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Reisen

Eine Fahrradtour nach Tschernobyl

27.9.10

Bjørn Harvig ist dieser dänische Typ, der überall mit dem Fahrrad hinfährt. Und mit überall meinen wir nicht seinen Weg zur Arbeit oder dass er seine Eltern besuchen fährt. Wir reden von Fahrten, die ihn von Kopenhagen zu Orten wie den Iran, die Mongolei oder Usbekistan führen und eben auch nach Tschernobyl.

Letztens schickte er uns diese Geschichte von einem Trip, den er nach Tschernobyl und  in die dortigeUmgebung unternommen hat, wo er erschreckendes Zeug darüber herausgefunden hat, wie radioaktive Möbel in die ganze Ukraine und weiter verkauft wurden und das eine viel größere, herausragende Katstrophe bevorstehen könnte, bei der sich 35 Tonnen radioaktivem Staubs innerhalb kürzester Zeit auf der Welt verbreiten würden, hier also seine Geschichte:

Bevor ich Kopenhagen verließ, besuchte ich Viktoria und ihren Mann. Sie kommen ursprünglich aus Kiew, sind aber 1987 nach Dänemark gezogen. Viktoria erzählte mir, sie wird den 26. April 1986 nie vergessen. Sie war gerade mit ein paar Freunden unterwegs und auf dem Weg nach Hause, als einige Militärbusse voll mit Leuten auf der Straße an ihnen vorbeifuhren. Erst dachte sie, es wäre ein Haufen Leute auf dem Heimweg von einer Party oder einer Hochzeit, also winkten und jubelten sie und ihre Freundinnen. Aber immer mehr Busse kamen. Hunderte sind vorbeigefahren. Tausende  Menschen fuhren mit leeren Gesichtern an ihnen vorbei. Viktoria war sich sicher, dass irgendwo in der Sowjetunion ein Krieg begonnen hatte. Es war die Nacht, als der vierte Reaktor von Tschernobyl exlodierte und verglichen mit der Bombe über Hiroschima die 90-fache Menge an radioaktivem Material in die Luft stieß.

Ein verbreitetes Schild entlang des verseuchten Umkreises. Dieses auf der weißrussischen Seite besagt, dass man hier keine Beeren oder Pilze ohne die passende Ausrüstung sammeln sollte, was auch immer das sein soll.

Bevor ich mich entschied das Gebiet rund um das Kraftwerk zu besuchen, fragten mich viele Ukrainer, was ich dort tun wolle. Jeder Ukrainer hat auf die eine oder andere Weise die Auswirkungen der Explosion zu spüren bekommen, und die meisten ziehen es vor, keinen schlafenden Hund zu wecken. Vielleicht liegt es daran, dass das Desaster mein Leben nicht berührt hat, aber ich glaube, es ist wichtig, es nicht zu vergessen. Ich glaubte, die Reise dorthin würde mir helfen zu verstehen, was in dieser Aprilnacht tatsächlich passiert ist - Ich wollte ein Ereignis verstehen, das einfach abgefuckt war. In Mads Esekesens Buch Chernobyl, 20 years-20 lives fragt er, wie lange eine Explosion dauern kann. Ist sie vorbei, wenn die letzte Druckwelle nachlässt? Wenn kein Feuer mehr brennt? Wenn die Medien nicht mehr davon genervt werden, dass sie über das Ausmaß der Verwüstung an einem bestimmten Ort berichten müssen? Ich will es für mich selbst herausfinden.

Zwei Kinder auf Rollschuhen, die mich nördlich von Kiew auf eine Limo einluden.

Auf dem Weg nach Tschernobyl bin ich durch kleine Dörfer mit schäbigen und abgenutzten Baracken geradelt, wo alte Frauen Gemüsegärten pflegten—das war die Art Dörfer, in denen nur alte Leute und kleine Kinder lebten. Gleich hinter dieser Idylle ragten fünfstöckige Gebäude in den Himmel. Ein wenig Wäsche, die auf Leinen hing oder ein paar Blumen auf dem Balkon waren die einzigen Hinweise darauf, dass hinter den geschlossenen Fenstern Leute wohnen. Die Familien in diesen Kleinstädten leben dort ohne Warmwasser und Zentralheizung - den ganzen brutalen ukrainischen Winter lang.

