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Melvins Youtube-Favoriten: Ein digitaler Zen-Tempel

Du hast gerade mal 10 Minuten Zeit und möchtest diese auf Youtube verschwenden? Dann tritt ein in den digitalen Hort der Ruhe und des Friedens von Melvins Youtube-Favoriten.

von MALTE BORGMANN
01 Februar 2012, 12:00am

Letzte Woche ging es darum, dass ein fundamentaler Teil von Youtube (ihr wisst schon, der Teil mit den Peinlichkeiten, Prügeleien, den Katastrophen und den süßen Kätzchen) frappierende Ähnlichkeiten zu dem Filmmaterial aufweist, das um 1900 in den ersten Kinovorführungen gezeigt wurde. Tom Gunning hat für dieses frühe Kino den Begriff „Cinema of Attractions“ geprägt. Dem Attraktionskino ging es nicht darum, Geschichten zu erzählen und eine narrativ kohärente Welt zu entwickeln. Nein, Ziel war schlicht und ergreifend, dem Zuschauer beeindruckende Bilder vorzuführen, unzusammenhängende Filmschnipsel, die ihn erstaunen, schockieren oder stimulieren sollten. Anfangs reichte dafür schon die einfache Tatsache aus, dass sich Bilder überhaupt bewegen konnten: Jeder kennt den—höchstwahrscheinlich vollkommen überzogenen—cineastischen Gründungsmythos von den panischen Zuschauern, die vor dem herannahenden Zug aus dem Vorführungssaal flüchten.

Der Reiz dieser technischen Revolution war natürlich nach nicht allzu langer Zeit erschöpft. Fahrende Züge schockten bald nicht mehr so richtig, die waren irgendwie so 1895.

Also ging man dazu über, die bewegten Bilder mit all dem anzufüllen, was sofort und unmittelbar an die Instinkte des Publikums appellierte: Gewalt, Katastrophen, Betrunkene, Slapstick und entblößte Frauenknöchel. Das Kino der Frühzeit war laut Gunning ein vollkommen exhibitionistisches Medium, das auf die Schadenfreude, die Sensationslust und die Geilheit des Zuschauers abzielte.

Es ist nachvollziehbar, dass all die visionären Feuilletonschreiber und Intellektuellen jener Zeit, die das Kino nicht sofort als stumpfsinnige Unkunst und billige Volksbelustigung abstempelten, einen gewissen Rechtfertigungsdruck empfanden, wenn sie von den künstlerischen Möglichkeiten dieses neuen Mediums schwärmten. Das Kino besaß gewaltiges Potential, die drängende Frage war nur, was man daraus machen sollte. Dazu gab es die verschiedensten Ansätze. Einer der Schönsten stammt von dem deutschen Schriftsteller und Filmtheoretiker Hermann Wilhelm Häfker. Er lehnte den narrativen Ansatz, im Kino eine mögliche Mischform aus Roman und Drama zu sehen, strikt ab. (Ironischer weise hat sich seine abschätzig gemeinte Bezeichnung „Spielfilm“ bis heute gehalten.) Häfker hielt am Prinzip der kurzen, zusammenhanglosen Filmchen fest und sah die Bestimmung des Kinos darin, die Schönheit der natürlichen Bewegung abzubilden. Für ihn war die Natur eine fertige Dichtung und im Film erkannte er das einzig angemessene Instrument, diese Dichtung festzuhalten.

Häfker wollte kurze, ruhige und maßvolle Filme, die das „immer sicht- und erkennbare und dabei immer geheimnisumhüllte und unerschöpfliche Sichregen der Dinge“ abbildeten.

Oder etwas pathetischer ausgedrückt: „Das ist das Drama, die ‚Handlungs‘-Dichtung der ‚Bewegung an sich‘. Nichts Willkürliches darin, das Sichtbarwerden eines Gesetzes, von Ketten kosmischer Ursachen, Schritt für Schritt erwartet und doch erstaunend, ungeheuer packend, in seiner majestätischen Wirklichkeitswerdung.“ Word!

Und das bringt uns nun—endlich—zu 10minutesofyourlife, einem der schönsten Youtube-Kanäle überhaupt. Dieser Channel ist eine Art digitaler Zen-Tempel inmitten des Clipwahnsinns, eine Videothek der Meditation und Ruhe. Während der Großteil aller Youtube-Videos darauf ausgerichtet ist, dich vergessen zu lassen, wie viel Zeit du gerade wieder mit dem Mist verschwendest, zwingen dich die Videos dieses Kanals dazu, das Verstreichen der Sekunden und Minuten in aller Tiefe nachzuempfinden. Das Prinzip ist denkbar einfach und erklärt sich eigentlich von selbst: Es geht um das „unerschöpfliche Sichregen der Dinge“, um die Schönheit der Bewegung an sich. Und zwar jeweils 10 Minuten lang. Keine Schnitte, kein Schnickschnack. Wer skippt, verliert.

 Hier eine Auswahl meiner Lieblinge aus der stattlichen Anzahl von inzwischen 147 Uploads.


Das ist meiner Meinung nach einer der Schönsten. Mit Abstand.


In diesem Video passiert etwas höchst Poetisches. Auf dem Stiel des Eises ist ein Witz abgedruckt. Die Pointe ist allerdings erst lesbar, wenn das Eis gegessen bzw. in diesem Fall geschmolzen ist. Das ist bei diesem Clip erst gegen Ende so weit. Man wartet also 10 Minuten auf eine ziemlich schwache Pointe und dann, ganz unerwartet, kommt plötzlich ein kleines Blatt angeflogen und verdeckt sie wieder. So als wollte das Blatt sagen: „Mein Kind, Pointen sind Schall und Rauch. Alles ist vergänglich und der Weg ist das Ziel …“


Bester Kommentar: „I’ve seen enough hentai to know where this is going.“


[ACHTUNG SPOILER] Am Schluss fallen zwei Figuren um. [SPOILER ENDE] Der beste Superheldenfilm der letzten 20 Jahre.


Kannst du fühlen, wie du älter wirst?


Scheiß auf den Kreisel aus Inception! Ach ja, und scheiß auf Inception.


Hmmm, Speck …

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