Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Sex

Flirt-Tipps von einer Stripperin

Jeder in Berlin ist jung, attraktiv und macht „irgendwas mit Medien"? Richtig. Mia May tanzt nebenberuflich aber auch noch an der Stange.

von Lisa Ludwig
27 November 2014, 1:28pm
Foto: Grey Hutton, mit freundlicher Genehmigung der Dschungel-Bar

Mia May ist Anfang 30, hauptberuflich in der Berliner Medienbranche unterwegs und seit kurzem auch Autorin ihres ersten Buchs, Pole Position. Soweit, so gewöhnlich für junge Menschen in der Hauptstadt. Nur ihr Hobby ist ziemlich ungewöhnlich—wann immer sie Zeit und Lust hast, reist sie rund um den Globus und strippt. Von Paris bis New York. Wie aber kommt man dazu, die lukrative Festanstellung an den Nagel zu hängen, um sich an den Stangen dieser Welt vor stetig wechselndem Publikum zu räkeln? Ich habe mich mit Mia in einer Bar getroffen und mir bei Wein, Bier und noch mehr Zigaretten erklären lassen, warum die Gesellschaft ein falsches Bild von Stripclubs hat, weshalb den Deutschen auch beim Striptease das Preis-Leistungs-Verhältnis wichtig ist und wie einem Stripper-Erfahrung beim Flirten helfen kann.

VICE: Gibt es einen Unterschied zwischen deutschen Stripclubs und denen in anderen Ländern?
Mia May: Meine Erfahrungen mit deutschen Stripclubs beschränken sich auf Berlin, wo ich in einem getanzt und andere so besucht habe, und Hamburg. In aller Regel ist es so, dass man festgelegte Arbeitszeiten hat und der Chef dir sagt, wann Schluss ist. Nur in Deutschland habe ich es bisher mitbekommen, dass sich die Kunden beispielsweise darüber beschweren, dass die Getränke teurer sind als in „anderen Bars". In „anderen Bars" sitzt aber eben auch kein Mädchen im kleinen Kleidchen neben dir, die halb so alt ist wie du, und tanzt anschließend nackt für dich. Das ist der deutsche Geiz und das typische Preis-Leistungs-Verhältnis-Denken.

Ansonsten kann ich kann natürlich nur von den Ländern sprechen, in denen ich tatsächlich auch war, aber ja, außerhalb Deutschlands ist das schon anders. Der französische Club, in dem ich getanzt habe, war zum Beispiel superschick. Da sind auch richtig viele Paare und „local Celebrities" hingekommen und es war wirklich etwas Glamouröses, da hin zu gehen. In Amerika wiederum gehören Stripclubs total zur Pop- und Ausgehkultur—da sind einfach nicht diese klischeehaften Tabledance-Besucher, die man aus einem schlechten Tatort kennt.

Was mir aber am wenigsten gefällt: Hier kriegt eine bestimmte Gage für die ganze Nacht, das ist nicht viel, 70 Euro oder so, und dann macht man sein Geld mit Tabledances, Private Dances und solchen Sachen. Von diesen Einnahmen darf man aber nur 50 Prozent behalten, den Rest bekommt der Club. In Paris bekommt man beispielsweise 70 Prozent und in Amerika ist es noch mal ganz anders. Da zahlt man eine „House Fee" an den Club—ich vergleiche das immer ein bisschen mit der Standmiete bei einem Flohmarkt—und alles, was du verdienst, ist zu 100 Prozent deins.

Tanzen die Mädels in den USA anders als in Deutschland?
Es gibt da schon einen Unterschied, kommt aber vor allem auf den jeweiligen Club, die Musik und den DJ an. In denen, die so ein bisschen Working-Class sind, läuft dann auch eher mal ein Rock-Lied. Es gibt aber auch Clubs, die spielen nur total generische House-Musik in Dauerschleife, bei der du die einzelnen Lieder gar nicht wiedererkennen kannst, was ich ein bisschen langweilig finde. In Miami läuft dagegen dieser typische Stripper-HipHop von Lil Wayne, den ich super finde, weil er so ein Klischee ist.

In manchen Clubs spielt der DJ, worauf er Lust hat oder stimmt es darauf ab, wie viel Uhr es ist oder wie viele Gäste da sind. In anderen, in Paris zum Beispiel, kannst du ihm deine Playlist geben und immer wenn du auf der Bühne bist, spielt er deine Lieder. Je nachdem, wie gut du mit dem DJ befreundet bist, oder wie viel Tip du ihm gibst—in Amerika muss man dem auch Geld geben—,desto mehr nimmt er Rücksicht auf deine Wünsche. Wenn er dich dissen will, oder mit einem Mädchen befreundet ist, was dich fertig machen will, spielt er vielleicht auch Lieder, die nicht so cool sind.

Wie lernt man diese Stripper-Moves? Es gibt ein Video von dir, wo du dich nur mit deinen Beinen an der Stange hältst und das sieht echt krass aus.
Das ist ein bisschen lustig, weil ich total lange überhaupt nichts gekonnt habe. Ich wusste ungefähr, wie man um die Stange geht—es gibt da so einen Schritt, der eigentlich ziemlich einfach ist—, aber ich habe das nie richtig hinbekommen und habe mich einfach immer rumgeschwungen. So was ist aber auch gar nicht wichtig. Für den Anfang reicht es komplett, wenn man sich gut bewegen kann, und das kann eigentlich jeder, der gerne Musik hört und seinen Körper mag.

