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Welche Menschen treiben sich an einer Tattoo-Convention herum?

Wir waren an den Ink Days in Regensdorf und haben uns umgehört.
05 April 2016, 7:00am
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Es gibt nur wenige Dinge, die unsere Generation vereinen. Trotzdem werden wir immer öfters in einen Topf geworfen: Mal unter dem Begriff der Generation Y, mal als Generation Praktikum, mal als Generation der Möchtegern-Faulen. Vielfach fangen diese Konzepte zwar einige von uns ein, kaum aber die ganze Generation.

Etwas, das uns aber tatsächlich von der Generation unserer Eltern unterscheidet ist, dass wir es als normaler ansehen, unsere Haut mit für immer bleibender Tinte zu schmücken. Galten Tätowierte vor einigen Jahrzehnten vorwiegend noch als Rebellen, hat spätestens das Arschgeweih die Wahrnehmung des Hautschmuckes verändert. Sei es nun den Namen von Miley Cyrus, melancholische Indie-Songzeilen oder auch einfach mal ein Hakenkreuz—irgendein Motiv findet bei immer mehr von uns den Weg unter die Haut. So hatte sich 2009 in Deutschland rund jeder vierte Mann und jede vierte Frau zwischen 35 und 34 Jahren dazu entschieden, ein bisschen Schmerzen und Blut gegen eine Körperverzierung einzutauschen.

Screenshotvon Facebook

Diese breite Akzeptanz bietet nicht nur eine solide Basis, für satirisch gemeinte aber oftmals als todernst verstandene Facebook-Seiten, die einen direkten Zusammenhang zwischen Tätowierungen und der Anfälligkeit für Kriminalität herstellen, sondern auch für die Verbreitung von Tattoo-Studios und Tattoo-Conventions. Ich habe mich gefragt, welche Leute sich an einer solchen Messe herumtreiben und vergangenes Wochenende die Ink Days in Regensdorf besucht. Die wichtigste Erkenntnis: der Unterschied zur Landwirtschaftsmesse fällt kleiner aus, als ich erwartet habe—nur bringen eben Motive aus Tinte die Augen zum Strahlen und nicht das neuste Modell eines John-Deere-Traktors.

Oliver, 19, und Michi, 20

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VICE: Wieso seid ihr heute hier?
Oliver: Wegen einem bestimmten Tätowierer, der Anime- und Cartoon-Tattoos macht. Michi hat gestern eines bei ihm stechen lassen und heute sind wir wieder hier, weil wir beide feste Kunden bei ihm werden.

Was hast du dir denn stechen lassen?
Michi: Einen Anime-Cartoon von Soul Eater. Einen Mond.

Und ihr wusstet vorher schon, dass dieser Tätowierer an den Ink Days ist?
Oliver: Michi hat das gewusst.
Michi: Ich habe das gewusst, ja. Ich kenne sein Studio True Body Art schon ein bisschen. Da sind wir einfach vorbeigekommen, er hatte gerade Zeit und ich habe das machen lassen.

Seid ihr öfters an solchen Conventions?

Oliver: Nein, zum ersten Mal.
Michi: Ich war schon ein, zwei Mal. Also zu oft.

Wieviele Tattoos habt ihr schon?
Michi: Ich habe sieben.

Wann habt ihr euer erstes stechen lassen?
Beide: Mit 17.
Oliver: Seitdem sind wir quasi süchtig. Man findet immer wieder etwas Neues und möchte das haben.

Was muss ein Tattoo haben, damit es euch gefällt?
Oliver: Für mich muss ein Tattoo nicht unbedingt einen Sinn haben. Es muss kosmetisch sehr schön sein und es muss zur Person passen. Ich habe mehr die Cartoon-mässig Art auf meinem Körper. Also eher Cartoons aus der Kindheit als Erinnerungen. Ich finde, das passt zu mir. Ich arbeite mit Kindern und bin sehr mit diesen Cartoons verbunden.
Michi: Ich habe nur zum Spass angefangen. Zuerst habe ich gedacht, ich möchte etwas schlichtes. Irgendwann habe ich aber gedacht, dass ich etwas möchte, das mich im Leben schon begleitet hat. Darum habe ich zum Beispiel zwei Wappen eines Games. Als nächstes möchte ich ein ganzes Anime-Bein fertigstellen. Die Anime-Tattoos gehören zu mir, weil ich wirklich oft Animes schaue. Ich will sozusagen mein Leben tätowieren.

Laura, 31, und Michele, 21

VICE: Wieso seid ihr heute hier?
Michele: Ich möchte schauen, wer hier so rumschleicht.
Laura: Um neue Ideen für eigene Tattoos zu sammeln.

