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Alte Herrschaften vs. Kunst

Kürzlich lief ich hinter einer alten Dame die Straße entlang und plötzlich blieb sie neben einer sehr minimalistisch gehaltenen Skulptur stehen, drehte sich zu einem Passanten und sagte: „Das ist ja der dümmste Haufen Scheiße, denn ich je gesehen habe.“
29.11.10

Kürzlich lief ich hinter einer alten Dame die Straße entlang und plötzlich blieb sie neben einer sehr minimalistisch gehaltenen Skulptur stehen, drehte sich zu einem Passanten und sagte: „Das ist ja der dümmste Haufen Scheiße, denn ich je gesehen habe.“ Und nach über sieben Jahrzehnte auf dieser Welt, hat sie die Befugnis über dieses Kunstwerk zu urteilen.

In diesem Moment war mir klar, dass ich hier über eine interessante Kombination gestolpert bin: Jeder möchte immer, dass über zeitgenössische Kunst gesprochen wird und die alten Leute haben doch die Zeit dafür. Senioren sind witzig, schamlos kritisch und absolut bereit über ihre Empfindungen zu sprechen. Alles was sie brauchen, ist eine Chance das auszuleben. Mit einer Vision machte ich mich auf und besuchte ein Seniorenheim in meiner Nachbarschaft, mit Kunstwerken im Gepäck.

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Das Bildmaterial in meiner kleinen Ausstellung sollte nach folgenden Punkten beurteilt werden: Komposition, Farbgebung und Technik. Das waren die wichtigsten Fakten, über die ich gern ins Gespräch kommen wollte. Später haben mir einige Leute gesagt, dass alle Grafiken irgendetwas albtraumhaftes an sich hatten. Sorry.

Als ich in dem Seniorenheim ankam, wartete bereits ein Raum voller älterer Damen auf mich. Sie saßen in einer Reihe vor dem Projektor und wollten Kunst sehen. Einige sahen ein wenig müde aus und waren ins Stricken vertieft, doch der Großteil war mit voller Inbrunst dabei. Es schien mir, als hätte ich sie endlich mal aus ihrem öden Alltag gerissen und niemand hielt mit seiner Meinung hinterm Zaun. Endlich konnten sie mal alles raus lassen. Der einzige Mann unter ihnen, ein Kriegsveteran und pensionierter Maschinenbau-Professor, hat bis zum Schluss gewartet, bis alle den Raum verlassen haben und dann fing er an einen großen Haufen emotionalen Ballast auf mir zu entladen. Er konnte anhand der Bilder, die auch ausgewählt hatte erkennen, dass ich für die Demoralisierung unserer Nation verantwortlich bin, harte Drogen konsumiere und lieber mit allem aufhören sollte. Offensichtlich habe ich hier ein paar wirkliche gute Künstler herausgesucht. Es gab drei großartige Ladys, die sich sehr lautstark an den Diskussionen beteiligt haben und die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Betty Cunnigham ist ein liebevolles, 92-jähriges Original aus Großbritannien Sie hat einen Abschluss der McGill Universität und zeichnet selber gern.

Diana Jamieson ist 85, kommt aus Montreal und ist nicht zu unterschätzen. Sie arbeitete 14 Jahre im „Montreal Museum of Fine Arts“ und leitete dort Führungen. Ihr Sohn Ron ist Künstler und ihr Mann widmete sich auch der Malerei. Diana erkennt Blödsinn in der Kunst sofort. Jeder hat mir erzählt, welch ein großartiger Maler ihr Ehemann war und in welchen Galerien er überall ausgestellt hat, doch sie sagte nur das er ein egoistischer Bastard war. Jedes seiner Bilder, stellte nur sein narzisstisches Selbst dar.

