemand meldete sich auf mein Inserat.

Als meine Reise dann schon ungefähr zur Hälfte vorbei war, bekam ich plötzlich eine Nachricht von einer jungen Frau, die meine Wohnung schon ab dem darauffolgenden Tag eine Woche lang anmieten wollte. Da ich mein Budget bereits aufgebraucht hatte und mir eine ganze Woche umgerechnet ungefähr 670 Euro einbringen würde, sagte ich wohl etwas überhastet zu. Ich musste nur noch jemanden finden, der meine Wohnung etwas auf Vordermann bringen und die Schlüsselübergabe regeln würde.

Besagte junge Frau hieß Kitti* und sie stammte aus Tschechien. Auf ihren Fotos sah sie ganz niedlich und normal aus und sie hatte auch ein Facebook-Profil. Ich dachte mir also nichts dabei. Kitti fragte mich, ob sie auch bar bezahlen könnte, weil es anscheinend ein Problem bei der Überweisung gab. Die Vermietungs-Plattform übernimmt jedoch keine Haftung, wenn die Bezahlung nicht über sie läuft. Deswegen lehnte ich Kittis Bitte ab. Letztendlich überwies sie mir das Geld dann mithilfe eines Freunds, der ein deutsches Bankkonto besaß. Zwar kam mir das Ganze schon zu diesem Zeitpunkt etwas komisch vor, aber ich ging dann einfach davon aus, dass Kitti und ihr Begleiter auf ihrer Europareise halt sehr spontan agierten.

Ein paar Tage später fragte Kitti mich dann, ob sie meine Wohnung noch eine weitere Woche mieten könnte. "Geil! Mehr Geld bedeutet mehr Alkohol", dachte ich mir. Allerdings kam erneut das Problem mit der Überweisung auf. Dieses Mal willigte ich jedoch zögerlich ein, das Ganze per Barzahlung abzuwickeln. Meine Freundin Line, die auch schon meine Wohnung aufgeräumt hatte, traf sich mit Kitti und ihrer Begleitung, um den Umschlag voller Geld entgegenzunehmen. Später sollte sie mir erzählen, dass Kittis Freund irgendwie zu alt für sie aussah und Kitti überraschend schlechte Zähne hatte. Außerdem sind die beiden zu spät gekommen.

Ungefähr eine Woche später bemerkte ich dann in Bangkok, dass mein Bruder versucht hatte, mich anzurufen. In einer Nachricht von ihm hieß es außerdem: "Ruf mich zurück. Irgendetwas stimmt mit deiner Wohnung nicht." Aufgrund der Zeitverschiebung konnte ich ihn nicht direkt kontaktieren. Deswegen schrieb ich ihm erstmal, dass er mich anrufen sollte, sobald er wach sei.

Natürlich bekam ich auch einen Anflug von Panik, aber Stine beruhigte mich vorerst und wir besuchten die geschichtsträchtige Stadt Ayutthaya nördlich von Bangkok. Auf dem Weg dorthin malten wir uns die Worst-Case-Szenarien aus. Ich stellte mir zum Beispiel vor, wie Kitti einen Rave in meiner Wohnung veranstaltet und dabei ein riesiges Chaos verursacht hatte. Schließlich rief mich mein Bruder endlich zurück. Ein ungutes Gefühl überkam mich. "OK, haben sie meine Wohnung zugemüllt?", fragte ich ihn und glaubte dabei, auf die schlimmste mögliche Antwort vorbereitet zu sein. "Hmm, nein. Aber die betreiben da drin eine Art Bordell", meinte er.

Mir verschlug es erstmal die Sprache, weil ich mit dieser Antwort garantiert nicht gerechnet hätte. Schließlich fing ich an zu weinen und ein paar thailändische Schuljungen lachten mich deswegen aus. Stine kam zu mir gerannt und fragte, was los sei. Ich bekam jedoch nur folgende Worte heraus: "Sie ist eine Prostituierte!"