Noch mehr Kinder.

Ich hatte ein komisches Gefühl im Bauch, als ich das erste Straßenschild in Richtung Tschernobyl sah. Nachdem ich so viel über das Gebiet gelesen hatte, fühlte es sich fast wie ein Déjà Vu an. Je näher ich kam, desto verlassener waren die Dörfer. Es war, als würde man sich einem Kriegsgebiet nähern.

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Nach der Katastrophe brauchte die Sowjetregierung mehrere Tage um die Öffentlichkeit—sowohl lokal als auch international—zu informieren, dass sich eine Katastrophe ereignet hatte. Ein paar schwedische Wissenschaftler kontaktierten die schwedische Regierung, nachdem sie einen ungewöhnlich hohen Gehalt an Radioaktivität in der Luft von Nordschweden gemessen hatten. Die Regierung konnte nichts damit anfangen, also lenkte sie ihre Aufmerksamkeit zu ihrem gewaltigen Nachbarn im Osten. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Leck in Tschernobyl eine Wolke erzeugt, die ganz Europa einhüllte. Ich habe gelesen, dass die Gebiete nördlich von Tschernobyl—heute die Republik Weißrussland—in den Tagen nach der Explosion unter grünem Regen litt. Die sowjetische Regierung hatte Chemikalien in die Luft geschossen, um die hochradioaktiven Wolken aufzulösen um sie davon abzuhalten, zu größeren sowjetischen Städten zu wandern.

Ich baute mein Zelt drei Meilen von dem abgesperrten Gebiet entfernt auf - ein Areal, dass annähernd so groß ist wie Luxemburg. Ungefähr 300 Einwohner sind trotz des Abratens der Regierung nach Hause zurückgekehrt. Die meisten Leute, die zurückgekehrt sind Ältere, die ihr ganzes Leben lang im Dorf gewohnt haben und nicht in der Lage sind, ein neues Haus zu kaufen.

Der Bereich ist mit Stacheldraht abgesperrt und das Militär untersucht die Papiere der Leute, die kommen und gehen. Die Meinungen über die Gesundheitsgefährdungen, die beim Aufenthalt in Tschernobyl entstehen, sind sehr unterschiedlich. Manche glauben, es gibt ein erhöhtes Krebsrisiko, während andere sagen, dass es dort nicht mehr Strahlung gibt als auf einem Flug von New York nach London. Ich habe mir vielleicht selbst etwas vorgemacht, aber ich finde, der Wald roch seltsam und außerdem war die Erde um mein Lager herum tot.

Entlang des Ufers des Flusses Pripyat lagen rostende Boote, die einmal Materialien und Zubehör nach Tschernobyl brachten.

Ich bin früh aufgewacht, aufgeregt und ein bisschen nervös. Es ist beunruhigend, wenn man weiß, dass man bald im Angesicht von etwas steht, das eine solch unglaubliche Menge an Zerstörung angerichtet hat.

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Man kann das Gebiet nicht eigenhändig als Tourist betreten, darum stellte ich mein Fahrrad am ersten Militärposten ab und gab dem ältesten Offizier für meine Sicherheit eine Flasche Wodka, auf die er "ein Auge haben" sollte. Dann habe ich mich mit unseren Führer Dennis und unserem Fahrer Boris getroffen.

Die gesperrte Stadt Pripyat, in der einmal 60.000 Menschen lebten, aus der Vogelperspektive.

