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Pulver-Alkohol hat aus mir ein degeneriertes Wrack gemacht

Alkoholpulver kann über Essen gestreut oder sogar durch die Nase gezogen werden. Ich dachte mir also nur: „Fantastische Idee!"
23 Mai 2014, 8:18am

Titelfoto: Meredith Jenks

Anmerkung der Redaktion: Bitte probiere das nicht zu Hause aus. Du könntest Schäden davontragen und abgesehen davon ist es einfach eine extrem umständliche Art, sich abzuschießen. Nippe lieber an einem Martini oder hol mal wieder die gute alte Bierbong raus.

Letzten Monat eroberte das Konzept von Pulver-Alkohol das Internet im Sturm. Plötzlich war eine Webseite aufgetaucht, die das Produkt Palcohol vorstellte. „Manchmal sind Flüssigkeiten einfach unpraktisch" konnte man auf der ursprünglichen Seite des Herstellers lesen. „Weil Palcohol Pulver ist, kannst du es jederzeit mit dir herumtragen und nun überall einen Cocktail genießen! Deswegen sagen wir auch: Nimm deinen Pal überall mit hin!"

Die Zukunft des Trinkens war also angebrochen—und dann war sie es plötzlich doch nicht mehr. Nach einer ersten Welle von „LOL, Pulver-Alkohol!" erschienen Artikel, die dringend von dem Konsum abrieten. Das amerikanische Alcohol and Tobacco Tax and Trade Bureau, das ursprünglich sieben Palcohol-Geschmacksrichtungen zugelassen hatte, zog die Erlaubnis wieder zurück. (In der Begründung heißt es, dass die Zulassung „aus Versehen" geschehen war, was wohl für „Wir hätten nicht gedacht, dass so viele Menschen angepisst sein würden" steht.) Der New Yorker Senator Chuck Schumer rief die FDA sogar auf, Alkoholpulver ein für alle mal zu verbieten.

Lipsmack wiederum, das Unternehmen hinter Palcohol, hält das Produkt für revolutionär und scheint bereit zu sein, sich zur Wehr zu setzen. Es veröffentlichte ein YouTube-Video mit dem Titel „The Truth About Palcohol" und gestalten ihre Webseite so um, dass die „vielen positiven" Anwendungsmöglichkeiten stärker hervorgehoben werden und der Fokus nicht mehr so sehr auf dem Im-Vollsuff-egal-wo-du-gerade-bist-Aspekt liegt.

Palcohol, so die Firma, spart dir Platz im Gepäck, wenn du auf wandern möchtest und etwas Entspannung suchst, und es wird außerdem die Kosten deines nächsten Fluges senken—da Palcohol leichter ist als alkoholische Getränke in Flaschen, könnten Fluggesellschaften Sprit sparen, wenn sie anfangen, die Getränkewagen mit den Pülverchen zu bestücken. Einfach nur mit Wasser aufgießen und schon ist dein Pulvermartini trinkfertig. Auf diese Weise müssen nicht viele verschiedene Alkoholika hin- und hergeflogen werden. Lipsmack träumt also von einer Zukunft mit besoffenen Wanderern, billigen Flügen und Pulver-Alkohol für alle.

OK, soweit so gut. Ich habe allerdings keine eigene Fluggesellschaft und ich werde in naher Zukunft bestimmt keinen Berg hochkraxeln. Als ich allerdings hörte, dass Schumer darüber besorgt ist, dass Alkoholpulver über Essen gestreut oder sogar durch die Nase gezogen werden könnte, dachte ich nur: „Fantastische Idee, Chuck!"

Da Palcohol noch immer einen weiten Weg bis zur Massenproduktion gehen muss, nahm ich die Angelegenheit selber in die Hand. Auf Popular Science fand ich eine Anleitung zur Herstellung von Pulver-Alkohol und fing an, mir die Zutaten zusammenzusuchen.

Fotos von Meredith Jenks

Die zwei Hauptbestandteile von Pulver-Alkohol—Pulver und Alkohol—waren leicht zu bekommen. Für das Rezept braucht man N-Zorbit M, a.k.a. Maltodextrin, ein Pulver, das sich wunderbar dafür eignet, Öle aufzunehmen. Es wird auch gerne von gehobeneren Köchen in diesen Kochsendungen verwendet, die etwas Melonensaftpulver über ein Törtchen streuen. Es funktioniert aber eben auch super mit Schnaps—alles, was ich dafür nach dem Rezept machen musste, war, etwas Hardalk auf das N-Zorbit M zu schütten und das Ganze dann gut umzurühren.

