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Der Aufstand der Geek-Girls gegen Sexismus

Bei dem Wort „Nerd“ denkt man in der Regel an dieses Bild vom blassen, unsportlichen Typen, der sich zwischen mehreren Rechnern in Muttis Keller verschanzt hat und tagelang nur von Chips und Club Mate lebt. Aber es gibt auch Geek-Girls, die sich jetzt...
12.7.13

Bei dem Wort „Nerd“ denkt man in der Regel an dieses Bild vom blassen, unsportlichen Typen, der sich zwischen mehreren Rechnern in Muttis Keller verschanzt hat und tagelang nur von Chips und Club Mate lebt.

Generell ist der Videospielkosmos fast ausschließlich auf ein männliches Publikum ausgelegt. Ich rede hier nicht mal von übersexualisierten Darstellungen—die oft beide Geschlechter betreffen—, sondern allein von der Tatsache, dass die einzigen weiblichen Figuren in den Spielen vor allem dazu da sind, vom männlichen Helden gerettet zu werden.

Ich weiß, ganz schön stereotyp. Allerdings ist das Klischee gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.

Angst vor Sonnenlicht? Check. Deutsch durchzogen von Programmiersprache? Check. Kann dir stundenlang von Computerspielen erzählen, von denen du noch nie gehört hast? Check. Aber dann kam doch etwas, das nicht in Bild passt: Frauen-Geeks.

Wirklich überrascht ist wohl niemand darüber, dass auch Frauen programmieren, zocken, Comics lesen, SciFi-Filme kucken und machen, was auch immer noch unter Nerd-Tätigkeiten fallen könnte. Wer jedoch schon mal länger in World of Warcraft unterwegs war (zugegeben, mein Blood Elf hat es nur bis Level 13 geschafft, danach hatte ich keinen Bock mehr), weiß um die sexistischen und gerne mal homophoben Kommentare.

Zumindest wenn man sich einmal auf einer Quest als Mädchen geoutet hat. Da bekommt man schnell den Eindruck, die komplette Gaming-Welt bestünde aus 15-jährigen Halbstarken, die sich ihrer Männlichkeit nicht ganz sicher sind.

Ich treffe mich mit Fiona im Computerspielemuseum in Berlin, einem Geek-Paradies voll mit Arcade Games, steinalten Gameboys und einem riesigen Joystick. Fiona geht regelmäßig zur c-base, einem Berliner Hackerspace im Raumstationstil—auch, als sie noch nicht programmieren konnte. Die dunkelhaarige Studentin mit Kopfhörern um den Hals hatte hier immer eine gute Zeit.

An einem Abend hat sie betrunken mit ihren Nerd-Freunden gechattet und erklärt, sie wolle programmieren lernen. Jetzt lässt sie es sich von zwei Freunden beibringen und schreibt darüber auf fionalerntprogrammieren, wenn sie nicht gerade mit Ethnologie-Studium, Job oder Band beschäftigt ist.

Sie erzählt, dass sie selbst ein bisschen überrascht war, als ihr Blog auf feministischen Seiten verlinkt wurde. „Ich dachte erst, dass damit kommuniziert wird: ,Krass, da lernt eine Frau programmieren.' Als wäre es etwas Besonderes.“ Denn ja, Frauen werden schon so sozialisiert, dass sie da oft gewisse Berührungsängste haben.

Plötzlich lacht sie auf: „A propos Sexismus in der Nerd-Szene“, und deutet auf die Lara-Croft-Figur, die uns ihre Brüste entgegenstreckt. Wir kommen an einem Poly-Play vorbei und Fiona erklärt mir, dass das ein alter DDR-Automat ist, auf dem man unter anderem ein Spiel namens Wasserrohrbruch spielen kann. „Irgendwie ganz schön deprimierend.“ Als sie Prince of Persia sieht, fühlt sie sich zurück in ihre Kindheit versetzt, ich bin eher fasziniert von dem 3D-Podracer-Game.

Eine andere feministische Bloggerin, die ich getroffen habe, ist Kamila—die nach einer Fast-Vergewaltigung nicht mehr die Klappe halten wollte und so zum Bloggen kam. Angefangen hat es, als vor ein paar Wochen ein Typ in der Bahn übergriffig wurde. „Als er mich gegen die Wand gedrückt und meinen Rock hochgeschoben hat, habe ich nichts gemacht. Das hat mich so geärgert. Ich hatte solche Angst, dass ich nichts tun konnte.“ Jemand am anderen Ende des Bahnhofs hat dann die Polizei gerufen. Nettes Detail: Als die Beamten sie nach Hause fuhren, durfte sie sich noch Sprüche à la „Wenn Sie so einen kurzen Rock anziehen, müssen Sie sich ja nicht wundern“ anhören.

