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VICE Snow

Sex Sells Snowboards

Das Snowboard-Business ist und bleibt ein Boys Club, aber tut die Industrie sich damit etwas Gutes?
20.1.14

Als die Presseaussendung zum Red Bull Shr3d Girls Only in unserem Posteingang landete, entfuhr uns reflexartig der „Wow, not bad“-Ausdruck. Aber wieso passiert das bei einem Event, das vormals ausschließlich männlichen Kollegen vorbehalten war? Weil es nicht auch den Red Bull Shr3d Girls sondern eben NUR diesen gibt—ganz ohne männlichen Counterpart. Wir finden das super, aber wahrscheinlich ernten wir von unzähligen Lesern ein lautes „Gähn“, weil die Feminismus-Keule Schwingen stark behaarten und hässlichen Emanzen vorbehalten sei, denen sowieso niemand mehr freiwillig zuhört—außer damit lassen sich billig verdiente ECTS-Punkte sammeln—been there, done that. Aber ist das wirklich so outdated und unnötig?

Bald steht wieder die ISPO in München, die weltgrößte Sportartikelmesse an und jeder, der in den letzten Jahren dort war und trotz des vielen Freibiers noch ein bisschen davon weiß, wird sich bestimmt neben total coolen, innovativen Snowboardartikeln auch an viele halbnackte Frauen erinnern. Der pop-up Strip Club, in welchen Ride Snowboards ihre Booth 2011 verwandelt haben zum Beispiel. Das hier soll kein Rant gegen Strip Clubs sein, ich habe selbst den einen oder anderen Geburtstag dort verbracht und meinen letzten Zehner im Höschen einer leicht bekleideten Slowakin versenkt (sie kam nach Österreich zum Studieren, wir haben uns unterhalten), aber wenn in einer riesigen Industrie, in der mehrköpfige Teams an Marketing-Assen sitzen, das Meeting tatsächlich mit „OMG YOU GUYS, I HAVE THIS REALLY GREAT IDEA! NAKED CHICKS!“ endet, fragt man sich, ob es wirklich so schwierig ist für gutes Geld eher kreativ als sexistisch zu sein.

Screenshot: Bataleon Snowboards

Abgesehen vom Entertainmentprogramm auf der ISPO finden sich wohlgeformte und entblößte weibliche Körperteile natürlich auch sehr gerne als Snowboard-Grafik wieder. Das Burton Joystick mit 40 Fotos von Shot by Kern Girls zum Beispiel oder no name Mumus auf dem Bataleon Camel Toe (dazu gibt es sogar ein passendes Camel Toe Shirt—endlich ein Geburtstagsgeschenk für Mama, yay!). Mir wäre es ehrlich gesagt aber auch scheißegal, wenn mein Snowboard von Hillary Clintons Arsch geschmückt wäre, weil am Ende doch eher die Qualität und nicht die Grafik zählt (naja, die Qualität oder das, was mir Freunde an alten Snowboards schenken, da mich meine Dauerpleite daran hindert, mir ein eigenes zuzulegen).

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Aber auch wenn viele auf diese Punkte komplett scheißen, weil es im Endeffekt ja wirklich nur um den Spaß am Fahren und nicht den Zirkus drumherum geht, ist das trotzdem ein Image, das über Frauen in diesem Sport transportiert und reproduziert wird. In unserem Aufwachsen werden wir von unserer Umwelt beeinflusst und wenn die einzigen Frauen, die ich im Zusammenhang mit Snowboarden sehe, nackte Weiber in der Werbung und als Grafik auf Snowboards sind, lässt sich die Brücke zu „Hey, das will ich auch mal machen und ich KANN das auch“ einfach schwerer legen.

Mädchen müssen sich erst Eier wachsen lassen um wie die Jungs fahren zu können. Snowboarden ist nicht Eiskunstlauf und wenn es in Contests nur mehr darum geht, wer mehr Spins und Corks hinfetzen kann, bringen Frauen zugegebenermaßen momentan nicht die selbe Leistung, wie sie Männer hinlegen. Wenn man aber Style und Kreativität hinzuzieht, sowie besonders in den letzten Jahren wieder verlangt wird, stehen Frauen Männern um nichts nach. Einen kreativen Street Part filmen, sich im Backcountry irre Hänge runterstürzen und saubere Tricks hinlegen, können Frauen genauso gut wie Männer. Aber genau diese verschissene Doppelmoral ist zum Kotzen, weil sich die Argumentation schlicht selbst aufhebt und mir trotzdem andauernd entgegengefeuert wird: Frauen können die Limits von Männern nicht erreichen, Limits as in: spin to win. Nur ist das eben noch lange nicht alles, worum es beim (professionellen) Snowboarden geht oder zumindest gehen sollte.

