Auf der Venus ist kein Platz für Frauen—außer sie sind nackt

Bei der größten Erotikmesse Deutschlands geht es nicht um Sex, sondern um (männliche) Masturbation.

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20 Oktober 2014, 3:23pm

Alle Fotos: Grey Hutton

Geht es um die Erotikbranche, ist es in den meisten Fällen das Bild einer nackten Frau, das einem zuerst in den Sinn kommt. Das mag daran liegen, dass der weibliche Körper im Allgemeinen für das Sinnbild von Sex und Sinnlichkeit steht—während ein nackter Mann ein etwas peinlichkeitsbelastetes Nieschendasein führt. Auf Zeit Online wurde 2012 zu diesem Totschweigen des Penisses ein sehr schöner Artikel publiziert. Vielleicht hat es die Branche aber auch nach wie vor nicht geschafft, der Frau als solcher—abseits von genrespezifischen Pornos—eine Position einzuräumen, in der sie als Konsument vielleicht nicht der männlichen Kundschaft gleichgestellt, aber zumindest ernstgenommen wird.

Weibliche Nacktheit ist omnipräsent, scheinbar leichter konsumierbar, mehr Mainstream. Kein Wunder also, dass Deutschlands größte Erotikmesse, die Venus, Jahr für Jahr mit den silikonoptimierten Kurven von Erotiksternchen wirbt. Obwohl Erotik und Sex per Se kein Geschlechtersiegel tragen—oder es zumindest nicht sollten. In der Vergangenheit haben wir uns bei der Berichterstattung zur Venus vor allem auf die Akteure vor und hinter der Kamera konzentriert—ein recht einfacher Blick auf eine Beziehung mit unausgeglichenem Kräfteverhältnis, wie er jetzt beispielsweise von der Bild übernommen wurde. In diesem Jahr wollten wir eine Ebene tiefer kucken. Wenn Erotik geschlechtsübergreifend zu verstehen ist, wer sind dann die Venus-Teilnehmerinnen, die sich nicht gegen Geld auf einer Bühne räkeln? Gibt es auch abseits von SM-Outfits und Umschnalldildos über der mittelalterlichen Rüschencorsage ein weibliches Messepublikum? Und wenn ja, was treibt diese Frauen an, rund 35 Euro für eine Tageskarte hinzublättern?

Die Hoffnung auf spannende Gespräche über die weibliche Sexualität abseits der ultrafeministischen Pornoverdammung hat sich allerdings spätestens in der ersten Ausstellungshalle zerschlagen. Der für einen Freitagabend ziemlich lau dahinplätschernde Besucherstrom besteht vor allem aus Mittfünfzigern mit professionell aussehender Kameraausrüstung oder größeren Gruppen junger Männer, die mit nahezu kindlicher Begeisterung zwischen Fleshlights, Vibratoren und Penispumpen herumtigern—die Handykamera immer im Anschlag. Schließlich muss man bereit sein, wenn eins der Camgirls spontan auch die letzte Hülle fallen lässt.

Frauen finden auf der Venus als Show-Act statt, der sich mit routiniertem Blick die Sehhilfe eines Rentners durch den Schritt zieht und sie ihm anschließend in die zitternden Hände zurückreicht. Frauen versuchen, einem Geschenktüten mit Winnie-Puh- und Hello-Kitty-Aufdruck für Paare zu verkaufen, weil weibliche Sexualität anscheinend von Grund auf her gruselig kindisch zu sein hat und nicht außerhalb einer Partnerschaft stattfinden darf. Frauen halten die eine Hand ihres Freundes und schauen unangenehm berührt ins Nichts, während seine andere bis zum Knöchel in einer Bumspuppe steckt. Frauen ziehen sich so wenig wie möglich an und stöckeln mit suchendem Blick durch die Menge, um die eigene Erotikkarriere zu kickstarten—oder zumindest von möglichst vielen Pornofans abgelichtet zu werden. Und wenn man dann eine Vertreterin des schönen Geschlechts findet, die für ihre Anwesenheit offensichtlich nicht bezahlt wurde, dann ist sie vor allem eins: irgendwie enttäuscht.

„Ich weiß nicht, was ich erwartet habe“, sagt eine blonde Mittvierzigerin, die den Abend an der Bar vor der Fetisch-Halle ausklingen lässt. „Vielleicht mehr Stände, die dann aber auch nicht so derb. Ich fände es schön, wenn es mehr Hingucker für Frauen gäbe. Warum ziehen sich auf der großen Bühne nur Mädels aus? Wenn ich eine Frauenrechtlerin wäre, müsste ich es total verpönen, dass die Frau als reines Lustobjekt dargestellt wird. Das ist hier schon ziemlich krass.“ Auffällig ist es tatsächlich, dass die einzige Show mit männlichen Strippern in einem abgetrennten, gesondert kostenpflichtigen Bereich stattfindet. Anscheinend soll der heterosexuelle Durchschnittsmann nicht von anderen Penissen irritiert werden. Der Mann, der neben ihr an der Bar sitzt, will sich nicht äußern.

