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Schmutzige Tricks und Partydrogen: Wie es ist, in einer Model-WG zu leben

Das Leben eines jungen Models ist weniger glamourös, als du wahrscheinlich denkst.

von Hadley Hudson
17 Juli 2015, 4:19am


Corey und seine Model-Mitbewohner in Greenpoint, Brooklyn

Ich war noch nicht lange im Bereich der Modefotografie tätig, als mir klar wurde, dass mich die Models mehr interessierten als die Kleidungsstücke. Also begann ich damit, Fotos von Leuten zu schießen, die keine Klamotten tragen.

2008 wurde ich vom französischen Playboy beauftragt, ein Centrefold zu machen. Dabei lernte ich auch eine junge Frau namens Raquel Nave kennen. Sie war etwas ganz Besonderes, total frei und ungehemmt. Noch nie zuvor hatte ich mit so einem Model zusammengearbeitet. Als sich Raquel auszog, fühlte ich mich sofort von jeglichen Modezwängen befreit. Wir wurden gute Freude und irgendwann lud sie mich auch zu sich in die Wohnung ein. Dort hatte jedes noch so kleine Detail—selbst die Postkarten an der Wand—einen Bezug zu ihr. So kam ich auch auf die Idee, Models in ihren Wohnungen zu fotografieren.

Inzwischen habe ich schon über 70 Models bei sich zu Hause abgelichtet. Jedes Shooting war dabei ein richtiges Abenteuer. Ich liebe es, bei irgendjemandem aufzutauchen und keine Ahnung zu haben, was mich dort erwartet. Fast alle haben sich mir gegenüber geöffnet und ihre Geschichten erzählt. Vielleicht liegt das an der Intimität, die mit dem Aufenthalt im Schlafzimmer einer fremden Person einhergeht. Vielleicht stimmte aber auch bloß die Chemie zwischen mir und ein paar unglaublich gut aussehenden Menschen. Was auch immer es ist, ich fühle mich auf jeden Fall richtig geehrt davon, dass mir die Models von ihren Träumen, Problemen, Ängsten und Zielen erzählt haben.

RAQUEL

Raquel und ihre Tochter in Bushwick, Brooklyn

Als ich 17 Jahre alt war, sprach mich ein Fotograf bei Starbucks an. Der Umzug in eine Model-WG war richtig komisch, denn dort lebten einfach so viele Mädels zusammen. Wir waren zu acht in einer Zwei-Zimmer-Wohnung.

Ich habe alles miterlebt: komische Essgewohnheiten, Essstörungen, gruselige Promoter-Anrufe, endlose Skype-Gespräche mit dem Freund aus der Heimat sowie zickige Brasilianerinnen, die nicht mal ihr Toilettenpapier mit dir teilten. Einige Mitbewohnerinnen haben sogar mal Bleiche in die Shampoos der anderen gemischt, um ihnen übel mitzuspielen und damit sie keine Aufträge mehr bekommen.

CHARLIE

Charlie im Garten seiner Eltern (Brooklyn)

Das Beste am Model-Dasein ist das Geld, das man fürs Nichtstun bekommt. Und natürlich die vielen heißen Mädels, die man kennenlernt. Ich sehe mich allerdings nicht als eine Art Kiddy-Version von Derek Zoolander, die zusammen mit ein paar anderen eitlen Schönlingen in einer Wohnung mit Stockbetten lebt.

Die meisten Models gieren nach Aufmerksamkeit—diese Tatsache kann das Zusammenleben manchmal natürlich ziemlich kompliziert und ruppig machen. Einmal hat man auch mir ordentlich zugesetzt: Am Abend vor einem Treffen mit einer neuen Agentur bestreute mein Mitbewohner meinen Kissenbezug mit Pfeffer. Am nächsten Tag war mein Gesicht dann total angeschwollen und ich wurde nicht unter Vertrag genommen.

Ich achte sehr auf mein Gewicht. Das mache ich allerdings wegen des Boxens und nicht wegen des Modelns. Was das angeht, sind Models ziemlich witzig. Kein Scherz. Wer fett ist, wird einfach nicht gebucht. Manche nehmen auch Drogen wie Kokain, um schlank zu bleiben. Ich nehme zwar auch ab und an mal was, aber nur, weil ich gerne Party mache.

