Mode

​Das alljährliche Scheitern der Berliner Fashion Week

Micaela Schäfer als Stargast, eine Bachelor-Gewinnerin als Moderatorin und Pailletten, Pailletten, Pailletten. Das ist das wahre Gesicht der Berliner Fashion Week.

von Stefan Lauer
21 Januar 2015, 10:36am

Foto: Daniel Jakobson

Zweimal im Jahr wird Berlin von der Zwangsvorstellung ergriffen, glamourös sein zu müssen. Und scheitert immer wieder kläglich. Unzählige Modeblogs, die Springer-Zeitungen und RTL Exclusiv versuchen, der Nation einzutrichtern, wie wichtig Berlin doch für die internationale Modewelt ist. Wie viel Glamour wir hier zweimal im Jahr begrüßen dürfen und wie wichtig die deutsche Mode ist. Newsflash: Es ist der Strass, der glitzert, die Berliner Fashion Week interessiert Einkäufer von Jack & Jones, aber nicht Karl Lagerfeld. Der Kern dieser Veranstaltung ist Geld, Geld, Geld. Dem ganzen einen Anstrich von Glamour zu verpassen, endet halbjährlich in einem Circle Jerk, dessen Teilnehmer sich mit toten Augen gegenseitig befriedigen.

Natürlich finden vor allem im Rahmen der „offiziellen" Mercedes Benz Fashion Week Veranstaltungen statt, die auch für Leute, deren Webpelz nicht bei H&M gekauft wurde, von gewissem Interesse sein könnten. Aber dann finden auch noch, vor allem außerhalb des „offiziellen" Teils der Fashion Week, Partys statt, die in ihrer ganzen Surrealität genau zeigen, warum die Berliner Fashion Week zur Pointe eines Witzes geworden ist. Egal ob es die tollste aller Partys ist, auf der dann Frauen K.O.-Tropfen verabreicht werden, Nacktmodelle zum Stargast avancieren (dazu später mehr) oder PR-Damen herumstolzieren, denen es vielmehr um die anwesenden Gäste als die Mode geht.

Mit Klamotten Geld verdienen zu wollen, ist schließlich auch kein Verbrechen. Und es funktioniert sehr gut. Labels, bei deren Erwähnung sich Yves Saint Laurent im Grabe umdrehen würde, scheffeln Geld. Designer, die es nicht in die High Fashion schaffen, wechseln zu Marken, die in jeder Fußgängerzone ihren eigenen Shop haben. Aber muss man dieser utilitaristischen Industrie mit aller Gewalt einen glamourösen Stempel aufdrücken? Vergleicht man die Umsatzzahlen, wird das noch deutlicher. Chanel, die Mutter allen Glamours, hatte 2012 einen Umsatz von etwa 4,4 Milliarden Euro weltweit. Kik mit Filialen in Deutschland, Österreich und Osteuropa 1,63 Milliarden. Bon Prix, ebenfalls eine Firma, die sich wenn dann eher im Mittelpreissegment bewegt, setzte 1,3 Milliarden um.

Man fragt sich nun, was in den Köpfen derjenigen vorgeht, die im Felix (dem Club des Adlon und dementsprechend eher nouveau riche als stilvoll) in der ersten Reihe platziert werden und versuchen, sich so zu benehmen, als seien sie Rihanna bei Surface to Air. Und das während niemand anderes als Micaela Schäfer offensichtlich der Stargast des Abends ist. MICAELA SCHÄFER. Die Frau, die ansonsten mit freiem Oberkörper in Kleinstadtdiscos auftritt und im Dschungelcamp Hoden isst. Daran ist an sich nichts auszusetzen, jeder muss irgendwie sein Geld verdienen, aber ernsthaft, Leute. Das wertet doch die Veranstaltung nicht auf. Genauso wenig wie eine Moderatorin, die vor zwei Jahren beim Bachelor gewonnen und sich letztes Jahr im Playboy ausgezogen hat (alles total ästhetisch natürlich). Präsentiert wird dann Alltagsmode, die so oder so ähnlich in jeder Fußgängerzone verkauft wird. Diese Klamotten und die Designer, die damit ihr Geld verdienen, kann man nicht kritisieren (zumindest solange nicht, bis sie ihre Klamotten über menschenverachtende Discounter vertreiben). Aber Leute, die diese Veranstaltung ironiefrei konsumieren und deren Lebensinhalt daraus besteht, sich mit Star-Darstellern ablichten zu lassen und damit der ganzen Veranstaltung einen Anstrich von Verzweiflung geben, schon.

