Motherland

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Motherland

Der in den USA lebende Fotograf Niko J. Kallianiotis beweist mit seiner Fotoreihe, dass in seiner Heimat Griechenland trotz der Krise nicht alles schlecht ist.
22.7.15

Die Dualität meines Lebensverlaufs hat meine visuelle Identität fließend gemacht. Meine prägende Jahre habe ich in Griechenland verbracht, aber danach bin ich in die USA gezogen. Aufgrund meines Hintergrunds betrachte ich die Welt und meine Umgebung aus zwei verschiedenen Perspektiven—sowohl kulturell als auch gesellschaftlich gesehen. Dieser Umstand hat zwar mein Empfindungsvermögen geschärft, mich aber auch in eine Identitätskrise gestürzt.

Meine kulturellen und sozialen Werte sind in Frage gestellt und Gefühle der Entfremdung haben in mir den Wunsch aufkommen lassen, meine Identität wiederzufinden und neu zu bewerten. Meine Auswanderung war keine persönliche Entscheidung, meine fotografische Sprache jedoch schon. Ich versuche, mithilfe meiner Bilder meine kulturelle Gegensätzlichkeit zu kommentieren.

Die Farb-, Licht- und Motivauswahl in meinen Arbeiten ist dabei sehr wichtig und spielt eine entscheidende Rolle für meine Selbstdarstellung. Genauso wie unsere täglichen Erfahrungen und Stimmungen sind auch diese Faktoren Variablen, die auf einer zweidimensionalen Oberfläche dargestellt werden.

Für mein aktuelles Projekt „Motherland" versuche ich, Motive, Farben, Licht, persönliche Erfahrungen und Identitätsfragen zu verarbeiten, die alle meine Tätigkeit in den USA erleichterten. Als sich die griechische Finanzkrise im Laufe der vergangenen vier Jahre immer weiter verschlimmerte, häuften sich auf den beliebten Medienportalen Bilder, die von Aufruhr, Verzweiflung, Verwüstung und einer hoffnungslosen Zukunft geprägt waren.

Einige dieser Bilder wirken auf jemanden wie mich, der die eine Hälfte seine Lebens in Athen und die andere Hälfte im malerischen US-Bundesstaat Pennsylvania verbracht hat, sehr verletzend. Allerdings machen mich diese Fotos auch neugierig—sowohl als Menschen mit dem gleichen kulturellen Hintergrund als auch als Fotografen. Steht es um Griechenland wirklich so schlecht? Athen war einst das Zentrum der Demokratie, die Wiege der Zivilisation und der Künste. Aber jetzt sehen sich Rentner dazu gezwungen, sich für eine dürftige Mahlzeit in einer Schlange anzustellen?

Ich glaube, dass die durch die Medien verbreiteten Fotos natürlich schon mit der derzeitigen sozioökonomischen Lage verbunden sind, aber visuell gesehen steckt da mehr dahinter. Niemand kann die Macht dieser Bilder anzweifeln, aber sie repräsentieren auch nur Fakten, die in Sachen Thema und Inhalt auf bestimmte Medienplattformen zugeschnitten sind. Anders gesagt: Diese Pressekanäle zeigen uns nur einen kleinen Teil der derzeitigen griechischen Gesellschaft. Dieser Umstand bekräftigte mich nur noch in meiner Entscheidung, vorhersehbare, eintönige und sich allein auf Katastrophen sowie schlimme Schicksale konzentrierende Fotos unbedingt zu vermeiden.

Im Allgemeinen habe ich beim Fotografieren keine streng festgelegte Vorgehensweise und ich neige dazu, an vertrauten Orten zu knipsen. Dabei ist es unglaublich wichtig, meine schwierigen Erfahrungen und komplizierten Gefühle auf einer zweidimensionalen Oberfläche widerzuspiegeln, um die Realität in endlosen Möglichkeiten zu interpretieren.

Mit der Bilderflut in den Medien und in meiner Erinnerung versuche ich, die derzeitige Krise Griechenlands mit der Hoffnung, dem Humor, dem Stolz und der Würde abzubilden, die alle so fest in der griechischen Kultur verwurzelt sind. Unter dem goldenen Licht, das sich über die Athener Hochebene und Umgebung legt, stürzte ich mich in eine veränderte Gesellschaft, zu der ich selbst einmal gehört habe. Als ich durch die Straßen meiner Jugend lief, verspürte ich sowohl eine gewisse Vertrautheit als auch etwas Fremdes.

Ich erlebte eine vielfältige Umgebung, in der sich Harmonie und Spannungen ständig abwechseln—fühlte mich jedoch ganz wie zu Hause. Es wäre sinnlos gewesen, den derzeitigen Kampf der Bevölkerung zu ignorieren, der durch das korrupte System verursacht wurde. Allerdings wäre es gleichzeitig auch diskriminierend gewesen, die ganze Situation einseitig darzustellen, nur um eine gewisse Nachfrage zu decken.

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Genauso wie die Erholung von einer Krise wird auch meine visuelle Reise langwierig ausfallen. Zwar sind die meisten meiner fotografischen Projekte schon ziemlich persönlich, aber persönlicher als hier kann es dennoch nicht werden. Diese Arbeiten spiegeln meine Emotionen und einen großen Teil meiner Persönlichkeit wider. Manche Leute würden das vielleicht als voreingenommen bezeichnen und wahrscheinlich trifft das auch zu. Aber wie viele meiner griechischen Landsmänner bin auch ich auf der Suche nach meiner eigenen Identität und meinem Zweck—eben bloß in Pennsylvania. Vielleicht will ich im Dezember aber auch einfach nur wieder nach Griechenland zurückkehren …