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Popkultur

Ein Instagram-Model verkündet das Offensichtliche: Social Media ist fake

Die 18-jährige Australierin Essena O'Neill beklagt im Netz die Inszenierung auf Facebook und Instagram: „Alles, was ich gemacht habe, war bearbeitet und nur dazu da, um mehr Views und Follower zu generieren."
4.11.15

„Dieses Mädchen enthüllt die Wahrheit über Social Media", „Dieses Instagram-Model hat genug" und „Social Media hat mein Leben zerstört"—seit gestern taucht in meinem Newsfeed immer wieder dieselbe Geschichte mit etwas anders formuliertem Titel auf. Es geht dabei um die 18-jährige Australierin Essena O 'Neill—eine Instagrammerin mit beinahe 850.000 Followern, YouTuberin und sehr hübsch—, die genug von der angeblichen Social Media-Knechtschaft hat. Inzwischen hat sie sowohl das Erklärungs-Video als auch ihren Instagram-Account gelöscht.

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Mit ihrem Aussehen und Promo-Postings hat sie etwa 2.000 Euro im Monat verdient und ist damit in ein Hamsterrad der Oberflächlichkeit geschlittert. Diese Karriere beendet sie nun mit einem dramatischen YouTube-Video, das mit dem geschriebenen Satz „ This is my Last Ever Post on YouTube " beginnt. In über 17 Minuten erklärt sie uns dann den Tränen nahe, dass Social Media „fake" sei und sie den Druck, unter dem sie steht, nicht mehr erträgt.

Ihr Erfolg und das Bild, das sie auf ihren Social Media-Kanälen von sich selbst konstruiert hat—das Bild von einem Mädchen, das alles hat—würde sie fertig machen. „Alles, was ich gemacht habe, war bearbeitet und nur dazu da, um mehr Views und Follower zu generieren. Ich habe stundenlange Shoots gemacht, um Bilder für Instagram zu machen", erzählt sie.

Es folgt die große Neuigkeit: Social Media ist ein Business, mit dem Geld gemacht wird und das harte Arbeit ist. Boohoo. Wo hier die große Neuigkeit, die Enthüllung und das Geständnis liegen, das viele in dieser Botschaft zu sehen glauben, konnte ich bis jetzt nicht erkennen. Ja, Social Media ist ein hartes Business und Instagram-Models arbeiten, um schöne Fotos hinzubekommen, denn schöne Fotos bedeuten mehr Follower, Sponsorships und folglich mehr Geld. Dass dieses Business für junge Frauen mehr als hart ist, steht für mich außer Frage.

Bei der aktuellen Debatte stelle mir aber eine ganz andere, und zwar: Gibt es tatsächlich Menschen, die denken, Social Media würde 1:1 das echte Leben abbilden? Gehen Leute wirklich davon aus, dass Menschen rund um die Uhr von wunderschönen Fotomotiven, Green Smoothies und Ellie Goulding, die zufällig bei ihnen vorbeischaut und gerne freiwillig lustige Partyspiele mit ihnen macht, umgeben sind? Bitte sagt nein.

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Foto: Screenshot via YouTube

Social Media bedeutet immer auch Inszenierung, nicht nur für durchtrainierte Instagrammerinnen. Wenn ich mit Freundinnen Selfies mache, kann es schon mal vorkommen, dass wir 25 schießen, bis uns eines gefällt. Instagram ist nicht das echte Leben und diese Tatsache sollte uns allen bewusst sein. Jeder von uns postet dort die guten (oder auch die besonders schlechten, mitleidswirksamen) Momente.

Die Momente, in denen wir frisch vom Friseur kommen und finden, dass wir gut aussehen, die Momente, in denen wir ausnahmsweise etwas Gesundes essen und die, in denen wir nicht in unserer unaufgeräumten Wohnung, sondern in einem besonders hippen Lokal sitzen. Oder eben die Momente, wenn wir verlassen wurden, verlassen haben oder der Herbst uns besonders depressiv macht.

Jeder von uns bastelt sich auf Facebook, Instagram oder YouTube ein Bild von sich selbst zusammen, das man seinen Followern gerne zeigen möchte. Das ist ja gerade der Reiz an Social Media: Man kann sich abseits vom Alltag für Menschen, die einen noch nicht (oder nur anders) kennen, neu erfinden. Nur neu ist daran so gar nichts.

Manche Bloggerinnen haben in ihren Wohnungen eigens frei geräumte Ecken, damit sie Bilder vor einer weißen Wand schießen können—weil Bilder vor weißen Wänden nun mal oft besser aussehen als Bilder vor einer halb ausgetrockneten Pflanze.

Die Entscheidung, ob man sich an diese Normen anpassen und innerhalb solcher Plattformen Geld verdienen möchte oder nicht, liegt bei jedem von uns. Wenn ihr Fotos von euren Pickeln oder echte Schnappschüsse, die ihr nun mal schön findet, weil sie etwas Besonderes sind, posten wollt, dann tut es.

Fühlt euch nicht gezwungen, eine spezielle Vorstellung von „schön" erfüllen zu müssen. Aber realisiert bitte, dass diese Schönheit auch bei allen anderen nicht ohne harte Arbeit vorkommt. Dafür sollte es eigentlich nur ein bisschen Hausverstand brauchen und nicht Videos von Social Media-Stars, die das Social Media-System anprangern.

Verena auf Twitter: @verenabgnr