Es gibt mehrere Momente, in denen ich Angst habe, unseren Fotografen zu verlieren. Als Frau alleine auf der Venus—da scheint es nur eine Frage der Zeit, bis einen Wildfremde nach einem gemeinsamen Foto fragen. Ein Wunsch, den die zahlreichen Hostessen und Pornosternchen ihren Verehrern nur zu gerne gewähren. Ein Selfie scheint für die Männer allerdings auch zwingend mit dem ungefragten Angrabschen von Brüsten und Arsch verbunden zu sein. Eine hochgewachsene Frau mit riesigem Strap-On lächelt gequält. Angefasst wird man allerdings nicht nur dann ungefragt, wenn das knapp geschnittene Outfit nur durch schmale Riemen zusammengehalten wird.

„Das ist schon ein bisschen strange hier. Ich wurde vorhin von Jungs angegrabscht. Die meinten ,Woah, du hast coole Titten‘ und haben dann einfach zugelangt. Ich meine, man kann ja zumindest fragen“, erklärt ein Mädchen mit Glitzer im Gesicht. „Für die war das total normal, dass sie Frauen ungefragt anfassen können.“ Ihr Freund, der nach eigener Aussage so betrunken ist, dass er bei einem spontanen Pornodreh im Hintergrund saß und in die Kamera gewunken hat, scheint unbeeindruckt: „Die Venus ist eine Pornomesse—da sind dann eben Männer, die Druck ablassen müssen.“

Es hat auf psychologischer Ebene wahrscheinlich irgendetwas zu bedeuten, dass ich mich am Weinstand am willkommensten fühle. Mit vertraulichem Augenzwinkern und zitternden Händen (Nervosität oder Alkoholsucht? Die Grenzen verschwimmen.) schenkt uns ein Mittfünfziger ein Glas Weißwein nach dem anderen ein. „Was steht vor der Erotik? Man macht es sich mit einem guten Glas Chardonnay bequem!“, sagte er. Durch irgendetwas muss die Existenz einer Weinprobe in unmittelbarer Nähe zu Gummi-Vaginas ja gerechtfertigt werden. Bei Alkohol gibt es keinen aktiven und passiven Part, Alkohol befriedigt alle. Wie schön. In derselben Messehalle befindet sich auch mein zweites Highlight der Messe. Ein Stand mit Spankrags—„Wichstüchern“, auf denen einem Blowjob-Gesichter mit offenem Mund erwartungsvoll entgegenstarren. DAS ist tatsächlich eine der fantastisch-absurden Innovationen, auf die ich die ganze Zeit gewartet habe.

Ich habe sehr lange überlegt, woher dieses komische Gefühl in meiner Magengegend kommt. Dieses Gefühl, fehl am Platz zu sein, so als würde man ein bisschen zu lange neben jemandem stehen bleiben, den man gerade erst kennengelernt hat. Als ich gedankenverloren auf rund 20 Männer mittleren Alters blicke, die sich geifernd um eine Frau mit eckigen Arschimplantaten scharen, kam dann die große Erkenntnis. Bei der Venus geht es nicht um Sex oder um Erotik im allgemeinen Sinne. Es geht um Masturbation.

Die Art von Selbstbefriedigung, die nicht einmal mehr Zuschauer duldet, sondern sich mit grotesk verdrehten Silikontorsos und vibrierenden Vagina-Einsätzen vollkommen selbst genügt. Und so wie man unangenehm berührt die Tür zuschlägt, wenn man einen Mitbewohner dabei erwischt, wie er mit Hand in der Hose vor dem Laptop sitzt, bleibt einem auch bei der Venus nichts anderes übrig, als einen Schritt zurückzutreten. So wie man Videos auf Pornhub nach Belieben aufruft und wegklickt, behandeln große Teile der männlichen Besucher auch die Frauen, die jetzt—ganz ohne schützenden Bildschirm—vor ihnen stehen.

Die Einbahnstraßen-Mentalität der digitalen Pornografie ist auch auf der Venus oberstes Gebot. Die Frau ist das Konsumgut, der Mann der Konsument. Das ist OK, wenn man es auf die bezahlten Pornosternchen bezieht, die in Dessous ihre Runden durch die Messehallen ziehen. Inwiefern weibliche Besucherinnen dabei aber abgeholt werden, bleibt fragwürdig. Am Ende ist man sich in seiner Sexualität dann eben doch der nächste, und sei es allein, mit seinem Wichstuch und seiner Sexpuppe. Zumindest das habe ich über den Status Quo der Erotikbranche gelernt.

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