Sex

Ich will lieber zur "Generation freie Liebe" gehören als zur "Generation beziehungsunfähig"

Sollten wir nicht langsam anfangen, unsere eigenen Beziehungen zu definieren, statt zwanghaft Idealen nachzueifern?

von Franziska Felber
28 April 2016, 4:00am

Foto: Flickr | Mislav Marohnić | CC BY 2.0

In letzter Zeit sehe ich immer wieder eine Veranstaltung auf Facebook, die irgendetwas mit "Generation beziehungsunfähig" verkündet. Ich nehme an, damit bin auch ich gemeint. Seit einigen Jahren treffe ich mich mit wechselnden Menschen, die alle Teil meines Liebeslebens sind. Mal ist es für ein paar Stunden, mal sehen wir uns über Monate hinweg. Mal ist es eine Person, mal ein Paar, mal mehrere auf einmal, mit denen ich intime Momente teile.

Würde ich mich deshalb als "beziehungsunfähig" bezeichnen oder eine gleichnamige Veranstaltung besuchen? Allein schon das Wort fährt meine Lust in den Keller. Ich finde, es ist Zeit, dass wir es endgültig begraben und uns stattdessen über eine zunehmend verbreitete Qualität freuen: Mehr und mehr Leute scheinen zu aufrichtiger Zuneigung fähig und leben sie in Zärtlichkeit und Verbundenheit aus, in sich stets wandelnden Beziehungen. Ohne Tabus und ohne Besitzansprüche. "Liebesfähig" trifft die Beschreibung unserer Generation viel besser.

An dieser Stelle müsste ich der Vollständigkeit halber über besagte Veranstaltung schreiben. Über den Autor Michael Nast, der mit seinen Lesungen seit Wochen große Hallen füllt und als "Sprachrohr seiner Generation" bezeichnet wird. Ich mag aber nicht. Wer das lesen möchte, bediene bitte eine Suchmaschine. Es gibt mehr als genug Texte, die entweder in die Motztiraden einstimmen oder sich dagegen wehren, gleichzeitig aber wieder auf dem Autor herumhacken. Stattdessen möchte ich etwas ganz Unerhörtes tun. Ich möchte sagen: Leute, ich finde uns richtig gut. Schön, dass wir zusammen unsere Gefühle erforschen.

Zugegeben, nicht immer ist bei all den Abenteuern der Umgang miteinander aufrichtig und die Kommunikation direkt. Klar habe ich mir schon den Kopf zerbrochen, weshalb dieser gewisse Jemand meine über die vereinzelten Treffen hinausreichenden Gefühle offenbar nicht teilt. Doch was ich durch den unverkrampften Umgang mit Intimität gewinne, ist den bisweilen auftauchenden Schmerz allemal wert. Denn mit Intimität meine ich nicht nur die körperliche Nähe. Wie nah man sich von Mensch zu Mensch in nur wenigen gemeinsam verbrachten Stunden kommen kann—davon bin ich jedes Mal wieder fasziniert.

Das betrifft übrigens auch die potentielle Konkurrenz. Geradezu rührend war für mich ein Erlebnis, bei dem sich ein Paar buchstäblich darum raufte, wer von ihnen nun an mich ran dürfe. Es hat mich nachhaltig beeindruckt, dass die Frau ausreichend beschäftigt schien, die gemeinsame Situation zu erleben, und offenbar überhaupt nicht daran dachte, mich als Konkurrenz zu begreifen. Ich traf sie eineinhalb Jahre später neulich in der Sauna wieder und nachdem wir schon einige Zeit miteinander gesprochen hatten, stellten wir plötzlich fest, dass wir uns ja bereits kennengelernt hatten. Wir lachten herzlich darüber, dass wir uns offenbar gerne nackig begegnen. Und genauso fühlt es sich an: Wir lassen voreinander die Hosen runter.

Die darauf folgenden Treffen empfinde ich meist als ziemlich gelöst—hätten wir also geklärt, ob wir auch im Bett landen können. Dann können wir uns ab sofort ja als Menschen begegnen. Nun mag es den Einwand geben, es sei erbärmlich, dass man für diese Erkenntnis vorher in die Kiste muss. Doch wir sind eben auch Tiere—und das will gelebt werden. Immer öfter lautet meine Antwort auf die Sex-Frage inzwischen übrigens "gerade nicht", auch wenn ich es mir durchaus vorstellen könnte. Vor einigen Tagen habe ich die Nacht in den Armen von jemandem verbracht, den ich gerade erst kennengelernt hatte. Und mit dem gar nichts lief. Zärtlichkeit und Zuneigung waren dennoch anwesend. Was wir uns nicht alles zu geben haben!

Ein anderes Mal führte eine intensive Zeit, die ich mit jemandem verbracht habe, dazu, dass er zu seiner Ex-Freundin zurückkehrte. Sie erzählte mir anschließend, er habe ihr zum ersten Mal gesagt, er liebe sie. Statt darüber zerstört zu sein, sah ich es so: Indem ich ihm aufrichtige Gefühle entgegengebracht habe, konnte er sich dafür öffnen. Zwar zielten sie offenbar nicht auf mich. Pech gehabt. Doch wie toll ist das denn? Einem anderen Menschen die Liebe nahebringen. Letztlich liegt es nicht in meiner Hand, ob jemand, den ich begehrenswert finde, sich von jemand anderem als mir angezogen fühlt.

Damit habe ich den seltsamen Gedanken überwunden, das Glück der Anderen könne die eigene Zufriedenheit schmälern. Im Gegenteil. Wir können uns gegenseitig inspirieren und am Glück der Anderen teilhaben. In einer Welt ohne Eifersucht steht man eben nicht vor dieser Ausschließlichkeit. Ich möchte jedenfalls nicht diejenige sein, die eine magische Begegnung zwischen Anderen verhindert—auch nicht wenn ich einen davon als meinen Partner bezeichne. Es gibt genug Leid, das wir uns gegenseitig zufügen. Da sollten potentielle Momente des Zaubers vollzogen und gefeiert werden. Und was könnte kräftiger sein als die Anziehung zwischen Menschen, die kaum in der Lage sind, die Hände voneinander zu lassen?

Ich gebe zu, dass ich nach den vergangenen Jahren Lust verspüre, mir mit jemandem etwas aufzubauen. Sich gemeinsame Erfahrungsräume zu erschließen, die erst dadurch möglich werden, dass man sich immer intensiver kennenlernt. Einfach weil man sich so gern hat, dass man nicht aufhören mag, sich zu sehen. Das kann in einer offenen Partnerschaft passieren, in einer exklusiven genauso, vielleicht sind noch weitere Partner im Boot. Denkbar ist vieles und jeder kann für sich entscheiden. Ich betrachte uns als Erforscher unserer Existenz. Unsere Generation stellt, wie schon Generationen vor ihr, Experimente mit der Liebe an. Die freie Liebe als eines unserer Versuchsfelder sorgt dafür, dass wir uns möglichst umfassend als Menschen erfahren können.