Wie sich ein hinterlistiger Schmock mit meiner Vorhaut davonmachte

"Naturbelassene Penisse sehen für mich ohnehin aus wie Ameisenbären."

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Aug. 25 2016, 8:25am

So stellt sich Autor Shahak Shapira seine Beschneidung vor (alle Proportionen entsprechen der Realität)

Mit 14 Jahren verließ Shahak Shapira gemeinsam mit seiner Mutter und seinem jüngerem Bruder Israel und landete in einer gottverlassenen NPD-Hochburg in Sachsen-Anhalt. 2015 wurde Shahak für 2,5 Minuten bekannt, nachdem er in der Berliner U-Bahn antisemitische Gesänge filmte und dafür von einer Horde junger Männer angegriffen wurde. Ein Mediengewitter war die Folge, PEGIDA solidarisierte sich, aus Israel kam die Empfehlung, in die Heimat zurückzukehren. Dann bot ihm ein skrupelloser Verlag an, für lächerlich viel Geld ein Buch zu schreiben. Er stimmte aus purer ... ähm ... "Leidenschaft" ... zu. Nun schreibt er über seine Jugend als einziger Jude im tiefsten Sachsen-Anhalt und über seine Familie. Seine Botschaft: Jeder entscheidet selbst, ob er ein rassistisches Arschloch ist oder nicht.


Dies ist ein Auszug aus dem Kapitel "Das Vorhaut-Bällebad" aus Shahaks Buch DAS WIRD MAN JA WOHL NOCH SCHREIBEN DÜRFEN!

In der Provinz Sachsen-Anhalts, in der ich aufwuchs, waren Weinfeste das absolute Partyhighlight. Das größte der Region findet in Freyburg statt, Heimat von Rotkäppchen-Sekt und allerhand gescheiterten Existenzen. Drei Tage lang wird alles geboten, was Ekstase zu wecken vermag, inklusive Lasershows und Streetfood in großer kulinarischer Bandbreite: Vom Mettbrötchen über Pizza Hawaii bis zur räudigen Pilzpfanne ist alles erlaubt und nichts heilig. Dazu einen Riesling oder einen Müller-Thurgau oder einen Weißburgunder. Oder einen Dornfelder, einen Portugieser, einen Merlot oder einen Blauen Spätburgunder. Oder alle hintereinander—so wird man ganz schnell genauso blau wie der Spätburgunder.

Auf dem Marktplatz gab es eine große Bühne, im Park eine Kirmes. Es gab auch eine Schlägerei, die traditionell vor dem Autoscooter stattfand—da traf die sogenannte "Eastside Crew" auf irgendeine andere Horde von Vollidioten, die immerhin bescheiden genug waren, um sich in einem 5000-Einwohner-Kaff nicht als "Crew" zu bezeichnen.

Die irrsinnig harten Provinzgangs konnten nur von einem Winzerfest-Highlight überschattet werden: die Proklamation der neuen Weinkönigin—einer großbusigen Sexgranate im Dirndl und mit einem stets vollen Glas Wein, gekrönt mit dem goldenen Diadem des Rebensafts. Die Traumfrau eines jeden Landburschen mit potentiellem Alkoholproblem und die eleganteste Verkörperung des Dionysos unterhalb des Olymps.

Wie werde ich Weinkönigin? Eine Frage, die ich mir schon viele Male gestellt habe und die sicherlich auch euch in diesem Moment beschäftigt. Gutes Aussehen reicht da nicht! Ausstrahlung kann man sich schön trinken, doch ohne Fachwissen geht nichts, denn die Kandidatinnen müssen vor einer Kommission aus Weinkennern mit Begeisterungsfähigkeit und Sachverstand glänzen. Und hey, es gibt Schlimmeres: Unter dem Motto "Wurst – ganz majestätisch" krönt der Fleischerverband Thüringen jährlich eine Glückliche zur Wurstkönigin. Aber gut, auf PornHub machen die das mehrmals täglich.

Die meisten Weinköniginnen stammen aus Winzerfamilien mit langer Tradition und wurden wahrscheinlich auch auf dem Weinberg gezeugt. Da konnte ich nicht mithalten, obwohl ich mit einiger Wahrscheinlichkeit der erfahrenste Weintrinker meiner Jahrgangsstufe war: Meinen ersten Wein hatte ich nämlich schon mit acht getrunken. Mit acht Tagen, versteht sich. Es war nur ein kleiner Schluck, doch ich musste einen hohen Preis dafür zahlen. Präsentiert wurde mir der feine Tropfen von einem bärtigen Mann mit einem glatten schwarzen Hut, doch damals wusste ich nicht, dass Juden selten etwas aus reiner Selbstlosigkeit schenken.