Als ich meine Fassung zumindest teilweise wiedergefunden hatte, erklärte mir mein Bruder, dass ihn mehrere meiner Nachbarn kontaktiert hätten, weil verdächtig viele Männer in halbstündigen Intervallen zu jeder Tages- und Nachtzeit in meiner Wohnung ein- und ausgingen. Und als einer meiner Nachbarn Kitti daran erinnern wollte, dass das Rauchen nicht erlaubt sei, empfing sie ihn in einem aufreizenden Satin-Kimono und High-Heels. Wahrscheinlich dachte sie, es würde sich um einen Kunden handeln. Außerdem war von lautem Rumgestöhne die Rede.

Ich flehte meinen Bruder an, irgendetwas zu unternehmen. Er wollte jedoch nicht wirklich in meine Wohnung gehen, weil er von den Nachbarn auch gehört hatte, dass Kitti ständig mit zwei älteren und ziemlich kräftigen Typen unterwegs war. Natürlich wollte ich diese Leute so schnell wie möglich aus meinen vier Wänden raus haben und rief deswegen trotz des lausigen Empfangs eine ganze Reihe an Freunden an. Es traute sich jedoch niemand, zu meiner Wohnung zu gehen. Schließlich kam ich mit Stine überein, dass wir erst im Hotel wirklich etwas bewegen konnten.

Kaum in der Lobby angekommen, setzte ich mich mit der dänischen Polizei in Verbindung und hatte eine besonders strenge Beamtin am Telefon. Sie meinte nämlich direkt, dass so etwas nun mal passieren würde, wenn man seine Wohnung für ein kleines Extraeinkommen weitervermietet. Und da Prostitution in Dänemark nicht illegal ist, konnten die Polizisten nichts tun. Man wies mich nur an, die Vermietungsplattform zu kontaktieren.

Also durchforstete ich die Seite des Unternehmens nach einer Telefonnummer—ohne Erfolg. Ich fand nur einen "Live"-Chat, in dem man mich mit einer "Vielen Dank für die Anfrage, wir melden uns so schnell wie möglich"-Nachricht abspeiste. Bei einer Google-Suche stellte sich schließlich heraus, dass der Kundenservice der Plattform des Öfteren ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. Im Grunde bedeutete das, dass ich auf mich allein gestellt war.

Spermaverschmiertes Küchenpapier in allen Ritzen und Ecken meiner Wohnung

Da ich nicht mehr weiterwusste, rief ich direkt bei Kitti an. "Hey Kitti. Ich weiß, was da bei dir abgeht. Das ist illegal und du verlässt jetzt sofort meine Wohnung", sagte ich zu ihr. Ihre Antwort war nur ein schrilles "Neeeiiiin". Nach ein wenig Hin und Her wurde ich ziemlich sauer. Schließlich erklärte sie sich dazu bereit, wieder abzuziehen—aber nur unter einer Bedingung: Sie wollte das Geld, das sie für die zusätzliche Woche bereits bezahlt hatte, wieder zurückhaben. Diese Forderung ließ mich völlig ausrasten. Ich zischte nur noch ins Telefon, dass ich ihr garantiert kein Geld zurückgeben würde, und legte auf.

Mein Telefon klingelte jedoch sofort wieder und dieses Mal war einer von Kittis Begleitern (wohl ein Zuhälter) dran. Er meinte, dass sie ihr Geld zurückhaben wollten, wenn sie die Wohnung früher als geplant verlassen müssen. Ich drohte ihm damit, die Polizei zu rufen. Daraufhin meinte er jedoch nur in scharfem Ton zu mir, dass ich diejenige sei, die ihnen Geld stehlen würde. Ich geriet in Panik und wir einigten uns darauf, dass eine Freundin ihnen den Umschlag mit dem Bargeld zurückgeben würde. Ich kam mir wirklich vor wie in einem schlechten Film und meine Hilflosigkeit ließ ein Gefühl der Übelkeit in mir hochsteigen. Meine Wohnung war nun ein Bordell und ich konnte nichts dagegen tun. Und dazu riefen mich die beiden Zuhälter noch alle zehn Minuten an, um zu fragen, wo meine Freundin denn bleiben würde.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, schickte mir meine Nachbarin von unten Fotos davon, wie Kitti und ihre Begleiter ganz eilig meine Wohnung mit vollgepackten Tüten und Koffern verlassen. Mit der Befürchtung, nun auch noch ein Diebstahlopfer zu sein, erreichte ich endlich meine Freundin Maria, die sich sofort aufmachte, das Geld besorgte und zu meiner Wohnung fuhr. Da sich meine drei Untermieter nun in ihrem Van vor dem Haus befanden, trafen sich Maria und meine Nachbarin heimlich am Hintereingang, um sich meine Wohnung anzuschauen. Dank FaceTime war ich die ganze Zeit live dabei und mein Herz schlug mir bis zum Hals, als die beiden durch die Eingangstür traten.