Brian Behrens via Flickr

Wenn man, abgesehen von Magazinen, die speziell an Mädchen gerichtet sind, wie das Cooler Mag, irgendein Massenmedium durchblättert, steht die Anzahl der Features über Frauen nicht einmal annähernd in Relation zu der Teilnehmerinnenanzahl im Profi-Sport, obwohl diese bei Frauen tatsächlich immer noch um einiges niedriger ist als bei Männern. Aber warum ist das so? Angebot und Nachfrage bestimmen den Verkauf, das Interesse an Features über Pro Mädchen ist gering, weil sie nicht so hart rippen können und es wenige von ihnen gibt. Aber unter anderem gibt es eben so wenige von ihnen, weil es viel härter ist als Frau vom Snowboarden zu leben und die Budgets, die für sie ausgegeben werden, viel kleiner sind.

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Dass die Preisgelder bei der TTR World Tour heutzutage gleich aufgeteilt sind, war ein langer und harter Kampf. Für die Freeride World Tour gibt es für Frauen teilweise immer noch nur 1/6 des Preisgeldes, das ein Mann bekommt. Die Reise-, Trainings- oder Krankenhauskosten sowie das Startgeld sind für alle gleich, wieso nicht auch das Preisgeld? Wieso wird erst gar kein Anreiz für Frauen geschaffen, bei diesen Contests auch tatsächlich teilzunehmen? Das Budget, das Marken für weibliche Team-Fahrer ausgeben ist verschwindend gering. Um Sponsoren bei Laune halten zu können braucht man Medienpräsenz, aber die ist verhältnismäßig schwer zu bekommen. Und komplett ohne Sponsoren kannst du dich selbst nicht bis an deine Grenzen pushen, vor allem, wenn du nicht sponsored by Mommy und Daddy bist. Was die Medien reproduzieren, ist für den Konsumenten Realität, egal ob es wirklich stimmt oder nicht. Und wenn mir mein Leben lang vermittelt wird, dass es sowieso nicht als gleichwertig empfunden wird, was ich leiste—wieso sollte ich mir den Scheiß dann überhaupt erst antun?

Anne-Flore Marxer hat vor einigen Jahren eine Petition ins Leben gerufen, die es Frauen ermöglichen soll, am Air & Style teilzunehmen. Sogar die Mutter des Organisators hat unterschrieben, er selbst nicht. Mit der Begründung, dass sie für die große Schanze nicht gut genug sind. Vielleicht sollte man diese Entscheidung den Fahrern selbst überlassen und dem Ganzen zumindest eine Chance geben. Marxer jedenfalls hätte sich nicht vor Angst ins Spitzen-Hoserl gemacht und sie sollte das wohl selbst am Besten einschätzen können. Mit anderen Worten: girl’s got some massive ovaries. Was Frauen bisher beim Air & Style machen durften, wurde uns letztes Jahr in einem der sinnfreisten Videos, die ich seit langem gesehen habe, zusammengefasst: „Models of Air & Style“.

Und obwohl er die selbe Hosengröße wie seine Kolleginnen trägt wird wohl auch Don’t-Call-Me-Flying-Tomato-White daran nichts ändern. Ein Video mit ähnlichem random-Faktor gab es übrigens auch vom Fridge Festival Vienna, zwei halbnackte Prolomädchen ziehen die Namen der Teilnehmer. Komischerweise ist das Video inzwischen verschwunden. Vor allem bei City Events, wie dem Air & Style, ist Zahl der Zuschauerinnen hoch und wenn das Publikum am Pleasure Jam auch durchdreht, wenn die Mädels an der Reihe sind—wieso sollte das nicht im Bergiesel Stadion funktionieren? Abgesehen davon ist es fraglich, ob das Publikum einen 900 tatsächlich von einem 1080 unterscheiden kann, wenn einer der ultimativen Crowd Pleaser immer noch der Backflip ist.

Aimee Fuller, Foto: Chris Garrison, Red Bull Content Pool

Wir müssen uns da auch an der eigenen Nase nehmen, denn in den beiden Rider-Interviews, die wir diese Saison auf unserem Blog hatten, kam kein Mädchen vor, und das ist nicht cool. Ich bin selbst für meine Arbeit belächelt worden, von jemandem, der nicht nur mit beiden Beinen in der Industrie steht sondern mir wirklich wichtig war. Das ist ein beschissenes Gefühl und sich über solche Hürden hinwegzusetzen und zu sagen „Fickt euch, ich zieh’s trotzdem durch!“ ist nicht einfach. Snowboarden ist und bleibt ein Boys Club, und auch hinter den Kulissen sind die Chef-Etagen meist mit Männern besetzt. Aber in einer Industrie die, wie wohl jede andere auch, nicht nur darum kämpft, zu wachsen, sondern oft genug darum überhaupt zu überleben (Hey Forum, schön dich gekannt zu haben), wieso setzt man nicht auf einen Markt, der so viel Wachstumspotential hat wie der der Frauen? Bringt sie dazu, ihre beschissenen Freeski mit Ed Hardy Grafik im Arsch des Vordermanns zu versenken und sich endlich ein Snowboard anzuschnallen.

Sarka Pancochova, Foto: Swen Carlin, Red Bull Content Pool