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DIE FASHION ISSUE 2014

Marie Antoinette war die erste Mode-Märtyrerin

Ihre berühmte Enthauptung war zum größten Teil ihrer alles verzehrenden Leidenschaft für Mode geschuldet.

von Bruno Bayley
28 Februar 2014, 11:41pm

Illustration von Craig Scott

Die viel geschmähte Marie Antoinette hatte verdammtes Pech. Sie wurde als junger Teenager an den impotenten französischen Thronfolger verheiratet, verlor ihren Kopf durch das Fallbeil und wurde posthum zu einem Symbol für die Gier und Dekadenz der Aristokratie. Ihre berühmte Enthauptung war zum größten Teil ihrer alles verzehrenden Leidenschaft für Mode geschuldet, behauptet Clare Crowston, Professorin für Geschichte an der Universität Illinois, die jüngst ein Buch mit dem Titel Credit, Fashion, Sex: Economies of Regard in Old Regime France veröffentlicht hat. Als großer Fan von französischen Damen, Enthauptungen und des Kleidungsstils der Zeit, als die Leute noch in Nachtöpfe pinkelten, beschloss ich, sie anzurufen, um mehr zu erfahren.

VICE: Warum hatte Marie Antoinette so ein Scheißleben?
Clare Crowston:
Sie hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie war Österreicherin und Österreich war ein alter Feind Frankreichs. Ihr Gatte war impotent und konnte die Ehe jahrelang nicht vollziehen; es gab also keine Kinder. Sie war jung und ein leichtes Opfer.

Und wie kam die Mode ins Spiel?
In einem ihrer Briefe findet sich im Grunde der Hinweis, dass sie Mode nutzte, um den Anschein zu erwecken, Kredit zu haben. Im 18. Jahrhundert verwendete man den Begriff „Kredit“, um den Ruf und die Glaubwürdigkeit einer Person zu beschreiben. Was sie also eigentlich sagte, war, dass man, um kreditwürdig zu sein, so aussehen muss, als hätte man Kredit. Sie versuchte, modisch den Ton anzugeben. Ihr Talent, neue Stile zu kreieren und stilbildend zu sein, setzte sie ein, um Aufmerksamkeit zu erregen und in den Augen des Hofes an Prestige zu gewinnen.

Ihr Sinn für Mode bedeutete in diesem Fall, dass sie direkt mit den Modemachern zusammenarbeitete, oder?
Sie unterhielt eine faszinierende Beziehung zu einer Frau namens Marie-Jeanne Rose Bertin, die zu den offiziellen Modelieferanten der Königin gehörte. Sie war so eine Art Vorläuferin von Coco Chanel—die erste wirklich berühmte Stylistin für Prominente.

Und das hat das gemeine Volk wahrscheinlich richtig wütend gemacht?
Es wurde zum Symbol für alles, was der Königin angelastet wurde. Sie gab zu viel Geld aus, gab sich mit den falschen Leuten ab, und beschäftigte sich hauptsächlich mit frivolen Dingen. Die Leute sagten, die Königin würde die Familien der Aristokratie in den Bankrott treiben, weil sie die adligen Damen dazu verleite, ihre Moden mitzumachen.

Galt die Kleidung, die sie damals trug, als gewagt?
Die Kleider, die sie trug, waren eher extravagant als sexy. Es gibt jedoch ein sehr bekanntes Porträt der Künstlerin Louise Élisabeth Vigée Le Brun, auf dem Antoinette ein ganz einfaches Chemisenkleid trägt. Das Schockierende daran war seine Schlichtheit. Von der Königin wurde eigentlich ein steifer Korsettpanzer und kostspielige, strenge Kleidung erwartet. Hier sieht die Königin jedoch so aus, als trüge sie ein Nachthemd. Möglicherweise sahen die Leute darin auch eine sexuelle Komponente, aber der gesellschaftliche Schock war mindestens ebenso groß wie der sexuelle.

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Jahrgang 10 Ausgabe 2