Ihr kennt euch also schon aus in der Szene?
Michele: Ja, ich habe selbst ein Tattoo-Studio.
Laura: Ich bin noch Anfängerin beim Tätowieren lassen. Ich habe mein erstes gerade erst vor Kurzem stechen lassen.

Und was hast du dir machen lassen?
Laura: Eine Kombination aus einer Eule und einem Traumfänger.

Cool! Das nächste hast du auch schon geplant?
Laura: Ja, die nächsten 13.

Die nächsten 13?! Die hast du alle schon geplant?
Laura: Ja, ich weiss, was ich für Motive will, aber noch nicht wohin ich die machen lassen soll.

Und wie fiel dein Entschluss zu deinem ersten Tattoo?
Laura: Ich wusste schon lange, dass ich eines möchte. Einfach weil es mir gefällt. Aber es hat lange gedauert, bis ich einen Tätowierer gefunden habe, den ich gut fand. Das hat etwa drei Jahre gedauert. Jetzt habe ich ihn gefunden und weiss, wo ich einen grossen Teil meiner 13 geplanten Tattoos machen werde—eins oder zwei werde ich auch bei Michele machen.

Daniel, 29

VICE: Was hat dich heute an die Ink Days gebracht?
Daniel: Ich habe einen eigenen Tattoo-Shop in Winterthur Umgebung und möchte schauen, was es Neues gibt.

Fährst du durch die ganze Schweiz, um dir das anzuschauen?
Nein, nur an die Conventions, die in der Nähe sind. Sonst ist das zu zeitaufwendig.

Und was gibt es Neues hier?
Super Künstler, ich habe viel Neues erfahren, etwa über neue Methoden. Es lohnt sich.

Janick, 24

VICE: Wieso bist du heute hier?
Janick: Ich bin Piercer beim Stechwerk in Zürich. Man muss das hier einfach gesehen haben. Man muss dabei sein und auf dem Laufenden bleiben. Vor allem ist es aber einfach geil.

Du gehst also an alle Conventions in der Schweiz?
Natürlich, ja.

Was macht denn für dich die Faszination an Tattoos oder Piercings aus?
Wir leben im 21. Jahrhundert und wir haben die Möglichkeit, unseren Körper so zu gestalten, wie wir wollen. Sei das durch Tattoos, Piercings oder Body Modifications. Natürlich auch durch optische und plastische Chirurgie. Wir können unseren Körper nach unserem Gutdünken verändern—das muss man doch ausleben.

Also im Grunde einfach eine eigene Vorstellung von Ästhetik zu leben?
Genau. Ob man sich nun die Zunge spalten lässt, sich Silikonimplantate macht oder ob man sich nur einen einfachen Ohrring sticht—das alles ist eine Veränderung am Körper, genauso wie auch ein neuer Haarschnitt oder verlängerte Fingernägel. Da mache ich keinen Unterschied. Jeder Mensch soll selbst bestimmen, wie sehr er sich verändern möchte.

Welche Veränderung an dir selbst bedeutet dir am meisten?
Ich mache am liebsten das, was mir gefällt. Mir gefällt ein normales Tattoo genauso wie ein Plug. Bei jedem gibt es einen anderen Bezug oder einen anderen Beweggrund, das zu machen. Teilweise ist es nicht nur die Ästhetik. Wenn du dir etwa ein Magnet in den Finger setzen lässt, hat das auch praktische Vorteile.

Hast du denn ein Magnet im Finger?
Magnete habe ich noch keine, nein.

Ich kann mir spontan gerade keinen praktischen Vorteil vorstellen. Was machst du denn damit?
Man kann natürlich die ganzen Gags machen, eine Büroklammer aufheben zum Beispiel. Irgendwann wird das aber langweilig. Dann hat man noch den Vorteil, dass man sozusagen einen sechsten Sinn hat. Man spürt über ein Vibrieren im Finger, wenn man in magnetische Felder kommt.

Uschi und Sarah, beide 29

VICE: Wo kommt ihr beide her?
Beide: Aus Lörrach in Bayern.

Was hat euch heute nach Regensdorf gebracht?
Sarah: Mein Mann tätowiert hier.
Uschi: Ich bin Begleiterin.

Du reist also immer mit, wenn dein Mann an einer Convention tättowiert?
Sarah: Ab und zu schon.
Uschi: Wir sind ja aus Lörrach, das ist nur eine Dreiviertelstunde entfernt.

Ihr seid beide auch tätowiert. Hat deine Tattoos dein Mann gemacht, Sarah?
Sarah: Die meisten schon, ja.

Welches davon ist denn dein Liebstes?
Sarah: Das Hals-Tattoo.

Sebastian auf Twitter: @seleroyale
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