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the it's actually quite weird issue

Eine haarige Situation

Schwedens sozialliberale Toleranz reicht offenbar gerade mal bis unter die Achseln.

von Caisa Ederyd
07 Juni 2012, 9:00am

Foto von Richard Kern

Für den Großteil der Welt ist Schweden eine Bastion sozialliberaler Toleranz und fortschrittlichen feministischen Gedankenguts, aber wie sich herausstellt, reicht die Offenheit der Schweden gerade mal bis unter ihre Achseln. Und wenn die Teile pelzig sind, landet das ganze Gefasel von Akzeptanz in einem mit Schamhaaren verstopften Abfluss.

Der Haartumult begann beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest, als die unrasierte Achselhöhle der Schulbibliothekarin Lina Ehrin für den Bruchteil einer Sekunde vor einer Kamera und damit direkt in die sensiblen Augen von Millionen von Fernsehzuschauern fiel.


Kurz darauf wurde ein Screenshot auf Facebook hochgeladen, der Tausende ausfälliger Kommentare nach sich zog, wie widerlich es von Lina sei, ihre Achselhöhlen nicht zu rasieren. Schnell wurde eine Facebookseite mit dem Titel „Ta Håret Tillbaka!“ (Holt euch die Haare zurück!) erstellt, um Linas Recht auf Nichtrasur zu verteidigen und Frauen zu animieren, Fotos ihrer eigenen pelzigen Enklaven zu posten. Die Seite gefiel bald 15.000 Leuten und versammelte Hunderte Achselfotos. Die Gruppe begann, ganz reale Proteste zu organisieren, und die Diskussion schwappte aus den sozialen Medien auf die Boulevardzeitungen über. Verwirrt von dem auftoupierten Aufreger fragten wir Deidre Palacios, eine der Gründerinnen von „Ta Håret Tillbaka!“, warum ihren Landsleuten so viel an Haaren liegt.

VICE: Was meinst du mit „Holt euch die Haare zurück“? Sind sie irgendwohin verschwunden?
Deidre Palacios:
Das ist nicht wörtlich zu verstehen; es geht mehr darum, dass Frauen die Deutungshoheit über Haare zurückfordern. Ich glaube, dass die Debatte Leuten neue Denkanstöße gibt. Ein Mädchen hat mich heute angeschrieben und mir erzählt, dass ihr Freund ihre haarigen Achseln nicht toleriert. Sie war wirklich schockiert, weil sie ihn dadurch in einem ganz anderen Licht sah.

Auf der Facebookseite deiner Gruppe ist ein Bild deiner eigenen haarigen Achselhöhle. Treffen dich die negativen Kommentare, die du bekommst, persönlich?
Nein. Aber was mir etwas ausmacht, sind die Todesdrohungen, die Frauen bekommen, die Fotos ihrer Achseln hochladen. Wenn das passiert, kontaktiere ich die Polizei.

Warum haben sich die Schweden wohl dermaßen von ein bisschen weiblicher Körperbehaarung provozieren lassen?
Das ist etwas, was ich wirklich nicht verstehe. Ich arbeite als Sexualkundelehrerin und rede viel mit Jugendlichen. Mir ist aufgefallen, dass Körperbehaarung mehr oder weniger ein Tabu ist. Ich erkläre den Schülern, dass jeder anders ist—einige sind behaarter als andere, das ist vollkommen normal.

Organisierst du weiterhin Veranstaltungen, wo Mädchen ihre struppigen Achseln der Öffentlichkeit zeigen?
Ich glaube, ich werde es vorantreiben. Viele der Mitglieder sind engagierte Haaraktivisten, deshalb glaube ich wirklich, dass bei der Sache etwas herauskommt. Es gibt ein Youtube-Video, in dem Mädchen über Haare singen.

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