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Popkultur

Deine Eltern haben keine Ahnung vom Internet

Diese Wut, die man verspürt, wenn Mama den Computer nicht versteht.

von Franz Lichtenegger
04 Juni 2015, 8:00am

Foto: KimSanDiego | Flickr | CC BY 2.0

Gestern hat mich meine Mutter angerufen und gesagt, dass sie ein SMS mit meiner Handyrechnung bekommen hat. Ich habe ihr gesagt, dass das keinen Sinn ergibt. Sie bestand aber darauf und meinte, ob ich das nicht „auf Google" nachschauen kann. Ich habe gesagt, dass das noch weniger Sinn ergibt. „Aber der Walter, der hat dir getwittert, hast du schon gelesen?" „Du meinst WhatsApp. Und nein." „Aber kannst du nicht, wie heißt das, wenn du auf Skype, wenn du dort ..." „Nein."

Meine Mama und das Internet verbindet schon seit Langem eine tiefe Hassliebe. Beide verstehen einander nicht und werden es wohl auch nie tun. Damit müssen sie leben und das ist auch völlig OK so. Sie ist nun mal nicht in einer Computer-Blase aufgewachsen und ihre Version von Twitter ist vermutlich der Teletext, wobei selbst das schon hochgegriffen ist.

Ein offener Brief an alle Eltern da draußen: Bitte verschenkt NIEMALS CDs.

Die einzigen Beteiligten, die ernsthafte Schäden davontragen, sind die eingesetzten Übersetzer zwischen ihnen. In der Regel sind das unschuldige Kinder wie ich. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich schon erklären musste, dass das wirklich alles in Echtzeit funktioniert und WhatsApp Sprachnachrichten verschicken kann.

Meine Mama hat zum Glück selbst kein Smartphone. Ich glaube, wir sind beide sehr glücklich über diese Tatsache. Allein der Gedanke, meine Mutter könnte Emojis verwenden, jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Der Gedanke an einen Touchscreen löst bei ihr wohl ähnliche Gefühle aus. Die meisten whatsappenden Mütter ertränken ihre Kinder ja in einer Lawine aus Lachweinern, Herzen und Daumen nach oben—ich bin froh, dass ich meine Mama nicht blockieren muss.

Aber die Emoji-Welt ist ja grundsätzlich noch recht einfach zu verstehen. Dieses Ding, das wir Internet nennen, ist insgesamt noch ein ganzes Stückchen komplexer. Da kann es schon mal zur Lebensaufgabe werden, die URL ins richtige Feld zu tippen.

Habt ihr schon mal versucht, eurer Mutter oder eurer Oma Begriffe wie Meme, Troll oder GIF zu erklären? Es wird nämlich mit ziemlicher Sicherheit nicht funktionieren. Ich habe meiner Mama gerade in einer SMS gefragt, ob sie eigentlich weiß, was ein Hashtag ist. Sie hat geantwortet, ob das was mit Rauchen zu tun hat. So viel dazu. Jetzt überlege ich, ob ein Hasch-Tag vielleicht eine großartige Idee sein könnte. #thanksmom

Die Merkel hat es ja schon 2013 geahnt: Das Internet ist für uns alle Neuland. Es gibt allerdings auch Eltern, die Internet durchaus drauf haben—oder zumindest so tun als ob. Die Mütter mancher Kollegen haben überhaupt ein gespeichertes, achtseitiges Word-Dokument mit Reaction-Bildern, die sie für Facebook-Kommentare brauchen.

Foto: Fredi Ferková

Ich kenne auch Leute, die regelmäßig von ihren Omas gefacetimet werden. Ich finde das großartig. Diese Menschen müssen so wunderbar ausgeglichen und entspannt sein. Die nicht vorhandene Computer-Affinität meiner Mama hat mir nämlich schon den einen oder anderen Nervenzusammenbruch eingebracht. Ich weiß auch nicht, woran genau es liegt—aber wenn ein Elternteil vor einem vermeintlich unlösbaren technischen Problem steht, das wir als das Einfachste der Welt betrachten würden, dann löst das irgendwas in mir aus. Eine ganz eigene Art von Wut. Die Art Wut, die mich irgendwann mal therapiebedürftig machen wird. Und auch die Art Wut, die das Schlechteste in mir hervorbringt.