Die Beschreibung dieser Party ist übrigens nicht übertrieben oder meiner Fantasie entsprungen. Das ist alles wirklich passiert. Montagabend! Man weiß nicht, ob einem die gegelten Anzugträger leid tun sollen oder ob es nur fair wäre, wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt, sie sind schließlich—im Gegensatz zu mir—in ihrem Element. Man weiß nicht, ob Frauen wie Micaela Schäfer gewiefte Geschäftemacherinnen sind, die aus ihrer „Prominenz" das Beste rausholen. Oder ob sie sich samt Entourage einfach nur permanent selbst feiern müssen, um im Gespräch zu bleiben. Oder, die vielleicht schlimmste Möglichkeit: Die Leute haben wirklich Spaß daran und sind erfüllt davon, von einer „Glamour"-Party zur nächsten zu fallen. Und was mache ich? Ich stehe auf einer Party herum, für die ich falsch angezogen bin, auf der ich die Musik scheiße finde und weit und breit niemand mein Auge erfreut. Toll, dann haben die gewonnen.

Machen wir uns nichts vor: die Essenz der Berliner Fashion Week ist Geld. Es geht darum, möglichst viele Klamotten in möglichst viele Läden zu bringen, und nicht darum, Stile zu definieren und Trends zu erfinden. Nichtmal Wolfgang Joop oder Michael Michalsky (beide auch nicht unbedingt absolute Oberklasse) werden in diesem Jahr Shows veranstalten. Die Zukunft der Bread & Butter, einer der weltweit größten Streetwear-Messen, steht momentan noch in den Sternen und sie findet während der aktuellen Fashion Week nicht statt. Genauso wie White Label, eine von China dominierte Messe, die industrielle Massenware präsentiert, erst im Sommer wieder ihre Pforten öffnen wird. Darüber kann man lachen oder den Kopf schütteln, aber zumindest machen diese Leute Geld mit ihren Produkten.

Bei vielen der Shows geht es darum, Aufmerksamkeit für das Label zu schaffen, und natürlich ist das wichtig und natürlich wird derjenige, der am lautesten schreit, irgendwann gehört. Auch bei der Party am Montag ging es genau darum: kleineren, teilweise in Deutschland noch nicht etablierten Firmen eine Bühne zu bieten und sie Einkäufern und Journalisten nahe zu bringen. Hier werden Klamotten präsentiert, die auch noch die letzte Kleinstadt erobern sollen. Vielleicht muss man auch genau deswegen Pailletten draufkleben und Nacktmodelle einsetzen. Was in Berlin passiert, hat einfach nichts mit High Fashion zu tun und vielleicht ist es deshalb allen besonders wichtig, so zu tun als ob.

Dabei hätte es doch eigentlich viel mehr Klasse, wenn sie sich alle ein Beispiel an Harald Glööckler nehmen würden. Bei ihm wird glamouröös mit zwei ö geschrieben. Das kann man jetzt natürlich als konsequentes Weiterdenken seines Künstlernamens sehen oder vielleicht sogar ein wenig Selbstironie hineininterpretieren. So oder so bedeutet es, dass er gar nicht erst versucht, einen auf High Fashion zu machen, sondern clever genug ist, seine Zielgruppe richtig anzugehen. Harald Glööckler wird mit seinen Homeshopping-Produkten in der Mimik von Anna Wintour keine Veränderung hervorrufen. Aber guess what? Das kann ihm vollkommen egal sein, wenn er sich in seinem goldenen Badezimmer in seine goldene Badewanne legt und sich in vergoldeten 500-Euro-Scheinen suhlt. Dieser Typ macht nämlich mit den strassbesetzten Jogginghosen, die deine Mutter auf QVC kauft, Berge von Geld. Das Gleiche kann man den „Modeschöpfern" wünschen, die sich auf der Fashion Week mit Micaela Schäfer schmücken. Aber bitte, bitte hört auf, bei jedem Q-Prominenten ironiefrei GLAMOUR, GLAMOUR, GLAMOUR zu schreien.

Stefan ist auch auf Twitter total glamouröös.