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Popkultur

Die Legende der jungen Frau, die in den Katakomben von Odessa gestorben ist

Wir haben uns mit dem mysteriösen Tod des Mädchens „Masha" auseinandergesetzt, das ein unterirdisches Tunnelsystem nicht mehr lebend verlassen hat, im Internet jedoch weiterlebt.

von Mike Pearl
28 Oktober 2015, 5:00am

Illustration: Penelope Gazin

Was dem Labyrinth von König Minos im echten Leben wohl am ehesten gleicht, ist ein Tunnelnetzwerk unter der ukrainischen Stadt Odessa. Diese Tunnel bilden auch den Schauplatz für die tragische Geschichte von Masha, einer unschuldigen Partygängerin, die sich zusammen mit ein paar Freunden in die Katakomben vorwagte, sich dort dann verlief und schließlich für immer verschwand.

Obwohl diese Geschichte im Internet als Tatsache verkauft wird, gibt es trotzdem nur wenige Dokumente, die die Legende von Masha untermauern. Eigentlich behaupten nur ukrainische Höhlenforscher, die Details zu dem Fall und allgemein zu den Katakomben zu kennen.

2009 erstellte ein solcher Forscher namens Eugene Lata einen Forumseintrag auf der Website Urban Explorer's Resource (UER) und brachte damit die Story von Masha in die englischsprachige Welt. Ihm zufolge beginnt die Geschichte in der Silvesternacht 2005. Es war neblig und die Temperaturen bewegten sich um den Gefrierpunkt. Masha war mit einer großen Gruppe Freunde unterwegs, um zu feiern und um sich zu betrinken. Es ist nicht bekannt, ob es sich bei den Jugendlichen um Schüler von Odessas Schule Nummer 56 handelte, aber russischen Nachrichtenportalen zufolge fanden sie dort den Eingang zu den Minen.

Natürlich war es keine besonders kluge Idee, dort hinunterzusteigen. Die einzigen Menschen, die da unten etwas zu suchen hatten, waren die Arbeiter der noch aktiven Kalkminen. Dieser Umstand hat jedoch nur wenige Leute davon abgehalten, sich in den Katakomben umzusehen. So gibt es auch Geschichten von industriellen Weinherstellern oder Pilzzüchtern, die ihre Produkte im Tunnelsystem reifen oder wachsen lassen und sich dabei sicher sind, dass sie dort unten keiner stört.

Wir wissen nicht genau, nach was Masha suchte, als sie mit ihren Freunden in die Katakomben hinabstieg. Vielleicht waren sie auf einen Schatz aus, wenn man bedenkt, dass es Gerüchten zufolge irgendwo unter der Schule Nr. 56 einen kleinen Titanic-Nachbau aus purem Gold gibt. Vielleicht wollten die Jugendlichen aber auch ein paar Leichen entdecken. Andere Gerüchte besagen nämlich, dass sich in den Katakomben die Leichen von während des Zweiten Weltkriegs ermordeten Juden befinden. Dazu gibt es noch Hinweise darauf, dass dort unten massenweise Nazi-Soldaten exekutiert wurden.

Alle Fotos: Wikimedia-Commons-User Полищук Денис Анатольевич

Sich in den Katakomben zurechtzufinden, ist kein leichtes Unterfangen—vor allem dann nicht, wenn man womöglich betrunken ist. Schätzungen zufolge erstreckt sich das Tunnelsystem über knapp 2.500 Kilometer und ist damit das längste Katakomben-Netzwerk der Welt. Auf Platz Zwei folgt der Untergrund von Paris mit einem Fünftel von Odessas Länge.

Außerdem sind die Katakomben nicht gerade der sicherste Ort, den man sich vorstellen kann. Einige Abschnitte werden regelmäßig mit Grundwasser überflutet, in anderen wurden die Decken notdürftig mit selbstgebauten Stützbalken abgesichert. Zudem hat man in einigen Teilen das Belüftungssystem komplett abgebaut. Auch als Mordschauplatz eignet sich das Tunnelsystem sehr gut. Letzten Monat verurteile man einen jungen Mann, weil der in den Katakomben wohl seine Teenager-Freundin mit einer Axt umgebracht hatte. 2011 wurde außerdem durch Zufall ein männliches Mordopfer unter Odessa gefunden, nachdem es dort wohl schon zwischen drei und sechs Monaten am Verrotten war.

Im Vergleich zu dem, was angeblich mit Masha passiert ist, klingt ein Mord mit anschließendem Abladen der Leiche in den Katakomben jedoch wie ein Kindergeburtstag.

