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Was ich auf der Seniorenmesse über das Altwerden gelernt habe

Zwischen Pinot Noir und Ostheoporose-Parcour habe ich Frieden mit meinem körperlichen Verfall geschlossen—und Angela Merkel war auch da.

von Nicklas Riekötter
10 Juli 2015, 11:37am

Der dritte Lebensabschnitt, das Greisenalter, der Lebensabend. Für das Altsein gibt es viele Begriffe, die jüngeren Menschen trotzdem nicht nahebringen, wie es sich anfühlt, mit Mitte 70 wie ein Fremder durch eine Welt voller Smartphones, außerehelichem Sex und Deep Dreaming zu laufen. In den ersten Jahrzehnten unsere Lebens sind wir damit beschäftigt, zur Schule zu gehen, uns auf jede nur erdenkliche Art und Weise auszuprobieren oder generell etwas für später zu lernen. Da dieses „später" für die meisten von uns noch ein paar Jahrzehnte entfernt ist und wir aber jetzt schon wissen wollten, was Oma und Opa so machen, wenn sie nicht grade bei Kaffee und Kuchen von früher erzählen, haben wir uns aufgemacht zu erfahren, was du von alten Menschen über das Alter lernst kannst—auf dem 11. deutschen Seniorentag in Frankfurt am Main.

Alle Fotos: Florian Fäth

Alter macht nicht einsam

Es ist 8 Uhr morgens. Alle Studenten schlafen noch oder kommen gerade erst nach Hause. Ich fühle mich wie ein Alien unter soviel menschgewordener Lebenserfahrung, die um mich herumschwirrt. Hier sind die Wenigsten unter 65, viele von ihnen schon seit den frühesten Morgenstunden wach und eine ältere Dame erzählt mir voller Aufregung, dass sie schon die ganze letzte Woche kaum ein Auge zugetan hat. Schließlich kommt heute Angela Merkel höchstpersönlich, um sich ein Bild von der Generation 60+ zu machen.

Wir treffen am Pressecounter einen desorientiert wirkenden Herren im Deutschland-Jogginganzug, der uns angeregt von seinem Turnerclub erzählt. Das sei noch echter Sport „und nächste Woche fahren fahren wir nach Helsinki". Sicher ist, dass man im Alter früh aufstehen kann und nicht unbedingt alleine sein muss. Überall um uns herum stehen Grüppchen älterer Frauen und Männer, die sich angeregt unterhalten. Die meisten von ihnen gehören Vereinen und Organisationen an, die teilweise mehrere hundert Kilometer angereist sind, um hier Gleichaltrige zu treffen. Das Bild vom vereinsamten Rentner scheint hier nicht existent. Die Messe ist durch und durch barrierefrei gestaltet, so sieht man auch einige Rollstuhlfahrer und Rollator-Gangs in der Menge.

Gesundheit ist das Wichtigste im Leben und für die Bundeswehr ist man nie zu alt

Auf der Presseführung werden wir von einer Frau, die aussieht, als wäre sie aus einer 90er-Jahre-Sitcom in die Zukunft gereist, durch die Stände geführt. Von Ostheoporose-Parcour zu Diabetes-Tests können sich die Senioren hier von Kopf bis Fuß durchchecken lassen. Auf die Frage, was den Senioren am wichtigsten im Leben ist, sagt die klare Mehrheit „die Gesundheit". Es werden allerlei technische Geräte zur Vereinfachung des Alltags angeboten. Viele Stände beschäftigen sich auch damit, der älteren Klientel Smartphones und Tablet näher zu bringen. Die Rentner nehmen die Angebote dankend an und halten prüfend die Displays in das Neonlicht der Deckenlampen. Im Hintergrund steht ein kräftiger Mann mit Walross-Schnurrbart und hält uns demonstrativ eine Robbe hin, die auf Berührung und Augenkontakt reagiert. Wir flüchten, bevor die Führung zu Ende ist, um vor dem Publikumsverkehr vielleicht ein paar Rheumadecken abzugreifen.

Die anderen Stände sind noch ausgestorben, überall lächeln faltige Gesichter von Plakaten, die Omega-III-Tabletten oder Zahnbürsten anbieten. Beim Stand des Hauptsponsors erklärt uns ein junger und verdächtig aufgekratzter Schnösel ein Tablettendöschen, das angeblich „voll super" ist, „weil Großmutter damit ganz einfach ihre Pille geteilt hat." Offensichtlich nicht nur sie. Aber so ein Messejob kann eben auf Dauer auch langweilig sein, gesteht er und schaut apathisch in die Luft. Ein paar Bundeswehrtypen fällt unser Alter auf und sie wedeln von ihrem Stand mit Wüstentarnkulis und Verpflichtungsverträgen. Danke Nein. Trotzdem stellt sich die Frage: Was zur Hölle wollen die hier? Zur Rekrutierung ist der durchschnittliche Messebesucher ein paar Jahrzehnte zu alt.