Mein Hals schnürt sich zu, während sie davon erzählt. Dieses Erlebnis war für sie der Anlass, ihren eingeschlafenen Blog wiederzubeleben. In ihrem Post „Mut im Bauch“  schreibt sie einfach runter, was ihr passiert ist und wie sie versucht, damit klar zu kommen.

Nur einen Blogpost später rutscht Kamila irgendwie in den Geek-Feminismus. Sie ist auch regelmäßig in die c-base gegangen, weil sie sich dort wohl fühlte und die Leute ihr die Umstellung von Hamburg auf Berlin erleichtert haben. Außerdem leitet sie in den Räumen eine Science-Fiction-Theatergruppe. Aber trotzdem muss sie sich hier immer wieder sexistische Sprüche anhören.

Da kamen doch ziemlich harte Sprüche. „Die Sache in der Bahn war für mich dann der Auslöser, das aufzuschreiben. Ich hatte keinen Bock mehr, das Mäuschen zu sein, was zu allen lieb und nett ist und nie den Mund aufmacht.“ Also hat sie die sexistischen Kommentare, die sie in der c-base hörte, auf ihrem Blog veröffentlicht. Kurze Auszüge: „Wenn dich dein Freund gut zugeritten hätte, wärest du heute nicht so hysterisch!“ oder „Wenn du Eier hättest, würde man dich ernster nehmen.“ Was folgte, war geballte Nerdwut in der Kommentarleiste.

Kamila sagt, dass sie es nicht bereut, den Post geschrieben zu haben. Trotzdem möchte sie die c-base nicht als Ganzes diskreditieren, schließlich hat sie da ja auch viele positive Erfahrungen gemacht.

Charlott ist da ein anderer Schlag Geek-Girl und eher über ihr Studium der Afrikawissenschaften und Gender Studies zum feministischen Bloggen bei dem Nerdblog femgeeks gekommen. Als ich sie frage, wie viele Frauen es denn überhaupt in der Gaming-Welt gibt, wiegt sie ab. Das ginge ja schon mit der Frage los, wer als Gamer gezählt wird. „Ich kenne viele Frauen, die Wochenenden damit verbringen, ganze Welten in Sims zu bauen. Das zählt dann aber nicht und das ist natürlich ein Abwertungsmechanismus.“

Mit ihrer mädchenhaften Stimme und dem gemusterten Sommerkleid entspricht die 26-Jährige so gar nicht dem Bild, das wahrscheinlich viele von einer feministischen Bloggerin haben. Neben ihrer Arbeit für die femgeeks schreibt sie an ihrem eigenen Blog Afrika Wissen Schaft und für eins der bekanntesten deutschen Feminismus-Portale, die Mädchenmannschaft. Sie trinkt einen Schluck von ihrem Erdbeersaft und erzählt von ihrem Lieblingsspiel, Costume Quest, in dem man sich aussuchen kann, ob man den Bruder oder die Schwester spielen möchte. Das jeweils andere Kind wird entführt und muss gerettet werden. Dabei können Held oder Heldin verschiedene Halloween-Kostüme anziehen, die ihnen Fähigkeiten im Kampf gegen die Monster verleihen. „Und jede Figur kann jedes Kostüm anziehen. Da kann auch der kleine Junge die ganze Zeit als Regenbogeneinhorn rumlaufen. Das sind so Kleinigkeiten, das muss gar nicht die krasse emanzipatorische Storyline haben. Aber du merkst, dass die Leute sich Gedanken gemacht haben und das finde ich schön.“

Ich frage sie nach sexistischen Erlebnissen beim Bloggen und Spielen. Ja, das gibt es, eigentlich unablässig und es ärgert sie. Sie spricht die Beleidigungen nicht aus—bloß nicht den ganzen Mist reproduzieren.

Anders als Kamila und Charlott ist Fiona zögerlich, wenn es um die Frage geht, ob sie sich als Feministin bezeichnen würde. Sie ist mit der Bezeichnung nicht ganz glücklich. Am nächsten Tag schreibt sie mir eine Mail, in der sie es so zusammenfasst: „Label sind Label, Handlungen sind Handlungen.“

Vielleicht reicht auch manchmal nur das Label „Feministin“, um die Fronten aufzubauen, die sie vermeiden will. Zum Beispiel beim Chaos Computer Club, wo sie gern mehr Frauen sehen würde. „Es gibt da eine Schwelle, die aber von beiden Seiten aufgebaut wird. Ich fände es schön, wenn man die ein bisschen abflachen könnte.“ Sie muss schmunzeln.

„Allerdings: Der letzte Chaos Computer Congress in Hamburg war der erste, bei dem ich bei der Frauentoilette anstehen musste. Das ist ein sehr gutes Zeichen.“

Wir gehen vorbei an Lara Croft und Link aus Legend of Zelda und treten aus dem Museum. „Ahhh, Sonne!“ Fiona hebt schützend die Hände vor ihr Gesicht. Dann lacht sie: „Ach ja, manchmal stimmt das Klischee einfach.“

Fotos von Jessica López