Rose Raba Reichmann kommt aus der Tschechischen Republik, ihr Alter wollte sie mir nicht verraten. Sie ist eine sehr einfühlsame Künstlerin für abstrakte Kunst und besuchte eine Hochschule für Bildende Künste. Sie zeigte mir viele ihrer Bilder und Fotos ihrer Skulpturen, Masken mit einem wahnsinnigen Lächeln und die Steinskulptur eines Vogels. Ich glaube sie ist ein junger Freigeist, gefangen im Körper einer alten Lady. Sie bat mich wiederzukommen und ich überlege wirklich ob ich es tue.

„STILL“ VON DANIEL RICHTER

Rose: Das ist ein imaginäres Gemälde. Man sieht Menschen im Gras. Neben dem Himmel. Die Menschen stehen alle, nur im oberen Teil des Bildes legt jemand. Mann kann nicht erkennen ob es sich bei den Personen um Frauen oder Männer handelt. Der Liegende hat eine offen Seele – oh Sorry ich meine Mund. Die Anderen stehen herum und denken sich „Was geht in ihm vor? Was geht in seiner Seele vor? Was geht in der Seele dieser Person vor?“ Das ist meine Interpretation von diesem Bild.

Würdest du es dir an deine Wand hängen?

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Rose: Ja, warum nicht. Aber du musst genau hin kucken. Es kommt darauf an: Wo möchte ich es hin hängen? Verstehst du? [Gelächter] Dieses Bild passt nicht in jeden Raum. Es müsste ein großes Zimmer sein, damit man es auch aus der Ferne richtig betrachten kann. Es ist ein sehr schönes Bild, man kann viel darüber nachdenken. Man kann es auch zu Ende malen. Nicht jedes Gemälde muss fertig sein.

Betty: Die Person ganze vorn im Bild, kniet nieder und betet den Geist neben dem Baum an. Das ist vielleicht die Seele, die dem Liegenden gerade entwichen ist. Aber WARUM hat eine Person rote Haare? Alle anderen haben keine Haarfarbe.

„MIGRAENE“ VON ANDREAS GOLDER

Was denkst du darüber?

Diana: Das Problem, was ich mit diesem Bild habe ist, dass der Künstler hier seine Idee nicht richtig rüber bringt, daran ist er gescheitert. Ein Künstler versucht immer über seine Bilder zu kommunizieren, er möchte seine Emotionen darstellen. Und ich weiß zur Hölle nicht, was er uns hier zeigen will. [Applaus] Irgendjemand fliegt hier die Treppe herunter, ja und das wars.

Was denkst du über die Farbgebung?

Oh, ich würde es mir nicht in die Wohnung hängen.

Was hätte man besser machen können?

Ich glaube, man hätte mehr ins Detail gehen können.

„MASTER OF THE UNIVERSE/FLEXMASTER 300“ VON AUREL SCHMIDT

Das Bild wurde komplett mit Buntstiften gezeichnet.

Diana: Sie ist eine clevere Künstlerin aber sie hat noch nichts Wirkliches geschaffen.

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Rose: Ich denke das ist ein imaginäres Gemälde. Sie malte einfach auf, was ihr durch den Kopf ging. Und dann hat es auch Brüste. Ich denke das es Brüste sein sollen.

Welches Wort kann das Bild beschreiben?

Diana: Depressiv

Rose: Ich glaube einige würden es „lustig“ finden.

Diana: Sie ist gut in der Technik. Sie weiß genau wie das Material richtig eingesetzt wird. Aber ich weiß nicht so ganz, was hier porträtiert wurde.

Es heißt „Master of the Universe.“

Diana: [lacht]

Rose: Oooooohhhhhhh ich verstehe.

Diana: Vielleicht mag sie keine Männer.

„BIRD SHIT“ VON DAN COLEN

Das hier heißt Bird Shit.

Diana: Das ist lächerlich. Er nennt sein Bild genau so, wie das Werkzeug, was er dafür benutzt hat. Sehr einfallsreich.

[Einige murmeln, „Ich kann nicht malen, aber das könnt ich auch!"]