Als Estes fiel ihnen auf, wie heiß es in meiner Wohnung war, und ich konnte auch direkt sehen, dass alle meine Pflanzen tot herumhingen. Augenscheinlich fehlte nichts, aber plötzlich konnte ich Maria lachen hören. Sie hatte eine riesige Papiertuchrolle sowie drei Müllsäcke voller spermaverschmierter Tücher und benutzter Kondome gefunden. Und gemessen an der Sauerei in der Küche hatten Kitti und ihre Begleiter abgesehen von Dosenfisch und Fertignudeln scheinbar nicht viel gegessen.

Ich wollte nichts riskieren und bat Maria deswegen, wieder nach draußen zu gehen und das Geld zurückzugeben. Das machte sie auch direkt—ein passiv-aggressives "Das habt ihr nicht verdient" konnte sie sich bei der Übergabe jedoch nicht verkneifen. Kitti und die beiden Typen sagten nichts und fuhren einfach davon.

Vielleicht hat Kitti auch nur ganz viele traurige Filme geschaut?

Wenige Tage später holte mich eine andere Freundin vom Flughafen ab und zusammen machten wir uns mit Gummihandschuhen und Desinfektionsmittel bewaffnet daran, meine Wohnung zu putzen. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Flecken auf einem einzigen Bettbezug gesehen. Die gebrauchten Gummis und Kondomverpackungen waren wie Konfetti auf dem Boden verteilt. Außerdem stieß ich auf eine Katzenmaske, Netzstrümpfe, mit Make-up verschmierte Wattestäbchen sowie—und zwar in jeder Ritze und Ecke meiner Wohnung—mit Sperma besudelte Papiertücher. Den Vogel schossen jedoch die drei benutzten Schwangerschaftstests ab, die ich einen Monat später noch auf meinen Badezimmerspiegel fand.

Jetzt, also sechs Monate später, ist es für mich wieder vollkommen OK, hier zu wohnen. Das hat jedoch eine Weile gedauert. Natürlich ließ ich direkt das Schloss auswechseln, aber die Angst, dass Kittis Begleiter noch mal zurückkommen oder irgendwelche ihrer Kunden nachts vor meiner Wohnung auftauchen, ging dadurch nicht sofort weg. Mit der Vermietungsplattform bin ich auch noch nicht fertig, weil ich hoffe, dass man mich zumindest für die ganzen Sachen entschädigt, die ich wegschmeißen musste. Ich hätte niemals gedacht, irgendwann mal die Worte "sexuelle Sekrete" benutzen zu müssen. Jetzt schreibe ich sie allerdings quasi täglich in den Mails an das Unternehmen.

Die Beziehung zu meinen Nachbarn hat sich durch den ganzen Zwischenfall nicht verschlechtert. Nein, ich glaube sogar, dass ich ihnen eher leid tue. Und dennoch nennen sie mich manchmal noch scherzhaft "Puffmutter", wenn wir uns zufällig begegnen.

*Kitti ist zwar sehr wahrscheinlich nicht ihr richtiger Name, aber wir haben ihr Foto trotzdem unkenntlich gemacht, um die Identität der jungen Dame zu schützen.