Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
News

Wir haben mit dem russischen Aktivisten gesprochen, der seine Eier an den Roten Platz genagelt hat

Petr sucht Aufmerksamkeit, damit die Leute hinterfragen, was passiert, und verstehen, welche Macht die Propaganda totalitärer Ideologien ausübt. 

von Tristan James
15 November 2013, 4:01pm

Petr bei einem Protest

Jedes Jahr ehrt Russland seine Polizei mit einer eintägigen Gedenkfeier namens „Polizeitag“. In diesem Jahr zollten die Zuschauer der Exekutive ihren Tribut, indem sie zusahen, wie Wladimir Putin öffentlich weinte und Petr Pavlensky seine Hoden an den Boden des Roten Platzes nagelte. 

Petr ist ein politischer Künstler und für seine schmerzvolle Aktionskunst bekannt. Er wickelte sich bereits in Stacheldraht ein, um gegen restriktive Gesetze zu protestieren, und nähte sich für die Unterstützung von Pussy Riot den Mund zu. Dieses Mal verurteilte er mit seiner Selbstverletzung „Russlands Abstieg in einen Polizeistaat“.

Ich habe mich mit Petr in Verbindung gesetzt, um zu fragen, wie sein Protest gelaufen ist. 

VICE: Hi Petr. Vor ein paar Tagen hast du deine Eier an den Roten Platz genagelt. Kannst du mir ein bisschen mehr von deiner Aktion erzählen?
Petr Pavlensky:
Es sind nicht die Machthaber, die Menschen an den Eiern ziehen, es sind die Menschen, die sich selbst einschränken. Es wird nicht mehr lange dauern, bis alle im Knast sitzen, aber es wird niemandem mehr etwas ausmachen, weil sich das Land bis dahin in ein Staatsgefängnis verwandelt haben wird. 

Du bist doch Künstler, oder? Inwieweit hat das Einfluss auf deinen Aktivismus? 
Ich bin ein Künstler, der politische Kunst schafft. Aktivismus ist ein wichtiges Lebensprinzip von mir—er ist die Folge von primären und sekundären Überlegungen und Theoriebildungen. Kein Argument kommt ohne eine entsprechende Handlung aus. Dennoch sind politische Kunst und Aktivismus nicht das Gleiche. Aktivismus ist der Kampf und das Aufrütteln der Gesellschaft. Politische Kunst richtet sich auf die Zerstörung und die Enthüllung des Machtapparats. Unter bestimmten Umständen ist sie ein Katalysator politischer Prozesse. 

Ich verstehe. Worauf fokussierst du dich? 
Ich fokussiere mich auf politische Kunst. 

Würdest du Pussy Riot als politische Aktivisten bezeichnen? 
Ja. Momentan gibt es ein massives Erwachen, wie wichtig [die Verbindung von] Kunst und Politik ist. 

Der russischen Regierung gefiel Pussy Riots politische Kunst nicht. Wie haben die Leute auf deine Aktionen reagiert?
Die Reaktionen schwanken zwischen Anschuldigungen, verrückt zu sein, über Bedrohungen und Racheankündigungen bis hin zu dankenden und unterstützenden Briefen. 

Petr mit an den Boden genagelten Hoden

Hast du keine Angst vor der Polizei? 
Die interessiert sich dafür, warum ich tue, was ich tue—ob ich eine geheimnisvolle Agenda verfolge oder ob ich es für Geld mache. Im Grunde will sie meine Motive erfahren. Auf dem Roten Platz haben Polizisten mich mit einem Tuch zugedeckt, angeblich, um mich warm zu halten, aber in Wirklichkeit haben sie es nur gemacht, um mich vor Zuschauern und Kameras zu verstecken. Als sich die Menschenmenge aufgelöst hatte, haben sie es wieder weggenommen. 

Warum spielt Selbstverletzung eine so große Rolle in deiner Arbeit?
Ich will zeigen, was das Establishment mit der Macht, die es hat, anstellt. Diese Macht ist eine Form von Gewalt und ich kann nur diesen deutlichen visuellen Code imitieren. 

Muss dieser Gewalt mit Gewalt begegnet werden?
Nicht immer. Aber Gewalt, die sich gegen etwas anderes Gewalttätiges richtet, ist eine effektive Befreiungsmethode. Bis jemand liquidiert wird. Es herrscht eine Philosophie des endlosen Blutbads; es ist ein absichtlich zirkulärer Gewaltmechanismus, aber wenn du in sein Getriebe kommst, kannst du ihn zu einem kreischenden Halt bringen. Dann hast du die Möglichkeit, ihn für immer anzuhalten.  

Was willst du mit deiner Kunst erreichen? 
Ich habe zwei Prioritäten: Erstens will ich die Möglichkeiten und Leichtigkeit des Aktivismus zeigen. Als Hilfsmittel kannst du deinen Körper oder Haushaltsgeräte benutzen. Du brauchst kein Geld, um eine Aussage zu machen. Was du brauchst, sind lediglich Motivation und das Verlangen, die von der Macht aufgezwungenen Phobien zu überwinden. Zweitens bewirken die Aktionen Reaktionen und Kritik von Leuten. Es ist ein sozialer Reflex. Die Leute hinterfragen, was passiert, und verstehen, welche Macht die Propaganda totalitärer Ideologien ausübt. 

Cool. Was kommt als Nächstes? Hast du vor, gegen die Unterdrückung von Homosexuellen zu demonstrieren?
Das können Mitglieder der LGBTIQ-Community besser. Ich bin total für die Überwindung sexueller Repressionen und Tabus, aber sie sind diejenigen, die verstehen müssen, was genau passiert. Ich habe kein Recht, für sie zu sprechen. Meine Arbeit ist organisch. Sie besteht aus einer Vielzahl von Ereignissen und Situationen von Menschen in meiner Umgebung. Alles, was ich tue, sind Einzelhandlungen. Ich arbeite nicht seriell, deshalb habe ich keine weiteren Pläne. 

Super. Danke, Petr.

Mehr über Russland:

Russische Neonazis jagen Schwule über soziale Netzwerke

In Moskau gibt es einen echten Fight Club

Um zu überleben, bin ich lieber keine Lesbe

Tagged:
Putin
Russland
Kunst
Polizeistaat
Unterdrückung
aktivismus
Vice Blog
Menschenrechte