Wir sollten über das Problem mit Partydrogen sprechen

Wir haben mit dem Gründer einer Klinik für Opfer von Partydrogen über die tragischen Folgen von Ketamin-, GBL-, Mephedron- und Crystal-Meth-Konsum gesprochen.

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Aug. 14 2013, 5:05pm


Foto von Chris Bethell

Die Sucht nach Heroin und Crack ist als Krankheit mittlerweile in der Gesellschaft akzeptiert und folglich gibt es auch viele Anlaufstellen und Entzugskliniken. Ganz anders ist es im Fall von Partydrogen und ihren Konsumenten, bei denen man nämlich nicht an Junkies denkt, die in der U-Bahn-Station herumlungern. Dabei gibt es auch hier viele schwere Fälle von Sucht, die ein geregeltes Leben unmöglich macht.

Dr. Owen Bowden-Jones ist der Gründer von Londons Partydrogen-Klinik, die 2011 ihre Türen für verpeilte Clubkids und richtig schwere Fälle öffnete. Die Klinik bietet Menschen Unterstützung, die „ernsthafte Probleme nach dem Konsum von Partydrogen erlebt haben“.
Ganz abgesehen davon, dass in der Klinik einzelnen Abhängigen geholfen wird, hofft Bowden-Jones, die Gefahren dieser relativ neuen Drogen der medizinischen Fachwelt zu vermitteln. Wir haben mit ihm telefoniert, um zu erfahren, was er in den letzten Jahren erlebt hat.

VICE: Hat sich der Drogenkonsum in den letzten 15 Jahren stark verändert?
Owen Bowden-Jones: Auffällig ist der Rückgang bei Heroin- und Crackkonsum. Der von sogenannten „Partydrogen“ ist hingegen angestiegen, also Ketamin, MDMA und Mephedron.

Der Begriff ist mir geläufig. Wie sieht es mit den verschiedenen Arten aus, auf die man Drogen nimmt?
Wir merken, dass viele dieser Leute anfangen, sich diese Drogen zu spritzen. Vor allem Mephedron und Ketamin. Also alles, was beim Injizieren von Heroin so gefährlich war, findet man nun auch bei den Partydrogen.

Oh je. Welche Drogen verursachen am meisten Probleme?
Hier in der Partydrogen-Klinik sind die vier Drogen, die wir am häufigsten sehen Ketamin, GBL oder GHB, Crystal Meth und Mephedron. Man kann die Droge oft bestimmen [wenn die Patienten zu uns kommen]. Auffällig ist, dass man einen Unterschied zwischen Sexualität und Konsumverhalten erkennen kann: Viele homosexuelle Männer nehmen Crystal Meth und GBL—beim Sex—während viele Heterosexuelle beim Fortgehen eher Ketamin und Mephedron bevorzugen. Interessanterweise kommen selten Leute zu uns, die sagen, sie hätten ein Problem mit MDMA oder Ecstasy—das passiert einfach nicht so.

Haben Sie Probleme bei vielen der neuen, eher unbekannten Drogen gesehen?
PMA scheint eine Droge zu sein, auf die jetzt die Medien aufmerksam geworden sind, und auch wir in der Klinik sehen sie sehr oft. Bei dem Konsum von Poppers ist bei einigen das Entstehen einer „Cartoon-Sicht“ [eine 2D-Sicht] und eine Reihe anderer visueller Beeinträchtigungen zu beobachten. Diese Folgeerscheinungen bringt auch Lachgas oft mit sich.


Eine Menge Ketamin. Foto via

OK, lassen Sie uns die vier häufigsten Drogen durchgehen. Was stellt Ketamin mit Leuten an?
75 Prozent der Ketamin-Konsumenten, die zu uns kommen, haben Probleme mit ihrer Blase. Eine „Ketamin-Blase“ ist eine Blase mit Geschwüren im Inneren der Blase. Zuerst spürt man nur ein Unwohlsein. Mit dem weiteren Wachsen der Geschwüre muss man dann immer öfter pinkeln, das tut mit der Zeit ziemlich weh, kann bluten und das macht den Leuten natürlich ziemlich Angst. Das war so ein großes Problem, dass wir jetzt einen Urologen im Team haben, der uns hilft, das in den Griff zu bekommen.

Kommt das oft vor, dass es so ernst wird?
Wir haben einen Patienten in der Klinik, dem die Blase durch eine künstliche ersetzt werden musste, weil sie so stark beschädigt war. Bei Anderen hören mit dem Ende des Konsums auch die Probleme auf.

Das klingt ziemlich schrecklich. Gibt es noch etwas in Verbindung mit Ketamin?
Der Konsum von Ketamin kann auch zu schlimmen Krämpfen im Unterleib führen, die zwischen 30 Sekunden und 10 Minuten dauern. Die Schmerzen sind währenddessen nicht auszuhalten. Wir wissen nicht genau, wie das passiert, aber wir wissen mit Sicherheit, dass es vom Ketamin kommt.

Scheiße.
Was wir auch noch sehen—aber nie erwartet haben—, ist, dass Leute von Ketamin extrem abhängig werden. Manche nehmen es jeden Tag, immer mehr, und kommen in eine Abhängigkeit, die wir von Ketamin nicht erwartet hätten.

Noch etwas?
Es wird sowohl von Männern als auch von Frauen konsumiert, es werden aber immer mehr Frauen, die es nehmen, um sich emotional zu betäuben.


Ein Tütchen Mephedron.