"Her damit!", murmelte ich in Babysprache und streckte meine winzigen Hände in Zielrichtung, bereit für den allerersten Suff meines jungen Lebens. Aber bevor ich meinen köstlichen Wein genießen konnte, zog der hinterlistige Schmock ein scharfes Messer hervor, nuschelte ein unverständliches Gebet und schnitt mit seinen langen, jüdischen Fingern ein Stück von meinem Schwanz ab! Dann tropfte er lieblos eine lächerlich kleine Menge Wein in meinen Mund. Nicht mal drei Tropfen waren es. Skandal! Baby-Ich fing sofort an zu schreien, verlangte einen der auf jeder jüdischen Beschneidung durchschnittlich fünfzig anwesenden Anwälte und viel mehr Wein. Unter uns Juden ist es nämlich üblich, unsere eigene Misshandlung zu feiern. Mit all unseren Feiertagen zelebrieren wir, dass irgendjemand mal wieder alle Juden vernichten oder versklaven wollte. Darüber singen wir einmal im Jahr ein paar Lieder und knallen uns mit Wein zu. Oder wir schreiben darüber für VICE.

Mein Erzeuger, nutzlos wie er war, ignorierte meine Notlage und grinste mich nur blöd an. Dann flüsterte er dem Beschneider des Todes leise etwas ins Ohr. "Shahak, Ben (Sohn von) Oz!", schrie er in die kleine Synagoge und hielt mich hoch wie der exzentrische Mandrill aus König der Löwe, der den neugeborenen Simba dem gesamten afrikanischen Tierreich präsentiert. Statt Elton John spielte eine energetische Klezmerkapelle Hava Nagila. Wenigstens einen Namen hatte mein beschnittener Restkörper nun, nachdem mir meine Erzeuger ganze acht Tage wie einer namenlosen Ziege die Windeln gewechselt hatten.

Meine Eichel war frei wie der Wind und mein Kopf von Fragen geplagt: Gibt es eigentlich pro Schwanz eine Pauschale, oder wird am laufenden Millimeter abgerechnet? Bekommt man einen Mengenrabatt bei Zwillingen? Leider sind die jüdischen Informations-Webseiten meines Vertrauens gerade im Sabbatmodus und von Freitagabend bis Samstagabend offline. Kein Scheiß! Laut Tradition ist die Verwendung von elektrischen Geräten am heiligen Ruhetag strikt verboten. Ob wohl auch der liebe Gott es aushält, seine virtuellen Farmville-Ziegen ganze 24 Stunden lang nicht zu füttern?

Und Gott sprach zu seinem Diener Moses: "So, das wären die Zehn Gebote. Tut mir leid, ich dachte, ich kriege das alles auf einer Steintafel hin. Siehste, ick kann ooch nich allet machen, watt ick hier will!"

"Passt schon."

"Ach so, eine Sache noch, Michael ..."

"Moses. Ich heiße Moses."

"Stimmt! Sorry! Es gibt schon so viele von euch. Also pass auf, Mosby ..."

"Soll ich noch eine Tafel holen?"

"Neenee, passt. Es geht hier nur um Nr. 4, wie ging die noch mal?"

"Gedenke des Sabbats, halte ihn heilig, keine Arbeit, dies und das ..."

"Ja genau! Da wollte ich noch sagen: An dem Tag bitte auch keinen Strom."

"Wie, keinen Strom?"

"Na, keinen Strom halt. Nix Strom. Non Stromos. Oxi Stromovski. Nada Stromada. Net ... "

"Also gar keinen Strom? Wie soll ich denn mein iPhone aufladen?"

"Was weiß ich. Baut doch welche, die länger als 6 Stunden halten."

"Du bist doch der Gott hier, nicht ich."

"Moritz—kein Strom. Punkt."

"Moses."

"Jaja, whatever. Ich will samstags meine Ruhe haben, und das geht nicht, wenn ihr da unten mit voller Lautstärke zockt."

"Verstehe. Was ist mit Solarenergie?"

"Sag mal, spreche ich spanisch?"

"Nein, Herr. Also ja, Herr. Du beherrscht alle ... "

"Kein Strom, Moritz!"

"OK."

"Und jetzt quatsch dir keinen Zahn locker und kümmer dich lieber um deinen eigenen Scheiß. Deine Leute bauen irgend so ein Viech aus Gold da unten."