Das klingt schon mal kinderleicht, aber ich wollte jetzt nicht so eine lasche Mische wie die von Palcohol machen, von dem du eine halbe Packung für einen einzigen Drink brauchst. Ich wollte was Härteres.

Ich besorgte mir also eine Flasche 95%igen Spirytus Wesoly-Wodka. Mit 100 Gram N-Zorbit M unter dem einen Arm und einer 750-ml-Flasche Fusel wohl behütet unter dem anderen plünderte ich in der VICE-Küche alles andere, was ich benötigte: eine Rührschüssel, ein feines Sieb, einen Quirl und einen großen Tupperbehälter, damit ich das Zeug auch transportieren konnte. Dann baute ich meinen Kram auf und machte mich an die Arbeit.

Laut Rezept sollte man 30 Gramm Alkohol verwenden, was aber so gut wie Nichts ist. Ich schüttete und rührte als munter drauflos und schon bald hatte ich die halbe Flasche Everclear unter das Pulver gebracht. Es hatte einfach alles aufgesogen und übrig blieb nur ein feuchtes, mehliges Pulver. Ich wusste, dass ich die richtige Mischung zusammengebraut hatte, als meine Augen anfingen, von den Alkoholdämpfen zu tränen.

Palcohol wird höchstwahrscheinlich mit einem komplizierteren Verfahren hergestellt (und ist wahrscheinlich auch wesentlich schwächer), aber jetzt hatte ich endlich Pulver-Alkohol und das war super, da ich es einfach liebe, mich zu besaufen—außerdem genieße ich grauenvolle Kater und Nasenbluten, aber dazu später mehr.

Ich fing an, mir das Zeug händeweise in den Mund zu schaufeln. Es war inzwischen 20 Uhr und das VICE-Büro war immer noch halb voll mit Redakteuren, die emsig in ihre Laptops tippten. Sie wussten nicht, was ihnen hier entging. Oder vielleicht taten sie das doch. Ich hustete und würgte jedes Mal, wenn ich eine Handvoll Pulver den Rachen runter zwang, aber ich fühlte mich überhaupt nicht betrunken.

Die Leute fingen an, ihre Kopfhörer aufzusetzen. Ich entschied mich dazu abzuhauen. Ich sollte eh nicht auf leeren Magen „trinken"—ich brauchte unbedingt Pizza.

Auf dem Weg lief mir mein Mitbewohner Charlie über den Weg. Ich gab ihm eine Priese des Pulvers und wir setzten die Route gemeinsam fort. Der Pulversuff schleicht sich wirklich unauffällig an dich heran und irgendwo auf dem Weg schlug er dann plötzlich unvermittelt zu. Ich wechselte von ziemlich nüchtern zu der Art von besoffen, bei der dir dein Kopf schmerzt und sich der anstehende Kater schon erahnen lässt—wie ein entferntes, hochfrequentes Jammern.

So stolperte ich also, zusammen mit einer Tupperdose voll mit weißem Puder unter dem Arm, in die Pizzeria. Noch mehr Puder hatte sich auf meiner Hose und meinen Ärmeln verteilt und klebte wie Schuppen in meinen Haaren. Ich saue nun mal viel beim Essen rum. Ich ging also zur Theke und platzierte die Dose neben mir.

„Haben sie einen Parmesanstreuer, den ich mir ausleihen könnte? Ich würde gerne etwas von dem Zeug da rein tun und auf ein Stück Pizza streuen."

Der Typ hinter dem Tresen schaute mich etwas verdutzt an. Ich wischte mir durchs Gesicht und entfernte etwas Pulver von meiner Wange.

„Ist es das, was ich denke, was es ist?" sagte er.

„Wenn du denkst, dass es Pulver-Alkohol ist, dann ja."

Er reichte mir einen leeren Käsestreuer aus Glas, und ich setzte mich hin, um meine Pizza mit einer ordentlichen Priese Schnaps zu verfeinern.

Vielleicht war ich einfach nur besoffen und am verhungern, aber das Alkoholpulver machte sich auf der Pizza ganz gut. Es verschmolz mit dem Fett und fügte dem Pizzageschmack nur wenige Giftnoten hinzu.

Die anderen Kunden fingen an, meine Tupperbox komisch zu beäugen. Entweder waren sie einfach neidisch auf meinen Behälter voll mit Pulverschnaps oder dachten, ich würde hier eine Scarface-Nummer abziehen und meine Dose sei randvoll mit Koks.

Anno dazumal war dieser Teil von Brooklyn eine Arbeitergegend, in der höchstwahrscheinlich eine Art von Wertesystem herrschte—jetzt rennen hier blasse Spinner durch die Gegend, die sich irgendwelche Drogen auf ihre Pizza streuen, während jemand anderes Bilder „für das Internet" macht.