Diana: Bei einer Führung hat mal eine kleiner Junge zu mir gesagt: „Das hätte ich auch malen können.“ Und ich sagte: „Ja, aber  hast du nicht.“

Über moderne Kunst wird das häufig gesagt. Welches eine Wort beschreibt dieses Bild?

Rose: Ich würde sagen „Traurigkeit.“

Diana: Es ist bedeutungslos!

Auf einer Skala von 1 bis 10, wie viel Punkte würdet ihr geben?

Diana: Minus 10.

Rose: Drei.

„BAD ROUTE“ VON MIGUEL CALDERON

Diana: Jetzt bekommen wir mal was anderes. Reale Menschen auf realen Bikes…mit Affenmasken.

Das ist von einem Fotograf. Er hat erst das Foto gemacht und dann davon ein Bild malen lassen.

[Jemand im Hintergrund ruft „Das ist Betrug!“]

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Diana: Nein das ist es nicht, es ist kein Betrug. Es gibt keinen Betrug in der Kunst. Es gibt keinen der sagt, was man machen darf und was nicht.

Rose: Das ist sehr aufgeschlossen.

Magst du die Art, wie es gemalt wurde?

Diana: Ja, es ist sehr gut. Er hat eine sehr gute Technik und versteht sein Handwerk.

Was würdet ihr den Künstler fragen?

Diana: „Warum? Warum ist dieses Bild entstanden?“

Betty: Der Künstler hat ihnen Jungle Bikes gegeben, keine normalen Motorräder. Und warum mit Affen…das versteh ich nicht.

Rose: Ich würde sagen er hat gemalt was den Jungs im Kopf rumgeht. Das was man sieht ist ein Bild. Es ist einfach Fantasie.

Was sagt ihr zum Rest des Bildes?

Diana: Sehr schöne Landschaft.

MISAKI KAWAI

Betty: Ich mag die Farben.

Was denkst du über den Gegenstand auf dem Bild?

Betty: Nein.

Diana: Sie hat die Formen nicht wirklichkeitsgetreu wiedergegeben. Keine Perspektive und so. Die Vögel sehen sehr schön aus.

Betty: Es sieht aus, als hätte es ein kleines Kind gemalt. Ja, ein sehr kleines Kind.

Würdet ihr es euch an die Wand hängen?

Rose: Dieses Bild strahlt beim betrachten eine Menge Freunde aus. Die zwei Vögel küssen sich, reden miteinander und sind einfach glücklich. Das ist das Erste was ich empfinde, wenn ich es betrachte. Dann würde ich mich auch fragen „Was denken sie sich?“ verstehst du? Was geht in den kleinen Köpfen vor? Dann sehe ich noch wunderschöne Blumen.

Wie viel Punkte würdet ihr geben, von 1 – 10?

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Rose: Für mich? Ich würde 10 geben.

Diana: Auf keinen Fall. Da ist alles falsch. Alles falsch. Die Vase ist schief. Das könnte ich nicht ertragen. Nichts ist richtig. Die Blüten sind nicht blumig. Es ist mir egal, ob sie das mit Absicht gemacht hat oder nicht, es ist einfach nicht richtig gemacht.

[es wird etwas über Heroin von Mohnblumen gesagt und dann überlegen die Senioren, um was für Blumen es sich handelt]

Rose: Das habe ich zu Beginn gar nicht gesehen, aber da ist ja noch ein kleiner Vogel. Der kleine Piepmatz auf der linken Seite ist sehr traurig. Er sieht bedrückt aus. Vielleicht reden sie über ihn. Vielleicht haben sie ihn ausgeschlossen.

Betty: Der eine Vogel an der Seite ist traurig. Die zwei in der Mitte haben Spaß.

Diana: Die zwei auf der Vase sollen nicht real sein. Sie sind auf die Vase gemalt, sie können nicht über den anderen reden!

Was denkt ihr insgesamt darüber?

Diana: Sehr depressiv. Es ist nicht gut, es ist handwerklich nicht gut gemacht. Sie hätte etwas schöneres machen können. Vielleicht sind sie einfach verdorben.