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DIE „HAST DU EIN PROBLEM, ODER WAS?!“-AUSGABE

Argentinien braucht Dollar

In Buenos Aires gibt es einen Währungsschwarzmarkt, wo man Pesos in „blaue Dollar“ umwechseln kann. Das ist zwar extrem illegal, aber so in der Gesellschaft angekommen, dass die Wechselkurse in der Zeitung stehen.

von Denisse Espejel
01 Januar 2014, 7:02am

Foto mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Buenaventuramariano

Argentiniens Wirtschaft hat Probleme. Dank Präsidentin Cristina Kirchners protektionistischer Wirtschaftspolitik ist der Handel mit dem Ausland eingeschränkt, die Inflation hoch und an Dollars herrscht Mangel, sowohl in den staatlichen Fremdwährungsreserven als auch auf der Straße. Daher hat die Regierung den Verkauf von argentinischen Pesos gegen Dollar auf dem freien Markt mit der sogenannten Dollar-Klemme, eingeschränkt. Aber laut Präsidentin Kirchner ist alles in Butter.

„Es gibt keine Dollar-Klemme“, sagte die Präsidentin in einem ihrer seltenen Interviews im staatlichen Fernsehen Ende September. „Ich komme gerade aus New York City zurück und habe dort unzählige gut gelaunte argentinische Touristen gesehen, die mir zugewunken haben.“

Bestenfalls nutzt die Präsidentin die Touristen in New York als Wirtschaftsbarometer für ihr Land. Schlimmstenfalls ist es eine dreiste Lüge und eine Beleidigung der Intelligenz ihrer Bürger. In Wirklichkeit müssen Argentinier, die ihre Pesos gegen verlässlichere Dollar eintauschen wollen, erst einmal unzählige Anträge stellen und Formulare ausfüllen und beweisen, dass sie das Land tatsächlich verlassen wollen. „Wenn man in die angrenzenden Länder reist, verkaufen sie einem die dortige Währung. Nur wenn man nach Amerika reist, bekommt man auch Dollar“, sagte Marco Mora*, ein Regierungsangestellter, der diese Prozedur kürzlich über sich ergehen lassen musste.

Um diese Einschränkungen zu umgehen, hat sich ein Schwarzmarkt entwickelt, auch bekannt als „dólar blue“, wo Pesos gegen die US-Währung eingetauscht werden. Wenn man durch Buenos Aires’ zentrales Geschäftsviertel läuft, findet man dort an jeder Ecke zwielichtige Gestalten, die ganz ungeniert „Cambio, cambio“ rufen—„Umtausch, Umtausch“. „Die Regierung weiß genau, was passiert“, sagte Marcelo, einer der Geldwechsler, aber sie wissen auch, dass sie dagegen machtlos sind. Der „blaue Dollar“ wird so öffentlich betrieben, dass der Wechselkurs sogar in Zeitungen und auf einem Twitter-Account veröffentlicht wird ­(@DolarBlue). Zum Zeitpunkt meiner Recherche betrug der inoffizielle Wechselkurs 9,80 Pesos, das sind ein paar Pesos mehr als die offiziellen Regierungszahlen. Wenn man nicht übers Ohr gehauen werden will, sollte man den Kurs, der ständig schwankt, im Voraus wissen. „Wenn du nicht vorher anrufst, bekommst du auch keinen guten Kurs“, erzählte mir Marcelo, bevor er mit mir in den 14. Stock eines Geschäftsgebäudes fuhr, wo sich—hinter kugelsicherem Glas—eine Wechselstube befand. Es wirkte ein wenig anrüchig, war aber besser, als sich auf dem offiziellen Weg Dollar zu besorgen.
 

* Einige Namen in diesem Artikel wurden geändert, um die Interviewteilnehmer zu schützen.

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Jahrgang 9 Ausgabe 11
Die „Hast du ein Problem, oder was?“-Augabe