Wie auch immer, Charlie und ich gingen runter zum Wasser, wo wir mein Pulver in Frieden essen konnten. Dann entschieden wir uns dafür, etwas anzuzünden.

Wie sich herausstellte, brennt mein selbstgemachter Pulver-Alkohol wie Napalm. Wenn man bedenkt, wie das Zeug schmeckt, ist eine Verwendung als Anzünder vielleicht am sinnvollsten. Ich wollte den brennenden Haufen austreten, was aber nur dazu führte, dass ich das brennende Pulver über das ganze Steinufer des East River verteilte. Charlies Schuhe fingen Feuer.

Ein paar Meter entfernt standen ein paar Highschool-Kids und rauchten. Als ich auf dem brennenden Staub rumtrampelte, kamen sie zu uns rüber.

„Was ist das?"

„Everclear in Pulverform. Habe ich selber gemacht", sagte ich. „Probier mal!"

Ich zwang mir eine weitere Handvoll in den Mund und hatte so meine Mühe, das Zeug runterzubekommen. Sie schauten auf meine Tupperbox, dann auf Charlies brennende Schuhe und schlichen langsam davon.

Die Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. N-Zorbit M ist dafür gemacht, um Flüssigkeit aufzunehmen—es hatte schon eine halbe Flasche Schnaps wie nichts geschluckt—und in meinem umnebelten Hirn stellte ich mir jetzt vor, wie das Maltodextrin das ganze Wasser in meinem Körper aufsaugen würde, so dass ich innerlich vertrockne.

Mein Job war aber noch nicht getan.

Als Schumer seine Sorge darüber äußerte, dass die Menschen anfangen würden, Pulver-Alkohol zu ziehen, hatte Palcohol diese Furcht umgehend als unbegründet zurückgewiesen—man müsse wohl eine unglaubliche Menge von Lipsmacks Produkt durch die Nase ziehen, nur um angetrunken zu werden. Ich hatte aber Pulver aus Everclear, nicht ihre lahme, schwache Mische. Ich musste es also wenigstens ausprobieren.

Wir torkelten zurück ins Büro, und ich fing an, Lines zu machen.

Irgendwie verwandelte sich das Pulver umgehend in eine klebrige Pampe, sobald es meine Nasenschleimhäute berührte. Meine Nase war sofort verstopft. Die Alkoholdämpfe brannten in meinem Riechorgan, aber nur für die erste Minute. Danach kam ein unangenehmes Taubheitsgefühl. Vielleicht hatte ich mir gerade einfach alle Nervenenden zerschossen. Es war niemand mehr da, den ich um Hilfe hätte bitten können.

Die Kopfschmerzen waren immer noch da—ein pulsierender Druck an meinen Schläfen—aber der Pulversuff gab mir ein komisches, außerkörperliches Gefühl. Falls du auf Kopfschmerzen, zugekleisterte Nebenhöhlen und taube, dissoziative Trunkenheit stehst, dann wirst du den Pulverschnaps total abfeiern.

Charlie und ich stolperten heimwärts. Ich atmete durch den Mund, da meine Nase einfach außer Betrieb war, während Charlie ganz entspannt war, da er sich vernünftigerweise dagegen entschieden hatte, sich Wodkapulver durch die Nase zu ziehen.

Wir schlichen uns beide in unsere jeweiligen Zimmer, in der Hoffnung, dass der Schlaf das Pochen in unseren Köpfen vielleicht etwas lindern würde.

Ich wachte um 4 Uhr morgens davon auf, dass mein ganzes Gesicht von Nasenblut verkrustet war. Wenigstens konnte ich jetzt wieder normal atmen. Die Kopfschmerzen hatten sich auch schon auf ein erträgliches Level gemindert. Ich ging ins Wohnzimmer, wo Charlie auf der Couch saß und an einem Bier nippte. Er reichte mir auch eins. Ich sank neben ihm auf die Kissen und nahm einen tiefen Schluck. Leckeres, flüssiges Bier. Kaltes, erfrischendes, nicht-pulveriges Bier.

„Wie viel ist von dem Zeug noch übrig?", fragte Charlie.

Die Tupperbox stand in der anderen Seite des Raums auf unserem Esstisch.

„Ungefähr noch ein Viertel."

Mir mussten also nur noch eine Sache erledigen: Mehr von dem Zeug anzünden!

River Donaghey wuchs bei sehr netten und führsorglichen Eltern auf. Du kannst seine Erziehung also nicht für diesen pubertären Schwachsinn verantwortlich machen.