Sich das Alter schön trinken ist out

Hier war doch irgendwo ein Stand mit Weinflaschen. Nach kurzem Suchen stehen wir vor einer Dame, die zum Sprechen den Kopf in den Nacken legen muss und unendlich lange davon erzählt, wie toll ihre „Residenz" ist. Sie wirkt ein bisschen wie ein frisch rekrutiertes Sektenmitglied, als sie die wundervolle Gemeinschaft auf dem Schlossgelände beschreibt, das scheinbar gerne mal ein Gläschen trinkt. „Und der Wein ist so gut, fast wie früher." Tatsächlich liegt mein Fokus schon seit einiger Zeit auf der Flasche Pinot Noir, die direkt neben ihr steht. Überhaupt hatte ich irgendwie erwartet, dass eine solche Messe der ideale Anlass ist, um sich das eigene Alter schön zu trinken. Dem ist aber nicht so und der Alkohol dementsprechend rar. Während ich mir die Frage stelle, ob meine Fokussierung darauf, Gratis-Suff abstauben zu wollen, vielleicht etwas krankhaft ist, erzählt die Residenz-Grazie von der letzten Sonnenwende, die sie mit ihren Freunden am Lagerfeuer verbracht hat. Ich habe Bilder von wilden Zeltlagernächten im Kopf—nur mit mehr Falten. Die Bilder, die sie uns zeigt, bestätigen das. Nur wird nicht so viel geknutscht. Endlich bekommen wir die Flasche Wein und ziehen weiter.

Auf dem Weg ins Foyer bleibe ich etwas erschüttert an einem Stand für Wald- Bestattungen hängen. Sehr trocken erklären mir die Damen, dass ich mir für 200 Euro ein schattiges Plätzchen unter einer Tanne für meine Asche aussuchen oder für 8000 Euro einen eigenen Partnerbaum kaufen kann. Natürlich ist es nur logisch, sich am Lebensende damit zu beschäftigen, was mal mit deinem Körper passiert, wenn die Schmodderpumpe aufhört zu arbeiten. Die Art und Weise, wie man hier seine Beerdigung im Menü zusammenstellen kann, erinnert aber eher an ein sehr teures McDonald's für Eingeäscherte.

Auch mit über 60 kann man noch Groupie sein

Mittlerweile ist es 9:45 Uhr. Die Messe füllt sich, die Klimaanlage funktioniert immer noch. In einer Stunde kommt Angie. Vor dem Saal, in dem sie auftreten soll, entsteht ein Tumult. Rund 200 Senioren verlangen schon jetzt nachdrücklich, eingelassen zu werden. Eine Dame sagt: „Unterschätzen Sie die Senioren nicht, wir waren '67 immer eine Stunde früher da." Ich glaube ihr sofort. Dann verschwindet sie im Getümmel. Als wir versuchen, uns vorbeizuschlängeln, werden wir mit diversen drohenden Zeigefingern und erhobenen Augenbrauen zurückgewiesen. Im Alter lässt man sich wirklich gar nichts mehr gefallen. Wir entscheiden also, den Mob vorerst Mob sein zu lassen und bei einer Tasse Kaffee mehr über die Lebensumstände eines Seniors der Moderne zu erfahren.

Die Hochzeitsmesse hat mir meine Lebenskrise erst richtig bewusst gemacht.

Ein CJD-Mitglied hält mich für einen Mitarbeiter des Caterings und fragt, ob ich ihm Tee bringen könnte. Dann führt er leise Selbstgespräche. Im Hintergrund zieht ein Rollator vorbei. Ein anderer Mann am Tisch wettert über die hohen Hotelpreise und die kaputte Klimaanlage, bevor er thematisch komplett umschwenkt. Während er über seine Enkel spricht, reibt er sich mit Spucke etwas Dreck aus seinem Sakko. Als wir gehen, verabschiedet er uns mit „Gott befohlen". Amen.