GIEDRE

Giedre in der Wall Street, Manhattan

Ich wurde damals in meiner litauischen Heimatstadt Raseiniai von einer kleinen Agentur unter Vertrag genommen. Ich bin zu Hause ausgezogen, als ich noch sehr jung war—dadurch war ich gezwungen, schnell zu lernen, mich um mich selbst zu kümmern. Ich habe auch schon mit anderen Models zusammengewohnt und das hat mir richtig viel Spaß gemacht. Noch nie hatte ich so viele Freunde, die dazu noch so hübsch waren.

In der Modeindustrie herrscht natürlich ein großer Konkurrenzdruck, aber in welcher Industrie ist das denn nicht der Fall? Die Kunden entscheiden, welches Model oder welcher Look in der jeweiligen Jahreszeit zu ihnen passt. Wenn man nicht genommen wird, dann ist das nichts Persönliches, sondern einfach nur Teil des Geschäfts. Als Model verbringt man viel Zeit mit Warten: auf Flüge und Taxen, auf Casting-Auftritte, auf Haar- und Make-up-Stylisten oder auf den Beginn einer Show. Man muss sich selbst unterhalten können und viel Geduld mitbringen.

RAIN

Rain in Williamsburg, Brooklyn

Während eines Football-Spiels habe ich eine Wette verloren und musste deswegen an einem Casting teilnehmen. Ich wurde dann fälschlicherweise als Mann gebucht und der Rest ist Geschichte. Es gibt niemanden, der so aussieht wie ich, also habe ich auch nur wenig Konkurrenz.

Wenn ich als Frau gehe, dann muss in die Kleidergrößen 34 oder 36 passen. Wenn ich allerdings als Mann gebucht werde, dann sind die Kleidergrößen 36 oder 38 angesagt. Das Körpergewicht an die jeweiligen Shootings anzupassen, kann schon eine richtige Herausforderung darstellen. Ich mache das Ganze aber vorsichtig und nur unter der Aufsicht eines Ernährungsberaters. Ich liebe meinen Körper und ich sage den Leuten immer, dass sie sich verpissen können, wenn ich für sie ungesundes Zeug essen soll, nur um irgendein Image aufrechtzuerhalten. Sie haben doch Photoshop. Entweder man will mich oder man will mich nicht.

Und wenn Rain mal Lust auf Feinkost hat, kann sie bei Ian vorbeisehen. Munchies hat den Brooklyner Trüffelhändler einen Tag lang begleitet.

MARCELLE

Marcelle in Bushwick, Brooklyn

Ich bin von Fargo im US-Bundesstaat North Dakota nach New York gezogen, um dort zu studieren. Damals wusste ich noch nicht, was Plus-Size-Modeln ist. Ich schwankte immer zwischen den Kleidergrößen 42 und 44 hin und her und wollte ständig abnehmen.

Als ich zum ersten Mal von einem Model-Scout angesprochen wurde, war ich dafür noch gar nicht bereit. Ich war 19 Jahre alt und gar nicht in der Lage, überhaupt nur daran zu denken, als Model zu arbeiten, denn damals fühlte ich mich in meiner Haut noch nicht wohl. Die Plus-Size-Industrie ist etwas, das die meisten Leute einfach nicht verstehen, und dieser Umstand ist manchmal echt hart. Wenn ich mir allerdings bewusst mache, dass ich ein junges Mädchen aus Ohio vielleicht dazu bringe, ihren Körper zu akzeptieren, dann ist es das alles wert.

i-D: Ashley Graham erklärt dir, was es bedeutet, stolz auf deinen Körper zu sein

Es schockiert mich fast, wie einfach es ist, Karriere zu machen, indem man sich selbst treu bleibt. Wenn ich mich für einen Job äußerlich total verändern müsste, dann würde ich ihn ablehnen. Ich habe schließlich auch noch andere Qualitäten und bin klug.

