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Das sagen Refugees in Österreich zu den Anschlägen von Paris

Refugees werden von rechter Seite gerne für den Terror von Paris instrumentalisiert. Selbst zu Wort kommen sie nur selten.

Kurz nachdem die Terroranschläge von Paris am vergangenen Freitag über 130 Menschenleben gefordert hatten, begannen auch schon die ersten Lager damit, sie für Stimmungsmache zu nutzen. Aber auch für Menschen, die Refugees bislang eher neutral gegenüber standen, stellten die Attacken auf Paris einen Wendepunkt dar. Einen Punkt, an dem die Behauptung, Refugees würden den Terror quasi mit sich bringen, oder wären selbst Terroristen, plötzlich nicht mehr so abwegig erschien.

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Einen Punkt, an dem die Angst vor Terror nicht mehr zwischen jenen, die flüchten, und jenen, vor denen geflüchtet wird, unterscheiden ließ. Einen Punkt, an dem Bilder von Helfern mit „Refugees Welcome"-Schildern und Bilder von den Anschlägen in Paris nebeneinandergestellt und mit „So was kommt von so was" betitelt wurden.

Refugees werden hier jetzt von dem eingeholt, wovor sie bereits die längste Zeit versuchen zu flüchten. Sie für die Grausamkeiten der Terrormiliz IS verantwortlich zu machen, obwohl sie eigentlich genau dem entkommen wollen, ist schlichtweg gedankenlos. Sie zu instrumentalisieren, ihnen die Schuld für die Anschläge von Paris zu geben, ist nicht fair. Vor allem, weil ihnen nicht die Chance gegeben wird, sich gegen solche Vorwürfe zu wehren.

Aber was sagen eigentlich Refugees zu den Anschlägen von Paris, wenn man ihnen eine Stimme gibt? Was würden sie den acht Männern sagen, die 130 Menschenleben auf dem Gewissen haben? Was wollen sie Europa sagen? Sind sie sich im Klaren darüber, dass es hierzulande Menschen gibt, die sie für die Ereignisse verantwortlich machen? Wir waren am Westbahnhof und haben uns mit einer Gruppe unterhalten. Um sich selbst zu schützen, wollten die Befragten ihre Gesichter verbergen. Eine Person wollte gänzlich anonym bleiben.

Ahmad, 22

Foto vom Autor

Wir sind in tiefer Trauer. Es ist grauenhaft. Wir alle trauern. In unserer Heimat Afghanistan passieren solche Dinge jeden Tag. Diese Menschen, sie sind keine Menschen. Sie sind Tiere, Monster. Aber sie sind nicht menschlich, keine menschlichen Wesen. Menschen könnten solche Dinge nicht tun. Der Mensch ist ein überlegenes Wesen—diese Terroristen sind das nicht. Sie sind der Grund, warum wir hier sind. Wir haben alle diese Dinge schon mit unseren eigenen Augen in Afghanistan gesehen, und wir dachten, wir hätten sie hinter uns gelassen. Hier in Österreich sind die Leute freundlich. Wir sind Freunde, und wir trauern gemeinsam um die Opfer von Paris. Du kannst auf meine Facebook-Seite gehen, wir alle trauern. Diese Menschen waren unschuldig. Wir sind zwar Muslime—aber diese Tiere tun diese Dinge, um damit gegen etwas zu protestieren, das vor 1000 Jahren passiert ist.

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Ohne Name

Foto: Michael Osobsky

Wir kamen hier her, um in Sicherheit zu sein. Sie sind hinterhergekommen—wie, wissen wir nicht. Wir kamen hier her für ein neues Leben. Als wir ankamen, hieß es, wir wären außer Gefahr. Wir kennen die Leute, die diese Dinge tun, nicht und wir haben sie satt. Wir sind müde und natürlich haben wir Angst. Wenn es anders nicht geht, sollte die Regierung diese Terroristen genau so behandeln, wie sie Menschen behandeln und ihnen genau das Leid hinzufügen, das sie anderen hinzugefügt haben.

Runar, 20

Foto vom Autor

Ich habe Angst, wenn ich jetzt etwas sage und mein Gesicht dabei zeige, dass sie mich verfolgen. Aber wir trauern mit Frankreich und wir stehen ihnen bei. In meiner Heimat werden täglich Bomben abgeworfen und unschuldige Menschen getötet. Sie schlitzen ihnen die Kehlen durch und schießen ihnen in die Köpfe, völlig grundlos. Wie Tiere. Ich kann dir ein Video zeigen, wenn du magst. Das war letzte Woche, ein Freund hat es gepostet—nur, wenn du es wirklich sehen willst. Es ist nicht menschlich, einer nach dem anderen. Es ist sehr schade, wenn die Menschen hier glauben, wir wären schuld daran.

Es ist fast schon erstaunlich, wie oft diese jungen Leute im Gespräch von Menschlichkeit sprechen. Sie scheinen sich beinahe dadurch zu definieren—es ist der eine Wert, durch den sie sich deutlich von den IS-Terroristen abheben. Und es ist der eine Wert, auf den wir uns jetzt gemeinsam berufen müssen.

Franz auf Twitter: @FranzLicht