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„Pferde abzusamen ist nicht gefährlicher, als auf der Bundesstraße Fahrrad zu fahren.“

Die Uni oder dein Bürojob gehen dir auf den Sack? Dann werde Besamungswirt und lass die Pferde kommen.

von Paul Garbulski
12 September 2014, 3:20pm

Fotos: Jermain Raffington

Wenn du dich das nächste Mal über deinen Chef aufregst, weil er dir am Freitagabend noch ein paar Überstunden reingedrückt hat, oder über den Kollegen, der das Druckerpapier komplett verbraucht hat, so denke immer daran: Du musst nicht 15 Pferden am Tag einen runterholen. Auf diese Anzahl kommt nämlich Olaf in der Hauptsaison. Er arbeitet auf einem Gestüt mit bis zu 400 Pferden. Und deutscher Samen ist sehr begehrt. So begehrt, dass der eine oder andere Prämiumhengst auch mal doppelt am Tag ran muss. Belantis zum Beispiel, den wir leider nicht zu Gesicht bekamen, ist vor Kurzem erst zum neuen Bundeschampion der fünfjährigen Dressurpferde gekürt geworden. Seine Decktaxe schnellte von 800 auf 1000 Euro hoch, die Anfragen kommen aus der ganzen Welt. Aber Sperma, dieses weiße Gold, wächst bekanntlich nicht auf Bäumen-gezapft und nicht gepflückt muss es werden und das ist eine Wissenschaft und ein Wirtschaftszweig für sich.

Vor allem, weil ein Pferdepenis empfindlicher ist als ein Seismograph (dazu gleich mehr). Grundsätzlich führt die Literatur vier Techniken, die den Samenabbau möglich machen:

1. Die Benutzung eines Kondoms
2. Eine pharmakologisch induzierte Ejakulation
3. Manuelle Massage des Penis
4. Der Gebrauch einer künstlichen Vagina

Meine Hoffnungen, ein paar Ampullen des pharmakologischen Wundermittels beim Gestüt abzustauben, lösten sich kurz nach meiner Ankunft ganz in Luft auf, als mir Dr. Nitsche-Melkurs, eine der leitenden Tierärztinnen, dort erklärte, dass deutschlandweit fast nur der Gebrauch einer künstlichen Vagina als Technik praktiziert werde.

Nur allzu gerne hätte ich auf meiner bevorstehenden Einweihungsparty für unvergesslich schöne Momente unter meinen Gästen gesorgt, indem ein paar Ampullen davon heimlich in die Erdbeerbowle gewandert wären. Na ja, ein anderes Mal vielleicht.

Das Gestüt selbst machte einen unerwartet idyllischen Eindruck. Malerisch gelegen ist das gesamte Areal ganze 410 Hektar groß und unsere anfängliche Befürchtung, dass hier in Neustadt zusammengepferchte Pferde wie in einer Massenanlage abgefertigt werden, bewahrheitete sich zum Glück nicht. Riesige Weiden, gepflegte Tiere, umsichtiges Personal. Die Anlage wird von der EU mitgetragen und zumindest am Tag unseres Besuchs stand sie mustergültig da.

Doch zurück zum eigentlichen Thema. Warum nun ist die Absamung eine Wissenschaft für sich? Zunächst, weil eine künstliche Vagina eine durchaus komplexe Apparatur ist, die nicht in einem Stück daherkommt, sondern locker aus zwölf Teilen besteht und zusammengebaut werden will.

Das hier vorliegende Modell trägt den Namen Hannover und hat sich bundesweit als der Bringer erwiesen. Es gibt auch das etwas größere Modell Colorado, aber das wird bestenfalls zu Vorführungszwecken genutzt-Hannover ist schlichtweg das Nonplusultra in der Pferdebesamungsszene. Der Aufbau ist deshalb so ausgefeilt, weil damit eine möglichst geringe Kontamination der Spermien gewährleistet wird und weil ein Pferdepenis unglaublich temperaturempfindlich ist. Die Termini ,geiler Hengst' oder auch ,blind vor Geilheit' sind im deutschen Sprachschatz durchaus eine feste Größe, der Realität entsprechen sie jedoch nicht. Zwar bockt fast ziemlich jeder Hengst von Geilheit getrieben auf ein ,Phantom' auf, aber sobald man ihm eine kalte Vagina um sein bestes Stück legen würde, zöge er den Schwanz sogleich wieder ein. Ein kaltes Hannover ist ein No-Go, weshalb der innere Kern der Kunstvagina mit mindesten drei Litern warmen Wasser umspült werden muss. Die exakte Temperatur soll 38 Grad betragen. 

Hier die beiden Modelle. Links Hannover, der Klassiker. 

Nachdem Olaf Hannover fertig gebaut hatte, konnte der eigentliche Akt beginnen. „Tiere sind auch nur Menschen", hieß es von dem Mitarbeiter Rolf, auch sie brauchen etwas Animation. Zu diesem Zweck wurde eine Stute im Raum positioniert, eine animalische Peep-Show sozusagen.

Dann wurde der Hengst reingeführt. Sofort witterte er die Stute, wusste, was bevorstand und drehte richtig durch!

Ich an der Stelle der Mitarbeiter hätte mir vor Angst die Hose durchnässt, der Hengst hätte das gerochen, mir ein Tritt mit dem Huf verpasst und man hätte mich in zwei Teilen vom Hofgut tragen können. Ende der Geschichte. Doch nicht mit Olaf und Rolf. Hier waren Profis am Werk. Der eine führte den Hengst aufs Phantom, der andere legte ihm Hannover ums Glied, nach nicht einmal einer Minute war das ganze Spektal auch wieder vorbei. Nach getaner Arbeit hing der Hengst noch eine Weile auf dem Phantom ab, gerne hätte ich ihm eine Kippe gegeben, dann trabte er zurück in den Stall.

Danach fragte ich Rolf, ob er keine Angst habe, wenn der Gaul so durchgeht. „Pferde abzusamen, ist nicht gefährlicher, als auf der Bundesstraße Fahrrad zu fahren."

Während Rolf den Hengst wegbrachte, machte Olaf sich mit der Ausbeute ins Labor. Mir war schon klar, dass zu dem Job weit mehr gehört, als Pferde abzuzapfen. Unter dem Mikroskop prüfte er die Qualität des weißen Goldes. Analyse der Spermiendichte, vorwärts bewegliche, bewegliche, unbewegliche Spermien, Aufbereitung und Versand des Spermas: All das fällt in den Aufgabenbereich von Olaf.

Tophengst: 475 Millionen Spermien auf einen Milliliter (Duchschnitt sind 200-300)

Zudem hält er Schulungen und bildet Studenten der Tiermedizin auf dem Gebiet der Besamungswirtschaft aus-zusätzlich zu den vielen Tätigkeiten, die er als ausgebildeter Pferdewirt auf dem Gestüt sonst noch übernimmt. Er arbeitet in einer idyllischen Umgebung mit fast schon herzlich-familiären Strukturen zwischen den Mitarbeitern. Es gibt Schlimmeres als das: Papierstau im Büro zum Beispiel. 

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