Einmal hat meine Mama mich gefragt, ob das Internet schon Fotos von diesem einen Konzert hat, auf dem sie auch war. Ich war müde, verkatert, leicht reizbar und einfach nicht bereit, mein Amy-Schumer-Binge Watching zu unterbrechen. So ein Internet-Anliegen meiner Mama führt immer (wirklich immer) zu unpackbaren Aggressionen meinerseits, die mir dann zwar direkt wieder unendlich leid tun, aber das wollte ich an diesem Tag weder mir noch meiner Mama und schon gar nicht Amy Schumer zumuten. Also bekam ich Panik.

Prof. Dr. Jo Groebel analysiert im Video Facebook-Kommentare.

Ich formulierte die einzige Antwort, die mir auf die Schnelle einfiel und mich vor einer halbstündigen Diashow bewahren bewahren würde: „An einem Sonntag, Mama ...? Echt jetzt?" Und das Ganze in einem Tonfall, der meine gefälschte Entrüstung möglichst gut zum Ausdruck bringen sollte. Ich glaube, ich hab mich richtig empört angehört. Ich musste sie wissen lassen, wie lächerlich der Gedanke war, das Internet an einem Sonntag nutzen zu wollen. „Glaubst du denn, das läuft sieben Tage die Woche durch? Das würde ja voll überhitzen, wie soll das denn bitte gehen?" Es war so genial, es konnte nur funktionieren. Weil meine Mama der beste Mensch der Welt ist, hat sie sich dann sogar noch dafür entschuldigt, dass sie gefragt hat. Ich solle ihr einfach Bescheid geben, sobald das Internet wieder eingeschaltet wird. Man muss sie einfach lieben. Ich bin anscheinend ein grauenhafter Mensch.

Während meiner Schulzeit habe ich mich mal freiwillig als Tutor eines Computer-Kurses für Senioren gemeldet, weil ich mir dachte: Hey, du bist ein guter Mensch, tu was Gutes. Spätestens als ich meine Schülerin Edeltraud zu Beginn bat, erst mal den Browser zu öffnen, und sie hilflos die Tastatur anstarrte, wollte ich kurz weinen. Diese Frau hatte noch nie zuvor in ihrem Leben einen Computer bedient und wir mussten da jetzt gemeinsam durch, einen ganzen Nachmittag lang. Sie schrieb sich jeden Arbeitsschritt penibelst auf und wiederholte ihn immer wieder stur, ohne zu wissen, was genau sie da eigentlich machte. Am Ende konnte Edeltraud irgendwie E-Mails verschicken und ich war um eine Packung Ricola-Bonbons reicher.

Papas und Opas stehen dem übrigens in Nichts nach. Vor allem dann, wenn sie „YouTube" bei Google eintippen, um auf YouTube zu kommen. Oder jedes Zeichen einer URL einzeln löschen, anstatt einfach alles zu markieren. Oder bei Facebook das Suchfeld mit dem Status-Update verwechseln—sofern sie es überhaupt so weit schaffen.

Dauerbrenner reichen von Sätzen wie „Hast du Google auf deinem Computer?" und „Welcher Desktop?", über „Ich glaube mein Wi-Five ist kaputt", „Braucht ein größerer Bildschirm nicht viel mehr Internet?" bis hin zu zeitlosen Klassikern wie „Kann er mich sehen? Jetzt gerade? Wirklich? Hallo! Wo muss ich reinsprechen? Hallo wie geht es dir!!"

Es ist ein Trauerspiel. Wenn ihr euch also fragt, wie ihr euren (Groß-)Eltern das Internet erklären sollt—lasst es einfach. Es sei denn, ihr wollt unter eurem Facebook-Profilbild „Voll fesch super lg Mama" stehen haben. Wollt ihr das?

Franz ist auch sonntags auf diesem Twitter: @FranzLicht