„Fifty Shades of Grey“ oder: Warum Kindesmissbrauch nicht sexy ist

Die Verfilmung des Bondage-Bestsellers ist schockierend—allerdings nicht wegen Bondage-Szenarien und blanken Brüsten.

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11 Februar 2015, 5:12pm

Screenshot: YouTube

Ich habe den Hype um Fifty Shades of Grey bisher vergleichsweise erfolgreich ignoriert. Business-Typ (Christian Grey) trifft unbedarfte Frau (Anastasia Steele), die beide starten eine Affäre, in der es ein bisschen härter zugeht, als man es normalerweise in Liebesfilmen zu sehen bekommt, und am Schluss gibt es trotz aller Komplikationen das große Happy-End. Die Buchreihe von E L James wurde zum weltweiten Bestseller und mittlerweile weiß auch die langweiligste Hausfrau, was man sich unter BDSM vorzustellen hat. Die Verfilmung des ersten Buchs feiert im Rahmen der Berlinale Premiere und schon jetzt ist abzusehen, dass die Kinokassen ordentlich klingeln werden. Also habe ich mir das Ganze dann doch mal angeschaut—und war schockiert.

Ich finde BDSM und ein ungleiches Mächteverhältnis in sexuellen Situationen nicht grundlegend pervers oder abseitig. Es geht mir auch nicht darum, irgendwelche antifeministischen Tendenzen in die Verfilmung eines Buches hineinzulesen, das schon allein vom literarischen Standpunkt aus nicht mehr ist als die unbeholfen zusammengekritzelten intimsten Wünsche einer frustrierten Hausfrau. Das Schlimmste, Schockierendste, Unverantwortlichste passiert nicht der unterwürfigen Anastasia Steele. Es ist, wie der Film mit seinem männlichen Hauptcharakter umgeht.

Foto: Universal Pictures

Christian Grey ist reich, attraktiv, lebt in einem Luxushotel mitten in Seattle und umgibt sich auf der Arbeit vor allem mit perfekt gebauten Blondinen, die alle seine Sätze mit „Ja" und „Gern" beantworten. Er lebt das Leben eines unverbesserlichen Playboys, könnte man meinen, der sich nimmt, was er will und keine Lust auf Bullshit hat. Das würde ihn zu einem lahmen Abziehbild jedes männlichen Hauptdarstellers einer Romantic Comedy machen, der nur auf die richtige Frau wartet, um endlich zum allgemeinverträglichen Schmusetiger zu werden und es wäre ziemlich langweilig. Selbst mit Lederpeitschen und Augenbinde. Aber es wäre moralisch vertretbar.

Stattdessen erzählt der Film die Geschichte eines Mannes, dessen Leben von Missbrauch, zwischenmenschlicher Kälte und der Angst, wieder verlassen zu werden, geprägt ist und bei dem sich diese Ambivalenz in sexuell eher ungewöhnlichem Verhalten manifestiert. Statt das zu zeigen oder konkret zu thematisieren, wird Mr. Grey zum ultimativen Sexgott stilisiert—und das Publikum scheint es genau so anzunehmen. Ein bisschen so, als würde man Nabokovs Lolita mit Girls Club gleichsetzen. Schließlich kommen in beiden Filmen leichtbekleidete Schulmädchen vor.

Vergessen wir die lahmen Dialoge, die unglaubwürdigen Charaktere, die schönen Bilder und den ziemlich guten Soundtrack. Alles, was man über diesen Film wissen muss, passiert in einer Szene. Christian und Anastasia gehen nach einem Streit spazieren. Sie hat Probleme mit den Verträgen, die er seine Liebschaften unterschreiben lässt, bevor er sie mit in sein Sadomaso-Spielzimmer nimmt. Christian hat einen offensichtlichen Kontrollzwang. Er muss wissen, wo Anastasia ist. Er hat Angst, ist unsicher, überspielt es mit fadenscheiniger und teilweise passiv-aggressiver Dominanz. Und dann kommt der Moment, der eine Moment, der eine Art Erklärung für sein ganzes Wesen sein soll: von seinem 15. bis zu seinem 21. Lebensjahr wurde er von einer Freundin seiner Mutter als Sexsklave benutzt.

Da steht ein Mann, der missbraucht wurde, und glaubt, dass es OK ist. Weil diese Frau ihm erfolgreich eingeredet hat, dass sie die Einzige ist, die ihn versteht. Weil er immer noch Kontakt mit ihr hat. Vielleicht auch, weil es einen grundlegenden Unterschied darin gibt, wie man mit der Vergewaltigung an einem pubertierenden Mädchen und mit der an einem pubertierenden Jungen in der Gesellschaft umgeht. Und alles, was der Film uns sagt, ist: Alles in Ordnung. Er wollte es ja auch. Das hat ihn erst zu diesem sexy und zugleich tiefgründigen Biest gemacht, das er jetzt ist. Denn Missbrauch ist kein Verbrechen, sondern macht Menschen erst so richtig begehrenswert und interessant. Wohoo! Nächste Szene.

Foto: Universal Pictures

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass soziale Störungen und tiefe Traumata mit schmissigem Soundtrack und schönen Kamerafahrten zu einer Art prickelndem erotischen Fetisch stilisiert werden, zeigt der Erfolg der Grey-Reihe auch einfach, was für ein abgefucktes Männerbild eigentlich viele haben. Reich soll er sein, schön und perfekt gebaut, bestimmend und immer dann fordernd, wenn es der Frau aus Entscheidungsfaulheit oder sexuellem Interesse gerade passt. Die Welt soll er ihr erklären, sie galant durch den Alltag führen und jede gemeinsame Stunde zu einem Abenteuer machen. Er muss kuscheln und sich öffnen, darf gleichzeitig aber auch nicht zu viel von sich preisgeben.

Wenn Frauen ein nahezu unerreichbares Körperideal vorgehalten wird, sieht sich der Mann in der heutigen Gesellschaft mit einem komplett schizophrenen Wunschbild konfrontiert, an dem man nur zerbrechen kann. Christian Grey ist—und das mag absolut nicht beabsichtigt sein—das Resultat dieses Werbeplakat meets Profilneurose-Wahnsinns. Ein psychisch gebrochener, zutiefst verunsicherter Mann, der so viel Angst davor hat, abgelehnt oder allein gelassen zu werden, dass er Kontrolle über jeden ausüben muss, der ihm nahe kommt.

Ich fand es zuvor immer ein bisschen albern, wenn ich von Seiten meiner Familie oder aus dem Freundeskreis gehört habe, dass man ja selbst gerne so einen Christian Grey hätte, der erotisch und aufregend ist und einen jeden Tag mit einem neuen, teuren Geschenk überrascht. Nachdem ich mir Fifty Shades of Grey angeschaut habe, überwiegt allerdings die Fassungslosigkeit. Über die Art und Weise, mit welcher Nonchalance die Autorin sexuellen Missbrauch an Minderjährigen mit halbgaren Sadomaso-Fantasien vermengt—und wie kritiklos und unreflektiert die Filmemacher diesen moralischen und literarischen Schmutz auch noch übernehmen.

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