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Vice Blog

Endlich mal wieder ein wahrer Gangsterfilm

5.8.10

Ich habe mich gestern wieder einmal gefragt, warum jeder aufhören sollte so zu tun und endlich seinem wahren Ich ins Auge blicken sollte. Denn ganz tief drinnen wären alle gerne ein Gangster. Dass die Franzosen für solche Fragen immer schon ein feineres Fingerspitzengefühl hatten ist schon seit etwas längerem bekannt, doch mit dem Zweiteiler über Jacques Mesrine von Jean-François Richet, ist eine herrliche Hommage an den wahren Kern des Gangstertums geschaffen worden.

Der „Mesrine“ Zweitteiler hat alles was ein richtig schöner Gangsterfilm braucht. Schöne Frauen, fiese Gangster, Banküberfälle Verfolgungsjagden, Gefängnissausbrüche (Im Film werden zwar „nur“ vier gezeigt, aber er ist in Wirklichkeit sieben mal ausgebrochen), und einen herrlich aufgelegten Vincent Cassel.
Doch woher kommt es, dass wir viel lieber im Kugelhagel der Polizei ins Gesicht lachen, als ein guter Bürger zu sein? Liegt es an den scharfen Frauen, die unsere Anti-Helden zahlreich abschleppen, ohne viel Mühe, meistens nur durch ein kurzes Nicken und eine raunenden Begrüßung, oder liegt es an dem vielen Geld dass sie anscheinend mühelos reinholen, und dennoch mehr vom Adrenalin des Beschaffens süchtig sind als von der eigentlichen Beute? Obwohl wir uns natürlich alle am liebsten in Badewannen voller Koks wühlen, kann es an den Drogen nur teilweise liegen, da die meisten Drogenbosse, und somit unsere potentiellen Vorbilder, den Ehrenkodex der wahren Gangster nicht besonders sorgfältig einhalten.

Doch eigentlich ist es ganz einfach. Sie sind die einzig wirklich freien Menschen, die wir in unserer vom Staat perfekt koordinierten Welt überhaupt noch haben. Sie sind diejenigen, die in einer zehntel Sekunde durch jede Facette menschlicher Emotionen gehen können, die, wenn sie beleidigt werden einfach jemanden das Gesicht einschlagen um das einzufordern was uns schon seit dem Anfang unserer Zeit eingliedert: Respekt. In kurz, sie sind keine Schisser. Ihr Name ist das einzige was ihnen heilig ist, und um diesen auf einem gewissen Level zu halten ist es ihnen ziemlich wurscht über wie viele Nichts, und damit meine ich uns, sie steigen müssen. Mesrine sagt selber dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, „Weiter oder Tod“.

Als Mesrine in Frankreich anlief kam zur genau gleichen Zeit bei uns die wirklich beschissene Verfilmung des „Baader-Meinhaus-Komplex“ in die Kinos und schaffte einen viel zu Aktion beladenen, Eleganz und Lässigkeit vermissenden, mit einem Deutschen Übereifer lahmgelegten Brei, der zwar großes Potential hatte, doch wie bei fast allem an der Umsetzung scheiterte.

Unsere französischen Nachbarn hingegen haben da ein etwas besseres Gespür, um solch geschichtlich wertvolle Themen besser darzustellen. „Mesrine“ hat es eben geschafft den alten Flair der Gangsterfilme wieder aufleben zu lassen, hat den Mythos des zwar grausamen, aber ehrenhaften Ganoven wieder perfekt inszeniert. Alleine gegen das System, von den Medien gleichzeitig gefeiert und gefürchtet. Der Film lebt durch die Geschichte, die im ersten Teil („Mordinstinkt“) mit den Anfängen des jungen Mesrine beginnt, der gezeichnet vom Algerien Konflikt sein Vertrauen in das „rechte“ System verliert und wird abgeschlossen im zweiten Teil (Public Enemy No. 1) wo sich Mesrine irgendwann selbst im Wahn seiner Gestalt im Blutrausch verliert und dennoch wieder zurückkommt. Zu der Frage eines Reporters warum er denn überhaupt Banken überfällt sagt er nur „Ich mag keine Gesetze und ich will nicht ein Sklave meines Zeitplans werden“. Jacques Mesrine wird gespielt von Vincent Cassel, doch es ist keine schauspielerische Leistung sondern mehr eine Hommage an eine große Persönlichkeit. Vincent Cassel lebt Mesrine, er spielt den unglaublich tiefen Charakter grandios, das schnelle Umschalten von verführerischem Dandy zum eiskalten Mörder, vom schlechten Mann zum liebevollen Vater, aber vor allem vom moralisch geleiteten Gauner zum psychopatischen Wilden.

Und vielleicht liegt auch hier die Antwort zu meiner Frage. Diese rumfickenden, druffen, immer zum sterben bereiten Männer zeigen uns eine Welt der Freiheit die nur vom eigenen Willen abhängt. Wie weit wagst du es, dich von der „echten“ Welt zu entfernen und was bist du bereit zu geben. Und in genau dieser Tragik liegt auch der Grund warum sich jeder, genau ihr seit auch wieder gemeint, am Ende immer trotz all seiner schlimmen und grausamen Taten auf die Seite der Gangster und gegen die spießige und unterdrückende Staatsgewalt stellt. Sie sind die einzigen, die nur sich selbst unterstellt sind und obwohl es länger gedauert hat, ist mit „Mesrine“ endlich mal wieder ein solcher Gangsterfilm gemacht worden.
Und wer sich jetzt nicht mit diesem Freiheitsdenken anfreunden will oder kann, der kann sich immer noch getrost in die Arme zahlreicher Frauen fallen lassen, immer bewaffnet mit Pistole und Drogen, und sich endlich mal richtig cool finden. Die anderen werden wie ich blutverschmiert am Boden irgendeinem Ideal entgegenkriechen.