Die Teenager sollen sich die ganze Nacht in den Tunneln aufgehalten haben. Am Morgen wurde ihnen dann die Kälte zu viel und sich machten sich auf den Rückweg nach Hause. Durch ihre benebelten Sinne haben sie Masha dabei jedoch unabsichtlich (oder vielleicht auch böswillig) in den Katakomben zurückgelassen.

Wenn Masha kurz allein sein wollte, zum Beispiel um ihre Blase zu entleeren, dann ist es schon möglich, dass sie schnell außer Hörweite geriet. Vielleicht musste sie sich ein paar Mal an einer Weggabelung für eine Richtung entscheiden und wusste dann nicht mehr, wo sie sich befand. Es ist wohl auch ziemlich unwahrscheinlich, dass sie sich im betrunkenen Zustand irgendwelche Wegmarkierungen gesetzt hat.

Wenn es in der Gegend um Schule 56 kein Grundwasser (und auch keine geheimen Weine oder Pilze) gab, dann hatte Masha nichts zu essen oder zu trinken. Außerdem geht es dort nicht gerade tief runter, was bedeutet, dass das junge Mädchen die gleichen frostigen Temperaturen aushalten musste, die an der Oberfläche herrschten.

Dazu kam dann noch die Dunkelheit. Aber selbst mit einer Lampe und einer Karte der Katakomben wäre es für einen ungeübten Menschen sehr schwer gewesen, einen Weg aus dem Gewirr an Gängen zu finden. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass Masha eine batteriebetriebene Taschenlampe oder eine Laterne mit nach unten genommen hat, dann wäre die Lichtquelle nach ein paar Stunden ausgegangen und die Suche nach Wärme und Wasser somit noch schwieriger geworden.

Wenn Masha Glück hatte, dann ist sie schnell an Unterkühlung gestorben. Falls die Temperaturen aber doch ein bisschen zu warm waren und die Teenagerin am Leben bleiben wollte, dann wäre die Dehydration nach vielleicht zwei Tagen so schlimm geworden, dass die Symptome lähmend wirkten. Masha wäre wahnsinnig geworden und am dritten Tag schließlich in ein Koma gefallen. Länger als eine Woche hat sie auf keinen Fall durchgehalten.

„Mashas ‚Freunde' haben nicht ein Mal daran gedacht, ihren Leichnam aus den Katakomben zu holen", schrieb Lata und vermutete, dass die jungen Leute wohl Angst hatten.

Ungefähr vier Monate nach der verhängnisvollen Silvester-Nacht machte sich unter den Höhlenforschern das Gerücht breit, dass sich in den Katakomben eine neue Leiche befinden würde. So schreibt es Lata in seinem UER-Post von 2009. Das wohl berühmteste Foto (wir verlinken es an dieser Stelle nicht!), bei dessen Entstehung Lata nach eigener Aussage auch beteiligt war, zeigt drei unbekannte Jungs, die in einem engen Abschnitt des Tunnelsystem augenscheinlich gerade auf besagte Leiche gestoßen sind. Auf dem Foto ist gerade noch so zu erkennen, dass es sich mal um einen Menschen gehandelt hat. Sie liegt auf ihrer linken Seite, ihre Beine sind angezogen und die obere Hälfte ihres bereits verrottenden Körpers ist schon zu Brei geworden und vermischt sich mit dem gelben Kalkboden der Höhle.

Lata behauptet, dass sich auch nach zwei Jahren noch niemand um die Leiche gekümmert hätte. Er erinnert sich dann aber auch noch, wie ein von einem Freund (der laut Lata ein „berühmter Journalist" ist) aufgesetztes Schriftstück an die Regierungsbehörden weitergeleitet wurde. Es ist dabei nicht klar, was genau darin stand, aber Lana meint, dass die Regierung sofort handelte und die Leiche nicht mal 24 Stunden später entfernen ließ.

Kostya Pugovkin, der sich als Veteran der ukrainischen Anti-Terror-Einheit von Odessa bezeichnet, behauptet, derjenige zu sein, der die auf dem obigen Foto zu sehende Leiche geborgen hat. Seine Geschichte ist jedoch ein wenig anders als die von Lata.

Pugovkin zufolge ist im Jahr 2004 noch jemand anderes verschwunden, nämlich Janis Stendzenieks, der Sohn des Zeitungsmoguls Armand Stendzenieks. Der setzte eine Belohnung auf den Fund seines Sohnes aus und einige „Gräber" hatten die Behörden auf eine Leiche aufmerksam gemacht, die sich drei bis fünf Kilometer hinter dem Eingang der Katakomben befinden sollte.

