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Wir müssen aufhören, Katastrophen wie Actionfilme zu behandeln

„Medien schwingen sich auf Geschichten, die den Betroffenen keine Aufklärung, sondern nur noch mehr Leid bringen."
27.3.15
Header-Foto: Robert Agthe | Flickr | CC BY 2.0

Es ist ziemlich eigenartig, was gerade passiert. Das erste Mal, dass ich so eine Dynamik mitbekam, war 9/11. Ein Unglück vor laufenden Kameras mit einer Live-Audience weltweit. Das Surreale dieser Momente—ich erinnere mich daran, wie oft Menschen das in der Zeit gesagt haben—war, dass es aussah wie ein Film. Ein Unglück, eine Katastrophe im Gewand eines Action-Films.

Aber jetzt ist es andersherum. Seit 9/11 scheint mir die Berichterstattung von Katastrophen jeglicher Art diesem Moment hinterherzulaufen und ihn obsessiv reproduzieren zu wollen. Es werden keine Nachrichten mehr gesendet, es wird ein Event (re)konstruiert. Eventkino. Action-Blockbuster. Live und in Farbe und auf allen Kanälen und zum Mitreden im sozialen Netz. Der interaktive, 24/7 Live-Blockbuster. Mit extra viel Drama und Krimi—schließlich können ja jetzt alle mitraten, wie es zu dieser Katastrophe, dem Todessinkflug des Germanwings-Flug 4U9525, kam.

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Nicht die tatsächlichen Informationen sind relevant. Nur zur Erinnerung: Nachrichten sind eigentlich ergebnisorientiert. Der tatsächliche Nachrichtengehalt passt auf eine Seite. Aber das ist natürlich total egal, denn Berichterstattung ist zum endlosen, rund um die Uhr laufenden Storifying geworden. Es geht nicht um den Inhalt, es geht um die Geschichte. Es geht um das Event. Es geht darum, live dabei zu sein, auch wenn es eigentlich nichts gibt, bei dem man dabei sein könnte. Dann rekonstruiert man es eben. Die Sondersendungen und Extraseiten und Liveticker und Blogs müssen ja auch mit irgendwas gefüllt werden. Es geht um Content. Um Klicks, Einschaltquoten, Auflagen. Und die kriegt man mit Sensation.

Und so stellt man riesige Behälter in Form von stundenlangen Sondersendungen bereit und füllt diese mit … was eigentlich? Es gibt ja keine Ergebnisse, keinen richtigen Inhalt. Aber Content ist eben nicht gleich Inhalt und die Katastrophe ist ja so schrecklich und schlimm, da kann man natürlich nicht einfach mal die Klappe halten, nur transportieren was es an tatsächlicher Sachlage gibt und dann Raum für Trauer und Schock lassen. Nein, das muss man minutiös nachvollziehen, nachstellen, nachfühlen. Am besten wiederholt.

Da braucht man erst mal eine Animation davon, wie das Flugzeug im Sinkflug auf irgendeinen Berg knallt. Die tatsächlichen Aufnahmen hat man nicht, also bastelt man die sich selbst. Und weil es geiler aussieht, wenn irgendwas explodiert—man hat ja was gelernt von Michael Bay—, lässt man das Flugzeug explodieren, auch wenn's vielleicht so nicht stimmt, weil es eben ein guter Aufmacher ist. Hinzukommen minutengenaue Nacherzählungen vom Start der 4U9525 bis zum Crash. Cut. Als nächstes sind die Protagonisten dran. Erst ein paar Statisten: Ein paar Leute haben umgebucht und sind die „Glücklichen". Von denen im Flugzeug weiß man leider noch nicht so viel, die Witwenschüttler aus der Redaktion sind erst unterwegs, um Fotos zu erheischen, die Online-Redaktion ist noch dabei, Fotos von Facebook-Profilen zu kopieren, auch wenn es am Ende die falschen sind.

Es geht um Content. Um Klicks, Einschaltquoten, Auflagen. Und die kriegt man mit Sensation.

Dann ist man schon im nächsten Akt des Kino-Events und nähert sich dem dramatischen Höhepunkt. Cut zum Stimmrekorder und dem Hämmern des Piloten an die Tür. Der tragische Held versucht zu retten, der Antagonist gewinnt aber dieses Mal. Ich gehe davon aus, dass wir die gesamte Backstory zu ihm in den nächsten Tagen noch erfahren. Schuhgröße, Psycho-Profiling und ob er noch Jungfrau war inklusive. Es ist nämlich alles total wichtig, das alles zu wissen. Nicht für die Rekonstruktion des eigentlichen Unglücks, aber für einen guten Action-Film. Man braucht schließlich Backstory, um sich emotional darauf einlassen zu können. Dass dieser Teil der Geschichte bisher übrigens nur angenommen ist und auf nichts anderem als einem Stimmrekorder basiert, den nur ein paar Menschen gehört haben, ist auch scheißegal. Die Story ist zu gut und hat noch den genialen Nebeneffekt, dass sie so krass ist, dass man als Zuschauer wunderbar mitmachen kann: Das war doch die IS! Obama! Germanwings will was vertuschen!

Sogar der einzige verbliebene blinde Fleck dieser Geschichte, vor dem alle anderen Pressevertreter zurückschreckten—nämlich dem Fantasieren darüber, wie es für die Passagiere war—wurde dann doch noch ausbuchstabiert. Dank der BILD-Zeitung und ihrem Kolumnisten Wagner, der einen Brief an die Absturzopfer schrieb (WTF?), in dem er sich genüsslich in seinen aufgeilenden Gedanken darüber suhlt, wie schlimm das alles wohl gewesen sein muss. Das Drehbuch zur demnächst stattfindenden TV- oder Film-Verwertung ist von der Presse jetzt schon geschrieben.

Es ist ein großer Unterschied, ob man als Medium Fakten und Nachrichtenmeldungen liefert, oder ob man aus dem Ereignis ein multimediales Live-Event an der Grenze zum Stammtisch-Verträglichen macht, das mit Berichterstattung im journalistische Sinne nur noch den Namen gemeinsam hat. Was wir bei Germanwings sehen, ist die Stilisierung menschlicher Tragödien aus dem Real-Life zur leicht verdaulichen, Suspense-getriebenen Hollywood-Story. Das ist kein Journalismus mehr, das ist menschenverachtend, quälend und pietätlos. Hier schwingen sich Medien auf, eine Geschichte, die ihnen nicht gehört und die den Betroffenen keine Aufklärung, sondern nur noch mehr Leid bringt, zu erzählen. Und es widert mich an.