Wir stürzen uns nochmal ins Getümmel vorm Security-Check, schließlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis unsere Bundeskanzlerin die Bühne betreten wird. Dank Pressebändchen schummeln wir uns mit ein paar Leuten vom Orga-Team durch—inklusive Weinflasche natürlich. Circa 2000 Rentner rascheln unruhig auf ihren Stühlen hin und her, während der DJ Bossanova pumpt. Die Stimmung scheint kurz vorm Überkochen. Ich setze mich und beobachte den Fotografen, wie er auf der Bühne rumturnt und dabei von mehreren Stiernacken-Bodyguards argwöhnisch fixiert wird. Über die Leinwände laufen Fotos von den vergangenen 10 Seniorentagen. Bilder von Helmut Kohl, Ursula von der Leyen und Franz Müntefering. Letzterer sitzt tatsächlich auch in der ersten Reihe und sorgt damit für Bauchkribbeln bei den Damen hinter uns. „War der nicht mal Bundespräsident?", na ja, fast. Im Hintergrund läuft jetzt Counter Strike-Menü-Musik. Dann plötzlich Stille.

Noisey: Zu Besuch im Altenheim—wie reagieren Rentner auf aktuelle Musikvideos?

100 Kinder betreten die Bühne, anscheinend wird jetzt zünftig gesungen. Ein Mann mit Glatze erzählt, der Chor jubiliert und eine Oma schnäuzt gerührt, während Fotografen wie Scharfschützen lautlos durch die Reihen schleichen. Gegen Ende des dritten Songs passiert es dann endlich: Angela Merkel marschiert wie der Imperator persönlich ein und stiehlt mit ihrer 20 Mann starken Gang den Kids auf der Bühne die Show. Unfair! Aber heute soll es ja auch nicht um die Kinder gehen, sondern um ihre Großeltern. Und jetzt vor allem um Angie. Die wartet allerdings erst mal am Rand auf ihren ganz großen Auftritt.

Eine Professorin mit Cruela De Vil-Blazer hält eine Rede, zäh wie das Bindegewebe von Madonna. Dann noch eine Rede. Während ich mit dem Gedanken spiele, einfach den Wein zu köpfen, nickt zwei Reihen vor mir ein dicker Mann langsam ein. Noch ein Minister, der Chor singt „Oh Happy Day" und die Crowd klatscht very German gegen den Takt mit—Bierzeltstimmung auf dem Seniorentag. Mensch.

Dann betritt Angie die Bühne. Mit 60 Jahren der Rente auch gefährlich nahe hat sie ihre Zielgruppe heute in der Hand und singt Loblieder auf Großeltern als großartige Elternhilfe. Dann ist das ganz große Spektakel auch schon wieder vorbei, Angie und ihr Tross verlassen den Saal und der Chor singt irgendwas mit „Jesus, oh save me". Das gefällt den Alten. Der offizielle Teil ist vorbei und wir gehen noch ein paar Runden über das Messegelände.

Früher war gar nicht alles besser

Ich stelle mehreren Senioren die Frage, ob sie sich das Alter so vorgestellt hätten. Die Antworten überraschen mich. Die meisten freuen sich über Digitalisierung, Globalisierung und Emanzipation. Es gäbe viel mehr Möglichkeiten als früher, „da musste ich meinen Mann noch um Erlaubnis bitten, um arbeiten zu gehen. Alleine Essen gehen war auch nicht drin, da wurde man ganz schief angeguckt", erklärt eine alte Frau begeistert. „Und diese Smartphone sind ja auch ganz feine Dinger." Alles in allem scheint das Bild des nörgelnden, einsamen Rentners nicht mehr aktuell. Überall begegnen mir verhältnismäßig fitte und engagierte alte Menschen, die mehr und mehr auch in der digitalen Welt anzukommen scheinen. Eine Dame präsentiert mir mit Stolz ihren letzten Facebook-Post, auf dem sie mit ihren Enkeln zu sehen ist.

Den Rest des Nachmittags verbringe ich damit, mir die Vorteile eines Rentner-E-Bikes erklären zu lassen. Auf dem Weg zum sehr enttäuschenden Ostheoporose-Parcour kann man sich Zahnbürsten gravieren lassen und eine Oma rastet auf einem überdimensionalen Twister völlig aus, als sie den Tagesrekord knackt. An einem Stand entdecke ich einen dieser Anzüge, die zur Altersimulation mit Gewichten, Ohrschützern und einer Brille das Feeling mit Mitte 70 herstellen sollen. Tatsächlich fühle ich mich nach fünf Minuten Anziehen mit Hilfe eher wie 3 Uhr morgens auf dem Weg von Kneipe ins Bett. Eine Frau leitet mich am Arm zu einem Teststand und ich sehe dank meiner Heinobrille so wenig, das ich eine andere Frau beinahe umremple. „Ich hab sie auch nicht gesehen, in unserem Alter passiert das schonmal." Na Gott sei Dank. Fazit: Wenn alt sein sich so anfühlt, bring it on!