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In Bulgarien gehen selbsternannte „Flüchtlingsjäger” an den Grenzen Menschen jagen

Macheten, mit Kabelbinder gefesselte Flüchtlinge auf dem Boden: Und Bulgariens Ministerpräsident feiert das auch noch ab.
12.4.16

Während in Österreich Bürgerwehren versuchen, sich auf Facebook zu formieren, sind aus Bulgarien Videos im Netz aufgetaucht, die sich für jeden Patrioten mit Hang zur Selbstjustiz wie ein feuchter Traum sehen lassen. Mit Kabelbindern gefesselte Flüchtlinge liegen auf dem Boden, um sie herum stehen Männer deren Gesichter nicht zu sehen sind und reden in einem Mix aus schlechtem Englisch und Bulgarisch auf die regungslosen Gefangenen ein: „Back, back to Turkey, now!"


Bulgarien teilt sich mit der Türkei eine 270 Kilometer lange Grenze. Es ist eine EU-Außengrenze, teilweise mit Zäunen gespickt, teilweise auch nicht. An den freien Stellen verlaufen Flüchtlingsrouten nach Europa, gerade weil die Balkanroute immer verschlossener wird, nachdem Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien Menschen überwiegend nur noch mit gültigen Pässen und Visa ihren Boden passieren lassen. Auch über Griechenland kommen Flüchtlinge. Die Furcht vor ihnen in Bulgarien ist groß, so groß, dass nun selbsternannte „Flüchtlingsjäger" entlang der bulgarischen Grenzen auf Patrouille gehen und Jagd auf Menschen machen.

Kein ausgebildetes Militär oder die Polizei mit Eingriffsermächtigung, sondern Bürger in normalen T-Shirts, aber mit Macheten. Sie nennen sich selbst auch „Patrioten", doch anders als in Österreich scheint in Bulgarien die breite Masse diese Treibjagd gutzuheißen: Laut einer Meinungsumfrage des staatlichen Fernsehsenders BNT sprachen sich ganze 84 Prozent der Zuschauer für die Praktiken der Milizen aus, nur 16 Prozent verurteilten die Patrouillen.

Zum Star der Flüchtlingsjäger avancierte mittlerweile Dinko Valev. Er gibt ausländischen Medien Exklusiv-Interviews, lässt sich auf Panzern oder im Bademantel posierend ablichten und wird im Netz als „Superhero" zelebriert:

In den Kommentaren überschlägt sich die internationale Internetgemeinde: „God Bless you Dinko ", „A hero we need", „This guy is a hero. I'm not even joking around" und polnische User gratulieren und schicken herzliche Grüße. Nun könnte man meinen: „Na und? Abgefuckte Leute gibt es im Internet genug, das ist nicht repräsentativ." Definitiv. Nur richtig bitter wird es, wenn der höchste Repräsentant des Landes, Bulgariens Ministerpräsident Bojko Borissow, die Aktionen der Flüchtlingsjäger selbst abfeiert, wie EurActiv.com berichtet: „Jede Hilfe für die Polizei, für die Grenzpolizei und für den Staat ist willkommen. Ich habe ihnen [den Mitgliedern der Bürgerwehr] gedankt und den Direktor der Grenzschutzpolizei ausgesendet, um sie zu treffen, damit sie ihre Informationen koordinieren können. Dies ist unser gemeinsamer Staat. Jeder, der hilft, verdient Dank."