Es gibt sogar Kühlschränke mit Sabbat-Modus-Knopf, denn Gott gestattet kein Licht am Ruhetag. Doch keine Sorge—für jedes jüdische Problem gibt es auch eine Endlösung. OK, passt auf: Natürlich zeichnen wir Hebräer uns laut der üblichen Klischees besonders im Bankwesen oder in der Medizin aus, doch unsere wahre Gabe ist das unglaubliche Talent, Regeln zu biegen. Nicht brechen—das machen nur Kriminelle. Biegen! Ein Freund von mir, der eine Weile in Miami gelebt hat, berichtete von einem interessanten Phänomen, das sich jeden Samstag am Fahrstuhl seines Apartment-Gebäudes abspielte: Oft warteten seine chassidischen Nachbarn mit ihren großen schwarzen Hüten vor dem Aufzug auf die nichtjüdischen Bewohner des Hauses und baten diese dann, für sie auf den Knopf ihrer Etage zu drücken. Eines Tages fragte mein Freund einen der Fahrstuhljuden, was das eigentlich solle:

"HaSchem verbietet uns die Verwendung von elektrischen Geräten am heiligen siebten Tag!" (HaSchem, Hebräisch für "der Name", gilt als gängige Bezeichnung für Gott. Denn genau wie den von Lord Voldemort darf man den Namen des Allmächtigen nicht aussprechen.)

"Sie stehen also hier und warten, bis jemand kommt, der mit dem Fahrstuhl fährt?"

"Richtig."

"Und dass Sie trotzdem mit dem Fahrstuhl fahren, auch wenn Sie die Knöpfe nicht drücken, das stört Ihren Gott nicht?"

"Tja, wenn ich zufällig in einem Fahrstuhl stehe und dieser plötzlich nach oben fährt, dafür kann ich ja wohl nichts, Jehova sei gnädig! Können Sie bitte auf die 8 drücken?"

"Verzeihen Sie, das kann ich nicht."

"Was? Warum nicht?"

"Werter Herr, ich möchte beim besten Willen Ihre Beziehung zum Allmächtigen nicht aufs Spiel setzen. Seien Sie ein guter Jude und nehmen Sie die Treppe! Ich bestehe darauf!"

Ich frage mich, was wohl mit meinem abgeschnittenen Stück Vorhaut passiert ist. Wurde es aufgeblasen und zusammen mit allen anderen Vorhäuten zur einer bällebadähnlichen Attraktion eines ultraorthodoxen Vergnügungsparks zusammengeworfen? Oder werden die Stücke in die Ritzen der Klagemauer gesteckt? In der Regel sind es eigentlich Papierzettel, mit denen die große Mauerwand in Jerusalem gefüttert wird. Darauf schreiben die Menschen ihre Herzenswünsche: Weltfrieden. Ein tolles Haus. Ein schickes Auto. Eine Vorhaut. Über eine Million Zettelchen werden der Mauer jährlich anvertraut, mittlerweile kann man das sogar via E-Mail erledigen. Genau: E-Mail geht in Ordnung, aber ein mickriges Stück Bacon und schon ist man raus. Gott soll die Zettel lesen und die Wünsche erfüllen, heißt es dann. Und so habe ich, als Workaround für das Problem, mir von Gott einfach die Erlaubnis zum Baconessen gewünscht. Ihr wisst ja: nicht brechen. Biegen! Den Zettel habe ich schon vor 17 Jahren reingesteckt und bisher kein Veto zu spüren bekommen, daher nehme ich mal an, dass das für Jehova in Ordnung geht.

Der feine Herr ist allerdings dafür bekannt, sich Zeit zu lassen. Schließlich reden wir von einem Gott, der seine Leute ganze 40 Jahre durch die Wüste gammeln ließ, um sie anschließend an den einzigen Fleck im Nahen Osten zu schicken, an dem es nicht massig Erdöl gibt. Ihr solltet euren Wunsch also eher langfristig planen. Stellt euch das Ganze am besten wie einen Besuch im Kfz-Zulassungsamt um 8 Uhr morgens vor.

Nach dem Attentat auf mein bestes Stück hagelte es lauter "Masel tovs" von dem apathischen Idiotenhaufen in der Synagoge, während der orthodoxe Kleinkriminelle mit meiner Vorhaut und einer prall gefüllten Geldbörse verschwand. Ich habe ihm mit der Zeit verziehen. Vielleicht fiel es mir leicht, weil ich mich gar nicht mehr an die Beschneidung erinnern kann, vielleicht auch, weil ich ganz objektive Freude an den ästhetischen und leistungstechnischen Vorzügen eines beschnittenen Geschlechtsapparats verspüre, während meine wenigen Begegnungen mit den naturbelassenen Penissen dieser Welt bei mir Assoziationen mit einem Ameisenbären hervorgerufen haben.

"Wie machst du das dann, wenn du beschnitten bist?", haben mich schon mehrere Frauen im Bett gefragt.

"Wie mache ich was?" Ich stellte mich dumm in der Hoffnung auf einen spontanen Handjob.

"Na, das mit dem Anfassen! So ohne Vorhaut ..."

"Ach so! Hast du schon mal eine BiFi gegessen?"

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