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Sex

Was man von Schwulensex lernen kann

Jahrelang habe ich schwule Paare darum beneidet, dass ihre Beziehungen keinen vorgeschriebenen Machtdynamiken ausgesetzt sind—nicht so wie das bei traditionellen heterosexuellen Beziehungen der Fall ist.
17 September 2013, 11:20am
Der Hintern eines Mannes, Frauen, Statue
Foto via Flicker, User: Marcus Hansson

Hier ist eine Offenbarung: Ich war vor Kurzem auf einem Musikfestival, und als es langsam dunkel wurde, bin ich mitten in der Menge gekommen.

Das ganze kam so zustande, dass mich ein schwuler Mann gefingert hat—er war der Lover meines Freundes Alexander. Danach küsste er mich und forderte mich auf, einen anderen Mann zu küssen, der dann einen weiteren Mann küsste, der wiederum mich küsste.

Ich war im Zentrum einer queeren dionysischen Vereinigung, und in meinem postklimatischen Rausch erkannte ich Gott. Hoch oben im Himmel stieg er auf: als ein Hologramm über den Regenbogen-Lasern der Bühne und dem Meer der Körper. Einer meiner Jungs begann, mich zu befummeln, und ich fiel zurück in meinen Körper, in meine Brüste, in mein T-Shirt—zu mir selbst. Hier stand ich also, umgeben von Queens und Twinks, und niemand von uns war schüchtern. Als (tendenzielle) Heterofrau rieb ich mich gegen eine Schar schwuler Jungs. Und hier ist der prahlerische Teil der Geschichte: Endlich hatte ich Sex wie ein schwuler Mann.

Jahrelang hatten meine besten Freundinnen und ich uns beklagt, dass wir nicht so wie unsere schwulen Gleichgesinnten vögeln konnten—die ein Ideal freier Liebe zu praktizieren scheinen, nach dem wir uns sehnten: eine Verdinglichung gleicher Möglichkeiten, wahlweiser Non-Monogamie, schamloser Hurerei—aber immer innerhalb der allgemeinen Akzeptanz all dieser Möglichkeiten.

Das Land des Schwulensex war für uns ein magischer Ort, an dem traditionelle Monogamie vielleicht möglich war, aber gewöhnlich hinterfragt wurde.

Es gab zwar auch Eifersucht, aber sie wurde entweder ignoriert oder sie heizte die Dinge einfach nur noch mehr an. Wenngleich einige unserer schwulen Freunde in Langzeitbeziehungen waren und andere wiederum Single waren, so war es doch jedem der Jungs erlaubt, jemand anderem zugeneigt zu sein oder zumindest ein Begehren danach auszudrücken.

Vögeln wie meine liebsten schwulen Jungs

Meine Freundinnen und ich beneideten die Art des Vögelns, die wir im Leben unserer schwulen Freunde beobachteten. Denn auch uns durstete es nach anderen Körpern. Unsere Erfahrung hat uns gelehrt (und die Wissenschaft beginnt, dies zu bestätigen), dass Frauen Sex ebenso begehren wie Männer und genau wie (einige) Männer mehrere Partner begehren können.

Nun zu meiner Offenbarung: Dass ich Sex wie ein schwuler Typ haben könnte, verdanke ich natürlich den geübten Hände des Lovers von Alexander, aber auch dem natürlichen Rausch des Konzerts—und zugegebenerweise einer Tüte mit Psilocybin-Pilzen. Aber die Vor-Offenbarung war schon in der Nacht zuvor in mir geboren (na ja, nicht sprichwörtlich natürlich, Sicherheit geht ja vor), als ich einen Mann mit nach Hause nahm, auf den ich seit Jahren stand, und den ich fortan Sebastian nennen werde.

Ich habe Sebastian nie gesagt, dass ich ihn scharf finde. Und darüber sprachen wir in der Nacht, in der wir schließlich miteinander schliefen. Mir fiel damals auf, wie schlecht ich darin war, Typen anzumachen, und dass ich immer wartete, bis sie den ersten Schritt machten. Sebastian riet mir, mehr zu sein wie unser Freund Marlon, ein hinreißender kleiner Schwuler, der beharrlich versucht, Sebastian auf Partys in die Ecke zu treiben, obwohl dieser offensichtlich heterosexuell ist.

Sebastian erzählte mir, dass ihn Marlons Anmachen nicht abgeschreckt hätten, und dass es ihn anturnen würde, wenn ihn jemand wie ich so anbaggern würde. „Überfall die Jungs!“, trug Sebastian mir auf. Also fing ich bei ihm an.

Früher bin ich nicht nicht auf Männer zugegangen, weil ich es nicht wollte, oder weil Männer es nicht wollten, sondern aufgrund der Machtdynamiken von traditionellen heterosexuellen Beziehungen. Das Drehbuch der Liebeswerbung ist gut eingeübt: Singledasein ist der Weg zur Partnerschaft, und Partnerschaft wird verstanden als auf Besitz ausgerichtete Monogamie. Die Frau ist die Geliebte, der Mann ist der Liebende, Verfolgte und Verfolger, Blabla.

Nichts davon hat je zu mir gepasst. Ich beneidete meine schwulen Gleichgesinnten, weil sie von vorn anfangen und das Kräftespiel nach ihren eigenen Wünschen ausrichten konnten, anstatt ihr Verlangen in ein vorbestimmtes Modell zu pressen.

Das einfachste Mittel, das ich gefunden habe, das heteronormative Drehbuch umzuschreiben, ist, sich direkt zu outen: Und ich mag es zu erzählen, dass ich fortan versuche, so zu vögeln wie meine liebsten schwulen Jungs. Denn das ist speziell und witziger, als zu sagen: „Ich versuche genderneutrale offene Beziehungen zu führen, nicht unbedingt Monogamie, sondern Offenheit für alles, was kommt, weißt du, und ich werde hoffentlich oft kommen.“

Seit meiner Fingerfick-Offenbarung erzähle ich allen Typen und Frauen, mit denen ich intim bin, von meinem Projekt, Sex zu haben wie ein schwuler Mann.

Gestern schrieb mir der Typ, auf den ich gerade extrem stehe, dass er eine Passage in meinem Lieblingsbuch Chris Kraus’, I Love Dick, gefunden habe, „in der CK sagt, dass sie das Sexleben eines schwulen Mannes haben will!!“ Ich bat ihn, mir das Zitat zu schicken.

In dem Buch steht:

„Mein gesamter Daseinszustand änderte sich mit der Sexualität: weiblich, hetero—ich bin begierig Männer zu lieben und gevögelt zu werden. Gibt es einen Weg, damit so stolz zu leben wie ein Schwuler?“

In I Love Dick liegt die Lösung nicht in sexuellen Handlungen, sondern in etwas, das ich „Sprechhandlungen“ nennen will. „Lesen ist wie ein Versprechen, das Sex einem gibt, aber so gut wie nie erfüllen kann“, schreibt Kraus, „es wird sogar größer, weil du in die Sprache, den Tonfall, das Herz und die Gedanken einer anderen Person eindringst.“ Dabei können wir unser Verlangen stillen und so werden, wie wir sein wollen, indem wir einfach sagen, was wir wollen—wenn wir unsere Bedürfnisse aussprechen, können wir zu neuen Bereichen unseres Selbst vordringen. Es sieht so aus, als wären wir die ganze Zeit von der Lösung unserer Probleme umgeben gewesen.

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