Sex

Essensmarken, Exzesse und Ei auf Toast – Großbritanniens berüchtigtstes Bordell

In Cynthia Paynes Etablissement standen Geistliche, Anwälte und Politiker Schlange.
20 November 2015, 5:00am

Ein Bordell in Großbritannien (nicht das „House of Cyn" in Streatham, sondern ein anderes). Foto: David Searcy

Während man in Österreich vor allem den Wiener Gürtel mit der Rotlichtkultur verbindet, war Deutschlands berüchtigtstes Bordell wahrscheinlich der Salon Kitty im Berliner Stadtteil Charlottenburg, an den man sich vor allem dafür erinnert, dass es von der SS zu Spionagezwecken instrumentalisiert worden war. In Frankreich war es wohl das gehobene Le Chabanais in der Nähe des Louvre in Paris, das vor allem für seine prominente Kundschaft, darunter Cary Grant, Humphrey Bogart und Mae West, bekannt war. In den USA strömten die Männer in Scharen in die Mahogany Hall in New Orleans, wo Jelly Roll Morton Klavier für die Tänzerinnen im glitzernden Spiegelsaal an der Basin Street spielte.

Großbritanniens berüchtigtstes Bordell befand sich im Londoner Stadtteil Streatham in einem Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert an der Ambleside Avenue—nur einen Steinwurf von der Streatham High Road entfernt, Großbritanniens ehemals schlimmster Straße.

Das „unzüchtige Haus" von South London wurde von Englands beliebtester Bordellbetreiberin, Cynthia Payne, geleitet, die es 1978 auf die Titelseiten der Tageszeitungen schaffte, nachdem die Polizei eine Razzia in ihrem „anständigen", mit Spitzengardinen verhangenen Haus durchführt hatte und dort eine Schlange von Männern vorfand—darunter Geistliche, Anwälte und Politiker—, die geduldig darauf warteten, zu den 13 Prostituierten in dem Haus vorgelassen zu werden. Auf einem Schild in der Küche stand: „Mein Haus ist sauber genug, um gesund zu sein ... und dreckig genug, um glücklich zu sein."

Das unter dem Namen „House of Cyn" bekanntgewordene Etablissement hatte seinen guten Ruf nicht wegen seines luxuriösen Ambientes (die Einrichtung war sogar ziemlich geschmacklos) oder der Schönheit seiner Frauen bekommen. Bekannt wurde es vor allem für seine Bezahlungsmethode: die Essensmarke.

1946, etwa zu der gleichen Zeit als eine jugendliche Cynthia von der Klosterschule verwiesen wurde, weil sie ständig über Sex redete und überhaupt ein „schlechter Einfluss" war, führte die britische Regierung Essensmarken ein. Die als Steuererleichterung angedachten Gutscheine sollten die Bevölkerung dazu ermuntern, sich gesünder zu ernähren. 1948 wurde diese Steuererleichterung von ein paar Pence auf drei Shilling (15 Pfund, bzw. 21 Euro) erhöht, aber zum großen Unglück für alle mittagessenden Briten war das dann auch der Betrag, bei dem es bis 2013 belassen werden sollte, als das System mit den Essensmarken als im Grunde wertlos aufgegeben wurden.

Männern unter 40 war der Zutritt zum Bordell verboten—„alles nur Halbstarke, die sich ständig beweisen wollen"

1949 waren drei Shilling aber durchaus noch etwas wert, als das durchschnittliche Wocheneinkommen einer Frau bei etwas über drei Pfund lag (Männer verdienten fast doppelt so viel). Cynthia verdiente noch mal viel weniger als das, als sie mit 17 anfing in einer Busgarage in Bognor Regis zu arbeiten. Sie begann eine Affaire mit einem verheirateten Mann (ein Abschnitt ihres Lebens, der auch in dem Film Wish You Were Here von 1987 thematisiert werden sollte). Der Mann folgte Cynthia zuerst nach Brighton und dann nach London, wo sie schwanger wurde und ihren Sohn Dominic auf die Welt brachte. Danach folgte ein zweites Kind, das aber zu Adoption weggegeben wurde.

Das System mit den Essensmarken funktionierte zuerst auf einer Ad-hoc-Basis: jedes Unternehmen druckte seine eigenen Gutscheine und arrangierte sich mit den umliegenden Cafés und Restaurants, die diese dann annahmen. 1954 erkannte der Geschäftsmann John Hack, dass eine standardisierte Essensmarke, die überall im Vereinigten Königreich akzeptiert werden würde, für alle Beteiligten weitaus effizienter wäre, also rief er 1955 die Luncheon Voucher Company ins Leben. Lokale, die bei dem System mitmachten, fingen an, das grüne „LV"-Logo an ihren Ladenfenstern anzubringen (so auch Cynthia, 20 Jahre später). Bis vor ein paar Jahrzehnten waren diese Sticker noch überall im Land verbreitet. Wenn du bei den Café-Szenen aufmerksam hinschaust, dann kannst du sie im East 17 Video zu „Deep" sehen.