Sobald ich auf den Rücksitz geklettert war, fragte mich Boris, wann wir den Wodka trinken würden, eine Szene, die all meine Reisegenossen auf einen gemeinsamen Nenner bringt. Ich erklärte Dennis, dass ich mich nicht unbedingt für Tschernobyl selbst  interessierte und dass ich mehr Zeit in der Stadt Pripyat verbringen wollte. Pripyat ist ein paar Meilen von der Anlage entfernt und war vor dem Unfall das Zuhause von 60.000 Leuten, die meisten von ihnen arbeiteten im Kraftwerk.

Die Überreste eines Vergnügungsparks in Pripyat.

Die Arbeiterstadt Pripyat stahl mir den Atem und mir wurde übel. Es ist faszinierend, zu sehen, wozu sich eine Stadt verwandelt, wenn keine Menschen mehr darin leben. Pripyat wurde ein paar Stunden, nachdem Tschernobyl in die Luft ging, evakuiert, und den Leuten wurde gesagt, sie sollten nur ihre notwendigsten Habseligkeiten einpacken. Ihnen wurde versprochen, dass sie später noch ihre anderen Sachen holen konnten, aber die Strahlung war—und ist immer noch—so stark, dass niemand zurückkehren durfte.

Eine vergallene Turnhalle in Pripyat.

In den Tagen, die der Explosion folgten, fuhren Leute aus Kiew in die unbewachte Stadt Pribyat und plünderten alle Häuser. Isoliermaterial, Toilettensitze, Glühbirnen - alles, was Wert hatte, wurde gestohlen und auf verschiedenen ukrainischen Märkten verkauft, und die verseuchten Waren breiteten sich wie Lauffeuer in der Sowjetunion aus.

Der große Platz in der Stadt Pripyat.

Es gibt keine Autos in Pripyat. Keinen Lärm. Man sah nu das Gras dort wachsen, wo der Asphalt aufgebrochen war. Es gab Bäume, die durch eine Treppe aus Beton am großen Platz der Stadt wuchsen.

Ein Säuglingsheim in Pripyat.

Ich ging in ein Theater, ein Freizeitzentrum und in verlassene Wohnungen. In einer Wohnung sah ich eine Uhr, die um 1:23 Uhr angehalten worden war, dem exakten Zeitpunkt der Explosion. In Kinderkrippen sah ich furchterregende, staubbedeckte Puppen, die in rostigen Kinderbetten hinterlassen worden waren.

Das Kraftwerk Tschernobyl in seinem zerbröckelnden Sarkophag aus Beton.

Tschernobyl war riesig und hässlich. Der Gedanke ist verrückt, dass die Anlage bis 2001 nicht endgültig geschlossen wurde, oder dass der Sarkophag, der sie umgibt und nach dem Unfall gebaut wurde, seit 2004 zerfällt. Dennis sagt, ein neuer wird darüber gebaut, weil die 35 Tonnen radioaktiven Staubs, die sich im Inneren des Reaktors befinden, sich sehr schnell über die Welt ausbreiten könnten und wir eine noch größere Katastrophe als die von 1986 erleben würden, sollte er komplett auseinander fallen." Dennis erzählte mir, dass gerade 4.000 Leute an der Anlage arbeiten, und da die Strahlung in diesen Bereichen so stark ist, arbeiten sie in Schichten von jeweils 45 Minuten.

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Als Tschernobyl in die Luft flog, gab es nur vier Reaktoren, aber Nummer fünf und sechs waren nur ein paar Wochen vor der Fertigstellung, und Pläne, weitere vier zu bauen, waren schon in Arbeit. Zu seiner Zeit war Tschernobyl eins der größten Kernkraftwerke in der Sowjetunion und Dennis zufolge gibt es in Russland immer noch zwei Anlagen in Betrieb, die nach dem gleichen Plan gebaut wurden. Eine dieser Anlagen befindet sich nur ein paar Stunden Fahrtzeit südlich von St. Petersburg.

Eine freundliche Verkäuferin.