PRISCILLA

Priscilla in der Wohnung einer Freundin in Paris

Dieses Bild ist vor einigen Jahren entstanden. Ich wollte damals schon Hadleys „Bei Models zu Hause"-Shoot mitmachen, aber ich hatte keine Wohnung. Ich arbeitete zu dem Zeitpunkt seit ein paar Monaten als Model und wohnte noch bei meinen Eltern—ich wurde nicht viel gebucht, denn damals war der Markt für schwarze Mädchen in Paris sehr begrenzt. Also bat ich eine Freundin, mir für den Nachmittag ihre Wohnung zu leihen.

Dieses Bild zeigt nicht meine wahre Persönlichkeit—es ist mehr eine Figur, die von Zeitschriften und anderen Sachen, die ich zu der Zeit gesehen habe, beeinflusst war. Ich habe mich früher so gekleidet, um Männern zu gefallen. Jetzt kleide ich mich nur noch für mich selbst.

Mein Look in diesem Foto ist komisch. Jetzt sind meine Haare und meine Augenbrauen weiß gebleicht und mit diesem Style kann ich nicht mehr für Agenturen arbeiten. Aber es passt zu mir—ich habe mich endlich gefunden und ich sehe aus wie niemand sonst. Ironischerweise habe ich mehr Aufträge, seit ich nicht mehr von einer Agentur vertreten werde.

LEANDER

Leander in Berlin

Ich habe früher im Sommer am Alexanderplatz Breakdance-Straßenshows gemacht und wurde da von einem Scout angesprochen. Das Schlimmste beim Modeln sind Fashionweek-Castings. Ich habe schon erlebt, dass sich die Models für 'ne 100-Euro-Show vier Stunden anstellen.

In meinem Leben gibt's natürlich noch viel mehr als Modeln. Vor drei Jahren habe ich das Musiklabel Dezi-Belle gegründet. Ansonsten studiere ich noch Wirtschaft und Politik und bin aktiv in der Breakdance-Szene unterwegs.

NICOLA

Nicola. Upper West Side, Manhattan

Als ich mit 13 mit dem Modeln anfing, bekam ich gelegentliche Aufträge, bei denen meist ein Skateboard oder ein Surfbrett dabei war. Ich bin in New York City aufgewachsen, also hatte ich dort Freunde, als ich in die Modewelt eingestiegen bin. Ich ging zu Jobs und kehrte danach gleich wieder in meinen Alltag zurück. Das hat mich vor einem großen Teil der Negativität bewahrt, denen sich Models, die nach New York kommen, ausgesetzt sehen.

Für mich dreht sich der ganze Tag um Musik, bis ich einen Auftrag bekomme. Meine Band heißt Caverns. Ich denke, es ist unerlässlich für Models, eine Leidenschaft außerhalb des Modelns zu haben, wenn sie ein gesundes Selbstbild bewahren wollen. Wenn es etwas gibt, das du einfach unheimlich gerne tust und das dich bei der Stange hält, dann bist du nicht so verletzlich gegenüber scharfer Kritik. Ich habe auch ein bisschen eine seltsame Rolle für mich entwickelt, mit der ich eine eigene Nische im Modelgeschäft habe.

EVAN

Evan in Bushwick, Brooklyn

Ich habe mit 16 mit dem Modeln angefangen. Ich bin in einem winzigen Städtchen auf einer Insel vor der Küste von Maine aufgewachsen und wusste nichts über die Modewelt. Der damalige Freund meiner Mutter machte ein paar Bilder von mir und innerhalb einer Woche war ich bei NEXT Miami unter Vertrag. Bald darauf packte ich meine Taschen, zog nach NYC und unterschrieb bei Re:Quest.

Ohne ein bisschen Glück, gutes Timing und viel Einsatz kann man es als Model nicht schaffen. Insgesamt ist es eine ziemlich abgefahrene Erfahrung für einen jungen Erwachsenen.

COREY

Corey in Greenpoint, Brooklyn

Als ich in der Ford-Modelwohnung gewohnt habe, hatte ich die beste Zeit meines Lebens—es gab nie eine langweilige Minute. All diese Typen aus verschiedenen Ländern und mit allen möglichen Lebensgeschichten kommen zusammen, mit einem gemeinsamen Ziel. Auch wenn wir einander fast nicht kannten, haben wir uns super verstanden und es gab nie große Konflikte.

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