Ich habe später damit angefangen, Tricks zu lernen, weil ich einfach Lust drauf hatte. Die Sachen, die ich kann, wirken für Leute, die sich damit nicht auskennen, immer total toll, aber eigentlich ist das nur unteres Mittelfeld. Viele die ich kenne und die das schon total lange machen, können auch nur die Basic-Sachen. Eine von meinen Freundinnen ist jetzt mit 35 in Stripper-Rente gegangen und die konnte glaube ich einen Move.

Woran erkennst du, ob du jemanden zu einem Private Dance überreden kannst? Wie gehst du auf die Leute zu?
Was viele vergessen: Oft ist in Stripclubs, gerade am Anfang einer Schicht, absolut nichts los. Oft sind nur wenige Kunden da, dafür aber ziemlich viele Mädchen. Ich versuche, das wie in einer Bar zu machen, gehe einfach zu den Leuten hin und stelle mich vor. Man unterhält sich erstmal, ganz normaler Smalltalk. Wie tickt der? Was ist das für ein Mensch? Weswegen ist der hier? Diese Fragen und eine gewisse Menschenkenntnis sind eigentlich viel wichtiger, als das Strippen.

Viel heikler als das Ausziehen ist auch tatsächlich, dass man ziemlich oft abgewiesen wird. Es ist nicht so, dass da ein süßes Mädchen rumläuft und alle sie beklatschen. Du bist da zusammen mit 40 superheißen, vielleicht viel besser aussehenden Mädchen in einem Club. Im nettesten Fall sagt jemand, wenn er dich abweist: „Hey, du bist total süß, aber einfach nicht mein Typ." Es kann aber auch sein, dass Leute „Nee" sagen, dich ankucken und dabei mit ihrem Freund irgendetwas flüstern oder lachen. Deswegen hat man als Stripper aber auch einen anderen Namen. Dann bist es nicht du, die abgewiesen wird, und du musst es nicht persönlich nehmen.

Man gibt den Leuten viel von sich und wenn man psychisch nicht stark ist, zu viel Aufmerksamkeit braucht und man sich dann vielleicht noch Mut antrinkt, um auf irgendjemanden zugehen zu können, kann das dein Selbstwertgefühl richtig kaputt machen. Du musst dir bewusst machen, dass das nichts mit dir als Person zu tun hat. Vielleicht hat er einfach andere Vorlieben oder es hat bei euch einfach nicht Click gemacht.

In Anbetracht deiner Expertise: Hast du irgendwelche Flirt-Tipps für mich? Wie geht man am besten auf Männer zu?
Ich habe seit längerem einen Freund, deswegen bin ich was Dates angeht nicht mehr aktiv. Unabhängig davon will man Männern aber natürlich trotzdem gefallen und bei mir war es immer so, dass ich es relativ gut kann, Leute für mich zu gewinnen. Als Stripper ist man, was erotische Situationen angeht, vielleicht einfach geschulter und lässt sich nicht so leicht um den Finger wickeln. Das klingt jetzt vielleicht doof, aber es ist ja dann dein Job, jemanden zu verführen.

Ich verstelle mich bei so was aber auch nicht und meine allgemeine Erfahrung ist die: Wenn man selbstbewusst ist—nicht laut, sondern mit sich selbst einfach im Reinen—, dann kommt man in aller Regel auch irgendwie gut an. Mit Humor kann man auch immer ziemlich punkten. Wenn jetzt jemand einen Witz macht und ich den nicht so lustig finde, versuche ich trotzdem zumindest ein bisschen zu lachen. Zumindest dann, wenn das ein Typ ist, der eher unsicher wirkt. Solchen Leuten sollte man ein gutes Gefühl geben. Wenn das jetzt aber jemand ist, der sehr selbstbewusst und stark rüberkommt, kann man ihn auch ein bisschen ironisch auf die Schippe nehmen. Oft haben solche Typen Spaß daran, wenn man sich so ein bisschen mit ihnen battlet. Man muss vor allem schnell checken können, was das für ein Mensch ist. Ist der eigentlich total sensibel und braucht ganz viel Bestätigung? Oder ist er selbstbewusst genug, um eine Challenge sexy zu finden?

Wie gehen andere Leute damit um, wenn sie erfahren, dass du strippst?
Allgemein habe ich gemerkt, dass die Leute oft ein komisches Bild von Stripclubs haben. Die stellen sich das so vor, dass ein junges, hübsches Mädchen sich vor einem fetten, stinkenden Typen auszieht, weil sie arm ist und Geld braucht. Und wenn ich denen dann sage, dass ich so einen Gast noch nie erlebt habe, können sie das gar nicht begreifen. Oft kommen die Leute, weil sie sonst keine Möglichkeit haben, mit einer Frau in Kontakt zu kommen. Die bezahlen dafür, dass jemand neben ihnen sitzt und lächelt. Das ist vielleicht der traurigste Grund für einen Stripclub-Besuch.

Folgt Lisa bei Twitter.

Tagged:
Sex
Interview
stripper
lil wayne
Buch
Erotik
Kultur
bar
Tanz
Deutschland
stripclub
Vice Blog
Pole Position
Mia May