Auf meinem Weg zurück nach Kiew habe ich zehn Meilen von Tschernobyl entfernt bei einem Laden in Priborsk gehalten. Nach einer Tasse Kaffee und mehreren Versuchen, mit den Einwohnern zu reden, fand ich mich selbst im Haus von Tanya und ihrem Ehemanns Mikhali wieder. Sie wohnen etwas von der Hauptstraße entfernt, in einem braunen Backsteinhaus und wir mussten über ein großes, sandiges Feld laufen, bevor wir an ihrem Vorgarten ankamen. Ein angeleinter Hund bellte mich an und aus einem Autoradio schepperte russische Popmusik. In einer Ecke stand ein Plumpsklo mit einem kleinen Fenster, das in der Form eines Herzes in die Tür geschnitten war.

Ich mit Tanya und Mikhali in ihrem Wohnzimmer.

Ich musste durch den Garten gehen, um zum Eingang ihres Hauses zu gelangen, und als ich hineinging, fand ich mich in einer kleinen Küche wieder, die mit dem Wohnzimmer verbunden war. Der Boden des Wohnzimmers war mit farbenfrohen Teppichen bedeckt und Blumenvorhänge hingen vor den Fenstern. Ein Blick in Tanyas Augen verriet, dass sie in ihrem Leben wirklich etwas durchgemacht hat. Ein Blick voll schrecklichem Kummer und grausamen Erinnerungen. Ihr Mann Mikhali schlug die Zeit tot, indem er an einer Flasche Alkohol nuckelte.

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Ich saß also auf ihrer Couch und hatte den Schoß voller Fotoalben. Es gab einen Haufen alter Bilder von zwei kleinen Jungen, die so aussahen, als wären sie in einem weit entfernten Land aufgenommen worden,  weit entfernt von dem Ort, wo wir uns aufhielten, und ich brauchte etwas Zeit um zu verstehen, dass das Tanyas und  Mikhalis zwei Söhne waren. In diesem Moment verstand ich, woher Tanyas starrer Blick kam, wenn sie redete.

Als Tschernobyl in die Luft ging, war ihr ältester Sohn Sasha (Alexander) ein Jahr alt und Tanya war schon mit Vasia (Vasily) schwanger. Um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu bieten, wurden beide zu einer Pflegefamilie in die Schweiz geschickt. Eine Menge so genannter "Tschernobyl-Kinder" wurden in den Jahren nach dem Desaster weggeschickt. "Wir verdanken ihnen unser Leben," sagte Mikhali, nachdem ich ihm nach den Pflegeeltern gefragt hatte. So, wie ich es verstanden habe, haben sie ihre Kinder 14 Jahre lang nicht gesehen und die Bilder alleine geben ihnen kein besseres Gefühl. Sasha kehrte vor ein paar Jahren wieder heim und wohnt jetzt in Kiew, aber sie vermissen ihre Kinder trotzdem.

Tanya und Mikhali hielten mich in dieser Nacht noch lange auf den Beinen. Wir saßen alle auf einem Bett im Gästezimmer und lauschten einem Ghettoblaster, während sie mich baten etwas über meine Fahrradtour zu erzählen. Auf einmal war das Verständigungsproblem aufgrund der Sprache verschwunden, obwohl ich sehr wenig Russisch und Ukrainisch sprach und sie kein Englisch.

Am nächsten Morgen bot Mikhali mir an mich zurück nach Kiew zu fahren, aber ich erklärte, dass ich lieber mit dem Fahrrad fahren würde, aus Prinzip. In Wirklichkeit dachte ich, dass sie schon zu viel für mich getan hatten. Sie hatten einen Fremden ins Haus eingeladen und mir alles gegeben. Ich war überwältigt und gerührt, als ich ihnen zum Abschied winkte. Sie blieben  stehen, winkten, bis sie schließlich zwei schwarze Punkte waren, dann verschwanden sie.

Fotos: Bjørn Harvig

Wir waren natürlich auch schon ein paar Mal in Tschernobyl, um dort radioaktive Wildschweine zu jagen, seht es euch also auf VBS.tv an!