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Popkultur

Wir drehen euch einen Joint aus naiver Freude und Filmen

Wir schauen den schockierenden "Insidious: Chapter 2", den schwulen "Liberace" und den schönen "Waiting for Guffman" (noch einmal, weil's lange her ist).

Film ist die schönste Kunstform nach Pizzabacken. Ich weiß, das klingt ein bisschen, als würde jemand bei Dingsda einem Kasper-Hauser-Kellerkind erklären, was bewegte Bilder sind und sollte in einer Kino-Kolumne eigentlich nichts verloren haben. Aber oft sind es genau diese vergessenen Basics, die einen glücklich machen, wenn man es nur schafft, den verwucherten Zitatewald im Hinterkopf abzuholzen und sich einfach wieder auf sie einzulassen.

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Die heutigen Filme sind so was wie eine zen-buddhistische Lektion in genau dieser Art von Rückbesinnung. Wer es schafft, den fetten postmodernen Schweinehund in sich mit einer Nerd-Frage über irgendeinen Meta-Kommentar bei den Simpsons kurzfristig ruhigzustellen, wird reich belohnt werden. Dann tauchen einen nämlich beide Neuerscheinungen in eine 100-minütige Erinnerungslöschmaschinegeben und geben einem das Gefühl, noch nie zuvor einen Film im jeweiligen Genre gesehen zu haben. Und als Zugabe streuen wir noch ein paar Brösel Konversationsmaterial in der Form eines Parks and Rec-Vorläufers mit in euren Wochenend-Blunt.

Insidious: Chapter 2

Foto via The Movie Rat

Erinnert ihr euch an die furchtbare finale Episode von V/H/S, bei der sich ein von Geistern heimgesuchtes Haus in eine Disney-Attraktion mit Gummiwänden und schlechten SFX verwandelt? Insidious: Chapter 2 ist das Gegenteil von diesem Haus—und die Essenz dessen, was das Haus vermutlich hätte sein sollen.

Wer Teil 1 gesehen hat, kennt längst die Gesetzmäßigkeiten, nach denen der malaysische Regisseur James Wan sein filmisches Universum aufgebaut hat: Hier existieren Aberglaube und Esoterik zurecht (und genauso unbedarft wie zuletzt im Horror der 80er-Jahre), weil die Welt voll mit rastlosen Seelen aus dem Jenseits ist, die nach Leben dürsten und die deshalb von unseren wachen Körpern Besitz ergreifen.

Um ihnen zu trotzen und seien Sohn auch mal ohne katholischen Exorzismus aus ihrer Gewalt zu befreien, muss Josh Lambert (gespielt von Patrick Wilson) die Reise in die Parallelwelt antreten, die den Weg in die Hölle als Neuauflage von Dantes Göttliche Komödie nachzeichnet und wo es im Vergleich zu den ziemlich furchtbaren Geistbesuchen in unserer Welt und den ziemlich elaborierten Schock-Momenten wenigstens mit klaren Regeln zugeht.

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Überraschenderweise funktioniert das Rezept auch in Teil 2 wieder verdammt gut und bringt selbst der geneigten Horrorfanschaft einmal mehr das fast vergessene Gefühl von Hosilulu näher. Bei Wan passiert das Schlimmste nicht immer bei Nacht und der Geist steht nicht immer dann dort, wo man ihn nicht erwartet. Auch sagt niemand genau dann "Buh!", wenn Score und Dramaturgie es nahelagen würden und sich uns die Muskeln bereits in Überlebensstarre um die Gelenke gespannt haben.

Stattdessen nutzt er den Raum perfekt aus und verpflanzt den Horror, der nicht nur über die, sondern auch aus der Familie kommt, filmisch in den blinden Fleck der eigenen vier Wände. Das prototypische amerikanische Heim mit seinen vielen offenen Räumen und seinen tausenden Winkeln wird hier perfekt eingefangen und fast schon denkmalhaft portraitiert: Mit perfekten Kamerafahrten zaubert Wan seine Geister an den Rand unserer Aufmerksamkeit, lässt jenseitige Kinder bei Tageslicht durch das Angstzentrum unsres Gehirns patschen und schafft ein klaustrophobisch-paranoides Szenario, von dem Familien-Psychologen wahrscheinlich noch in zehn Jahren zehren werden.