Mit der möglichen Belohnung im Kopf kletterte Pugovkin in die Tiefe und stieß schließlich auf etwas, das er „Knochensuppe" nannte. Danach ging es ziemlich grob zur Sache. „Ich habe das Ganze in ein Spannbetttuch eingewickelt und raus geschleppt", meinte er mithilfe eines Übersetzers gegenüber VICE. „Dabei war es nicht einfach, wieder zum Eingang des Schachts zu gelangen, denn der lag so neun Stockwerke über mir, die nur mit klapprigen Leitern verbunden waren."

Pugovkin erzählte weiter, dass er die Überreste dann zu einem Gerichtsmediziner brachte, der sich ungefähr acht Kilometer von dem Katakomben-Eingang entfernt befand, den Masha wohl genommen hat. Der von Armand Stendzenieks angeforderte DNA-Test fiel jedoch negativ aus. Die mysteriöse Leiche hatte keinen Wert und Pugovkin meinte, dass sich die Gräber schließlich darauf einigten, dass es sich dabei um einen verirrten Satanisten handeln musste.

„Sie meinten, dass das ein Mädchen war", fügte er noch hinzu.

Laut der offiziellen Website der Katakomben von Odessa ist die ganze Geschichte von Masha frei erfunden. „Abgesehen von den eigentlichen Fotografen", heißt es in einem Eintrag, „gibt es nicht einen Menschen, Bürger oder Beamten, der diese Story bestätigen kann. Wir glauben, dass es sich dabei nur um einen Scherz handelt und die Leiche nicht echt ist." Das wäre aber schon ein ziemlich makaberer und unlustiger Scherz.

Lata meint zwar, dass er dabei war, als das Foto gemacht wurde, kann das Bild jedoch nicht zu seinen Ursprüngen zurückverfolgen. „An diesem Tag waren wir zu viert unterwegs", schrieb er. „Ich habe allerdings keine Ahnung, wo sich meine Kollegen von damals heute aufhalten." Komischerweise bezeichnete Lata dann noch die Person, die für die offizielle Katakomben-Website verantwortlich ist und ihn damit auch der Lüge bezichtigt, als einen der „erfahrensten Katakomben-Forscher" und seinen „besten Freund". Da diese Organisation auch auf Anfragen bezüglich des Tunnelsystems antworten muss, will man Lata zufolge dort mit der ganzen Sache wohl nichts zu tun haben.

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Also zeigt das Foto auch weiterhin eine Leiche, die wohl niemals identifiziert werden wird. Egal ob es sich dabei nun um einen unschuldigen Partygänger, einen Satanisten oder einen betrunkenen Ukrainer handelt, der sich in der Dunkelheit verirrt hat, die ganze Geschichte bringt unsere Fantasie auf Hochtouren, denn sie spiegelt genau den schrecklichen und einsamen Tod wider, vor dem wir uns am meisten fürchten. Das Foto beweist, dass es die Hölle wirklich gibt und sie gut neun Stockwerke unter Odessa liegt.

Selbst nach der ganzen Aufregung um Masha hat Lata seine Katakomben-Forschungen fortgesetzt. Seine Beschreibungen von den Reisen in die Dunkelheit sind dabei faszinierende Abenteuergeschichten. In einem Post von 2010 behauptete er zum Beispiel, dass er auch schon siebentägige Trips hinter sich gebracht hätte, für die er seine „Katakomben-Tasche" mit Lebensmitteln, einer Campingausrüstung, Tauchequipment sowie Kartografie-Werkzeugen voll gepackt hatte.

2012 machte Lata dann nicht mehr den Eindruck, den Internet-Botschafter der Katakomben spielen zu wollen. In seinem letzten Eintrag schrieb er davon, dass das Tunnelsystem nun so gut wie komplett erschlossen sei und es nicht mehr viel zu erforschen gäbe. Dann fügte er jedoch noch hinzu, dass ein kleiner Junge vor Kurzem bei einem Unfall verloren gegangen wäre und man die Leiche immer noch nicht gefunden hätte. Außerdem behauptete er, dass in diesem Jahr fünf Forscher verschollen gegangen oder gestorben waren.

„Deswegen bitte ich euch inständig darum, den Untergrund von Odessa nicht alleine zu erkunden. Das Ganze kann sehr schnell sehr gefährlich werden", warnte Lata. Aber dann meinte er auch noch: „Hier habt ihr noch ein paar neue Bilder unserer Katakomben. Viel Spaß!"

Jules Suzdaltsev hat ebenfalls zu diesem Artikel beigetragen.