Mittlerweile war Cynthia nach Margate gezogen, wo sie mit dem Betreiber einer Spielhalle zusammenlebte, mit dem sie fünf Jahre zusammen bleiben sollte. Nach der dritten illegalen Abtreibung (er war kein Freund der Empfängnisverhütung), verließ sie ihn und begann die Karriere, die sie berühmt machen sollte. Sie arbeitete zwei Jahre als Prostituierte, bevor sie erkannte, dass sie wesentlich mehr Geld mit der Eröffnung eines eigenen Bordells verdienen würde. Sie sparte genug, um ein kleines Reihenhaus in der Eden Court Road in Streatham zu kaufen (in dem sie ihrem Sohn als Geschenk zum 16. Geburtstag eine „Entjungferung" schenkte). Ein paar Jahre später, 1974, kaufte sie dann das Haus mit dem Namen „Cranmore" in der Ambleside Avenue.

„Wir hatten eine erstklassige Klientel", erinnerte sich Cynthia Jahre später. „Keine ungezogenen Jungs, keine Rüpel, alles gut gekleidete Herren in Anzügen, die wussten, wie man eine Dame respektiert. Es war wie die Teegesellschaft eines Pfarrers, nur mit etwas Sex dazu—viele ältere, einsame Menschen, die zusammen Sherry trinken."

Motherboard: Intime Einblicke in den trostlosen Alltag digitaler Prostituierter

Auch wenn Männern unter 40 der Zutritt zum Bordell verboten war („alles nur Halbstarke, die sich ständig beweisen wollen"), war sie stolz drauf, ganz unterschiedliche Bedürfnisse bedienen zu können. So sagte sie: „Jeder kann mal einsam sein .. Wir hatten auch Gäste, die in ihren Rollstühlen vorbeikamen, allerdings auch nicht zu viele, weil die immer dazu tendieren, die Gänge zu verstopfen."

1980, zwei Jahre nach der Polizeirazzia in der Ambleside Avenue, kam der Fall vor Gericht und Payne wurde am Ende für die Betreibung „des größten Bordells" in der Geschichte Großbritanniens verurteilt. Obwohl sie zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden war, wurde sie nach vier Monaten wieder entlassen. Sechs Jahre später, 1987, wurde Personal Services, der erste Film über ihr Leben, gedreht. Die Bordellbetreiberin spielte Julie Walters und Regie führte Ex-Monthy Python Terry Jones. Nachdem der Film fertiggestellt worden war, organisierte Payne zur Feier eine Party in der Ambleside Avenue und es kam wieder zu einer Razzia. Dieses Mal wurde ihr Zuhälterei in neun Fällen zur Last gelegt. Während der 13-tägigen Verhandlung wurde viel gelacht und der Richter ermahnte die Geschworenen, dass es sich immer noch um eine Gerichtsverhandlung und keine Unterhaltungsshow handeln würde. Als die Jury nach fünf Stunden das Urteil Nicht-Schuldig fällte, brach im Gerichtssaal spontaner Applaus aus.

Payne verlief den Gerichtssaal mit einer Polizistenpuppe im Arm, die sie während der Verhandlung als Maskottchen bei sich gehabt hatte. „Das ist ein Sieg für den gesunden Menschenverstand", sagte sie. „Aber ich muss zugeben, dass mir erst mal die Lust darauf etwas vergangen ist, weitere Partys zu organisieren." Cynthia schickte später dem Richter Brian Pryer, QC, eine Kopie ihrer Biographie An English Madam mit der Widmung: „Ich hoffe, dieses Buch wird ihr eher behütetes Leben etwas öffnen."

Noisey: Welche Musik hören eigentlich Prostituierte?

Die Essensmarken wurden quasi wertlos, als die entsprechende Steuererleichterung 2013 von der Regierung abgeschafft wurde. Erstaunlicherweise existieren sie noch, auch wenn niemand weiß, wo sie überhaupt angenommen werden.

Cynthia Payne verstarb am 15. November 2015 im Alter von 82 Jahren in ihrem Haus in der Ambleside Avenue. Großbritanniens berühmteste Bordellbesitzerin war immer stolz darauf gewesen, wie sie ihre Angestellten behandelte. Am Ende jeder Nachmittagsschicht gab es etwas, auf das die Mädchen im Le Chabanais, Salon Kitty und der Mahogany Hall wahrscheinlich mehr als neidisch gewesen wären: ein pochiertes Ei auf Toast und eine schöne Tasse Tee.

Rob betreibt den Blog Another Nickel in the Machine. Sein erstes Buch, Beautiful Idiots and Brilliant Lunatics ist gerade erschienen.