Sogar die recht übliche Zweiteilung in Gruselfilm ("Hilfe, ich verstehe nicht was passiert und alles macht mir Angst!") und Actionfilm ("Okay, ich hab's kapiert, lass uns die Geister ausräuchern!") ist so gut motiviert, dass es den Film weder zerreißt noch seine Struktur überstrapaziert: Im Gegenteil wirkt der Pay-off mit der Reise ins Jenseits wie eine Making-of der Mythologie, die im Film sonst zwischen Angststarre und Adrenalinrausch sowieso untergegangen wäre.

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Über den Inhalt sollte man sonst wahrscheinlich gar nichts sagen, außer dass sich Insidious: Chapter 2 richtig was überlegt hat und selbst die feingetuneten Schockmomente aus dem ersten Teil noch einmal einer lückenlosen (wenn auch, nona, metaphysischen) Erklärung zugeführt werden und man genau wegen dieser erzählerischen Sorgfalt selbst als Rationalist keine Sekunde lang ein Problem mit dem ganzen Geister-Bullshit hat.

Ein Kinobesuch macht durchaus Sinn, auch wenn beide Teile hintereinander den perfekten Rahmen eines gemeinsamen Bett-Schwitz-Abends im Einteiler bilden. Oder ihr geht zuerst ins Kino und schaut euch beide Filme dann noch mal mit Gras und zuhause an, bevor der nächste Film der Reihe rauskommt. Ich habe jetzt schon Schüttelfrost, wenn ich an Chapter 3 denke.

Liberace

Foto via Film School Rejects

Es gibt wenig, was mich in Sachen Filmvertrieb und -marketing mehr aufregt, als englischsprachige Filme, die im deutschen Raum einen neuen englischsprachigen Titel verpasst bekommen, weil man dem Publikum in seiner projektiven Vorsicht nicht zutraut, dass es den Originaltitel verstehen oder aussprechen kann.

Die große Komödie Horrible Bosses, der bei uns unter dem artikulationsfreundlicheren Imperativ Kill the Boss ausgespielt wurde, war genau so ein Film; ein vielleicht unbekannteres und noch viel weniger nachvollziehbares Beispiel ist The Incredible Torture Show, dem man auf Deutsch den Prädikat-Titel Bloodsucking Freaks umgehängt hat—und auch Planet der Affen: Prevolution hat zumindest seine englischsprachigen Namens-Hälfte völlig aus der Luft gegriffen, weil das Original mit dem Namen Rise of the Planet of the Apes vielleicht für deutsche Wortzusammenführer zu umständlich geklungen haben könnte.

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Je nachdem, wie man es sehen will, entgeht Liberace diesem Schicksal entweder ganz knapp oder gehört zu genau dieser Riege an schenkelklopfenden Rufzeichenfilmen, weil sein deutscher Titel zwar nichts mit dem Originalnamen zu tun hat, aber immerhin ein Eigenname ist. In "echt" heißt er nämlich Behind the Candelabra, was für die Marketer wohl zu sehr nach Zungenbrecher ausgesehen haben muss.

Aber abgesehen davon ist Behind the Candelabra auch als Liberace so gut, dass man bei allem Hass für eine dumme Industrie, die ihr Publikum für kein bisschen gescheiter halten will, gar nicht anders kann, als sich über das ganze lockere, reich verzierte Zuckerwerk zu freuen, zu dem sich der Film über seine kurzweilige Dauer zusammenbäckt.

Teilweise ist er fast schon klamaukig-lustig, aber das stört gerade bei einem Biopic besonders wenig, wo sich die Erwartungshaltung eigentlich entlang dem ewiggleichen Lehrbeispiel von der aristotelischen Fallhöhe auffädelt. Auch Behind the Candelabra ist vor der altbackenen Untergangs-Dramaturgie aller Promileben-Verfilmungen nicht ganz sicher, kontrastiert das Ganze aber mit so viel barocker Verspieltheit und kameratechnischer Leichtfüßigkeit, dass es einfach nur eine Freude ist.

