Sex

In Italien musste die Feuerwehr eine Frau aus einem Keuschheitsgürtel befreien

Das haben wir uns direkt mal zum Anlass genommen, um mit einem Experten über den Mythos des vermeintlich mittelalterlichen Folterinstruments zu reden.
22 Januar 2016, 5:18am

Foto: Elena Pleskevich | Flickr | CC BY-SA 2.0

Dieser Artikel ist zuerst bei Broadly erschienen.

Letzte Woche tapste eine 60 Jahre alte Frau in die Feuerwache der italienischen Stadt Padua, um einen pikanten Notfall zu melden: Sie war in ihrem Keuschheitsgürtel gefangen.

Laut Paduas Nachrichtenportal Il Mattino di Padova war es sowohl der Frau als auch den Feuerwehrmännern doch ziemlich peinlich, als sie zugeben musste, dass sie den Schlüssel zum Öffnen des eisernen Sexkäfigs verloren hatte. Anfangs vermuteten die Behörden noch, dass der Keuschheitsgürtel mit einer Form der häuslichen Gewalt zusammenhängen würde und bei Il Mattino di Padova wurde auch von „einer Art gefährlichem Sexspiel" berichtet, aber die Frau behauptete, dass sie den Gürtel freiwillig trug, um keine sexuelle Beziehung einzugehen.

Bei einigen Nachrichtenagenturen heißt es auch, dass die Frau davon sprach, den Gürtel nur zu tragen, um sich selbst vor sexuellen Übergriffen zu schützen—eine traurige Umkehrung des ursprünglichen Sinn und Zwecks eines solchen Geräts, denn eigentlich sollte ein mittelalterlicher Keuschheitsgürtel verheiratete Frauen davon abhalten, mit anderen Männern zu schlafen. Das ist zumindest der Sinn und Zweck, von dem allgemein ausgegangen wird. Mittelalterwissenschaftler wie etwa Dr. Albrecht Classen, ein Professor der Germanistik an der University of Arizona, sagen allerdings, dass Keuschheitsgürtel gar keine Erfindung des Mittelalters sind, sondern erst im 19. Jahrhundert aufkamen. Es gibt zwar auch Texte, die bis ins Jahr 1405 zurückreichen und in denen Illustrationen von Keuschheitsgürteln zu finden sind, aber Dr. Classen schreibt in seinem Buch The Medieval Chastity Belt: A Myth-making Process, dass es sich dabei sehr wahrscheinlich nur um derbe Witze handelt und erst spätere Generationen das Ganze dann im Zuge der Stereotypen zum „barbarischen" Mittelalter wirklich in die Tat umsetzten. In anderen Worten: Niemand hat so etwas damals wirklich getragen.

Dieser Umstand überraschte mich dann doch ziemlich, aber es macht auch Sinn: So erzählte mir Dr. Classen am Telefon, dass Keuschheitsgürtel eine absurde Vorstellung seien und medizinisch betrachtet so unhygienisch sein würden, dass die Trägerin wohl sehr bald an irgendeiner Infektion gestorben wäre.

„Alles lässt sich auf das 19. Jahrhundert zurückführen", erklärte mir Dr. Classen. „Damals wurde viel daran gesetzt, die Vergangenheit auf eine bestimmte Art und Weise darzustellen: Das Mittelalter war dreckig, im Mittelalter gab es keine Wissenschaft, im Mittelalter waren die Leute noch richtig primitiv und dachten, dass die Erde eine Scheibe sei. Viele dieser dummen Vorstellungen wurden auch ganz gut in den Monty-Python-Filmen verarbeitet."

Man beachte vor allem die Szene ab 0:50

Im 19. Jahrhundert verband sich dieser Wille, die Vergangenheit zu mythologisieren, mit der berüchtigten sexuellen Unterdrückung dieser Zeit—und so kamen Anthropologen, Historiker und Feministen-Vorläufer zusammen, um die Vorstellung von Keuschheitsgürteln auch für die Zukunft zu festigen. „Der Keuschheitsgürtel war für die Viktorianer ein großartiges Mittel, um diese Unterdrückung wiedergutzumachen. Sie redeten einfach auf eine pseudo-wissenschaftliche Art über die Vergangenheit, was dann als willkommene Grundlage für diverse Fantasien genutzt wurde", sagte Dr. Classen. Außerdem passte das Ganze auch noch wunderbar zur viktorianischen Faszination in Bezug auf Folter: „Sie mochten es einfach, die entsetzlichsten und grausamsten Folterinstrumente zu präsentieren, die man sich nur vorstellen konnte", erzählte mir der Wissenschaftler.

So kam es auch, dass das British Museum 1996 einen „mittelalterlichen Keuschheitsgürtel" nicht mehr ausstellen durfte, nachdem sich herausgestellt hatte, dass dieser im 18. oder 19. Jahrhundert gefertigt wurde—eine Zeit, in der die Leute die klobigen Sexisten-Windeln als „Kuriositäten für laszive Menschen oder als Witz für geschmacklose Menschen" herstellten.

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Der Mythos blieb aber trotz aller Bemühungen der Historiker bestehen und wird auch in Filmen wie etwa Robin Hood: Helden in Strumpfhosen angesprochen. Eine Sache hat sich jedoch geändert: Was einst ausschließlich als frauenfeindliches Kontrollwerkzeug galt, hat sich inzwischen auch in ein sex-befürwortendes Spielzeug verwandelt. „Heutzutage besteht auch noch dieses zusätzliche Element der S&M-Kultur, wo ein Keuschheitsgürtel mit Freuden eingesetzt wird", erklärte mir Dr. Classen. „So können diese Leute ihr allgemeines historisches Interesse—also eine spielerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit—mit ihren sexuellen Fantasien verbinden. Zwar habe ich mein Buch geschrieben, um den Mythos für immer zu zerstören, aber erotische Fantasien lassen sich nun mal nicht unterdrücken."