Nächstes: Mephedron.
Mephedron ist ein synthetisches Amphetamin, es beeinflusst das Dopamin-Level im Gehirn, was die Leute in einen euphorischen Rausch versetzt. Ich muss dazu sagen, dass nicht alle, die Mephedron nehmen, zu uns kommen. Es kann also sein, dass viele Mephedron-Konsumenten es ganz ohne Probleme nehmen. Aber was wir in der Klinik sehen, ist eine steigende Zahl an Patienten mit Paranoia. Oft kippt das in kurze psychotische Episoden, in denen die Patienten Stimmen hören oder glauben, abgehört zu werden. Das verstört sie sehr und ist in diesem Moment auch sehr angsteinflößend. Diese Symptome haben wir hauptsächlich dann beobachtet, wenn sich Leute Mephedron gespritzt haben.

Macht es süchtig?
Mephedron wurde nie als suchterzeugende Droge betrachtet. Aber wir sehen in der Klinik schon einige Süchtige, die es jeden Tag nehmen und sagen: „Also ... früher hat mir ein Gramm am Tag gereicht, aber es wurde immer mehr und jetzt brauche ich ein Gramm nach dem anderen.“ Das zeigt die typische Toleranz, die man entwickelt und die ein wichtiger Punkt in der Entwicklung von Abhängigkeit ist.

Crystal Meth hat einen ziemlich schlechten Ruf, sehr suchterzeugend zu sein. Warum nehmen es Leute hier?
Crystal Meth ist eine Droge auf Amphetamin-Basis. Es gibt den Leuten ein sehr intensives High und wirkt stark enthemmend. Wir sehen in der Klinik oft eine sexuelle Enthemmung. Die negativen Effekte sind­—mal wieder—Paranoia und kurze psychotische Episoden. Wir beobachten auch Angstzustände, die die Leute nach dem Konsum von viel Crystal Meth haben. Sie haben Angst, ohne andere Drogen nie wieder von diesem Trip runterkommen zu können. Diese Droge ist dann meistens GBL.

Das ist wahrscheinlich auf Dauer keine gute Idee, oder?
Wir beobachten häufig eine sehr starke Abhängigkeit, bei der Süchtige ihren Konsum von Tag zu Tag steigern. Und, man kann sich vorstellen, es geht ihnen beschissen dabei. Von allen Drogen, die wir in der Klinik sehen, sind Crystal Meth und GBL die suchterzeugensten.


Crystal Meth. Foto via

Wie fangen Leute an, diese Drogen zu nehmen?
Wir sehen viele Leute, die Crystal Meth für ein paar Tage exzessiv nehmen. Also sagen wir, sie nehmen es Freitag, Samstag, Sonntag und Montag, kehren dann für die restlichen Tage in ihren normalen Arbeitsalltag zurück und am Freitag geht’s wieder los. Diese Leute fangen oft an, Crystal Meth dann täglich zu konsumieren. Das kann ein halbes Jahr dauern, ein Jahr oder auch mehrere Jahre. Ihr Wochenende verlängert sich dann von Donnerstag auf Dienstag, die Nebenwirkungen des Konsums machen sich bemerkbar, sie verlieren ihren Job und Beziehungen zerbrechen. Bevor sie sich versehen, ist Crystal Meth ihr ganzer Lebensinhalt. Es ist eine wirklich gefährliche Droge.

Was ist GBL? Das ist nicht so bekannt wie die anderen.
Es ist eine industrielle Lösung, ein künstlicher Reiniger für Metalle.

Was ist so schlimm daran?
Es gibt den Leuten ein leichtes Gefühl der Euphorie und Erregtheit, aber gleichzeitig wirkt es beruhigend. Normalerweise wird es tropfenweise in einem Getränk gelöst. Sehr gefährlich ist dabei, dass man sehr leicht überdosiert. Es wird in Millilitern gemessen, das heißt ein Milliliter zu viel kann dich ins Koma bringen. Die Droge ist also sehr gefährlich, da der Grat zur Überdosis sehr schmal ist.

Das klingt ziemlich beschissen.
Das andere Problem ist, dass es sehr leicht süchtig macht. Wir sehen Süchtige, die sich nachts den Wecker stellen, manchmal jede Stunde, um nicht runterzukommen, und sie haben ihre kleinen Fläschchen mit GBL immer bei sich. Grund dafür ist, dass die Entzugserscheinungen sehr schnell eintreten und schrecklich sind.

Was sind die Entzugserscheinungen?
Angstzustände, Unruhe, ein schnelles Verfallen in ein Delirium. Der Entzug von GBL-Süchtigen ist etwas, mit dem wir uns hier in der Klinik sehr beschäftigen. Es ist ein sehr harter Entzug, für den Süchtigen und für uns Ärzte. Wenn etwas schiefläuft, dann werden sie sehr schnell krank, das muss mit großer Sorgfalt überwacht werden.

Man kann also nicht einfach aufhören, es zu nehmen?
Einige Leute, bei denen der Entzug nicht richtig betreut wurde, mussten in Intensivbehandlung. Es ist also wichtig für jeden, der GBL-Entzug anbieten will, und jeden, der einen Entzug machen will, dass man sich an eine Einrichtung wendet, die sich damit auskennt.

Was kommt für die Klinik als Nächstes?
Es bestehen keine Zweifel, dass viele Menschen Partydrogen nehmen und damit keine Probleme haben. Und das soll mir recht sein. Als Klinik fällen wir kein Urteil über den Drogenkonsum von Leuten. Wir sind hier, um denen zu helfen, für die der Gebrauch von Drogen nichts mehr mit Spaß zu tun hat, sondern ihnen schadet. Wir müssen an den Punkt kommen, an dem ein 17-Jähriger, der Drogen konsumiert hat, zu seinem Hausarzt gehen kann, um ihn um Rat zu fragen. Ich glaube, dass das der nächste Schritt ist—unser Spezialwissen zu verbreiten.

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