Wenn man den Film in einem Tweet rezensieren müsste, würde ich sagen: Behind the Candelabra ist wie Boogie Nights in schwul und von HBO. Michael Douglas spielt so vital wie schon seit The Game nicht mehr und Matt Damon schüttelt im ansetzenden Alter seine frühere Proto-Rolle als jedermanns liebste Hassfigur endlich ab (der Mut zu Wampe, Nasenknolle und später auch OP-Gesicht macht sich beim schadenfrohen Publikum scheinbar bezahlt).

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Soderbergh hat den Film an nur einem Wochenende geschnitten und in etwa so fühlt auch das Schauen an: Wie eine komprimierte Kalorien- und Kaderbombe mit viel Glitzer und gutem, natürlichem Fluss, aber trotz des teils recht prätenziösen Inhalts (ES GEHT UM DEN LAS VEGAS-ENTERTAINER, DER OBERFLÄCHLICHER NICHT SEIN KÖNNTE, HALLO) erstaunlicherweise ohne Manierismen und überflüssige Schnörkel. Das Ende gehört zum Schönsten, was sowohl Soderbergh als auch Douglas jemals gemacht haben werden.

Und auch, wenn der deutsche Titel das Letzte ist—das Tolle am deutschen Release ist, dass der Streifen bei uns im Gegensatz zu Amerika (wo er als HBO-Film nur im Fernsehen gekauft werden kann) überhaupt im Kino zu sehen ist. Nutzt die Chance, ihr kleinen Libellchen, packt die Federboa aus und lasst den Glitter-Swag hochleben!

Review Rewind: Waiting for Guffman

Foto via Prefix Mag

Was wie der Vorläufer von Parks and Recreation anfängt und sich bis nach dem ersten Drittel wie eine visionäre Frühform des heutigen Fernsehens insgesamt (nur eben in Kinofilmform) anfühlt, kann nicht ganz schlecht sein. Das ist eine goldene Regel, die bisher noch nie jemand irgendwo niedergeschrieben hat, weil es verdammt wenige Fälle gibt, in denen sie anwendbar wäre. Waiting for Guffman ist einer davon.

Aber genauso stark, wie einen die Ähnlichkeit dieses Christopher Guest-Films von 1996 zur genialsten Mockumentary-Serie unserer Zeit am Anfang überrascht, sind nach 30 Minuten auch die Zweifel, warum zur Hölle man dann bitte noch nie etwas von diesem Meisterwerk gehört hat. Die Antwort lauert für manche besonders aufmerksame Schauer im Dickicht zwischen dem ersten und zweiten Akt, aber für uns anderen spätestens in der zweiten Hälfte.

So lustig Guffman nämlich beginnt und so weird und nachvollziehbar er das Musical-Projekt eines Exil-Gay Yorkers in einer Pawnee-esken Kleinstadt semi-dokumentarisch nacherzählt, so schnell wird das ganze Geschichten-Gebilde auch schal und mündet nach einer dreiviertel Stunde darin, dass wir nicht mehr nur Zuschauer des Films sondern tatsächlich Publikum des furchtbarsten, schlechtesten Musicals der Welt sind.

Also zum Mitschreiben: Waiting for Guffman ist zuerst "Hehe, das ist echt witzig!", dann "Wow, das ist Parks and Recreation!" und auf einmal: "Warte mal, soll das wirklich heißen, dass ich mir das ganze verdammte Musical von vorne bis hinten anschauen muss? Warum können die das nicht auf lustige 5 Minuten kürzen? Ich halte es nicht mehr aus!!! Was macht das UFO da und warum ist alles so langsam??? Oh Gott, gib mir die Kraft, an Sex zu denken!!!"

Wer keine Erwartungen, aber viel Zeit hat, kann mit Guffman im nächsten Comedy-Gesprächskreis sicher punkten: Immerhin ist die Besetzung gut, der Humor solide, das Unterfangen experimentell und das Ganze irgendwie doch der Rede wert. Wer klug genug ist, weiß aber, dass er dafür nicht gleich den ganzen Film gesehen haben muss.