Es ist Zeit, den Nacktprotest von Frauen zu überdenken

Bei einem Protest gegen den Stierlauf von Pamplona hat eine Frau ihre Brüste gezeigt, um auf Tierrechte aufmerksam zu machen. Ist das nicht aber kontraproduktiv, wenn der eigentliche Anlass nichts mit Sexismus oder der Gleichstellung der Frau zu tun...

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Juli 10 2015, 12:39pm

Femen protestieren in London. Foto: Hannah Ewens

Nippel sorgen heutzutage doch für einiges Aufsehen, oder nicht? Zuerst werden sie von Facebook und Instagram verbannt (aber natürlich nur die weiblichen, weil sie natürlich viel sexueller und vor allem versauter sind) und stoßen damit sogar eine ganze Bewegung namens #freethenipple an. Dir wird auch nicht ergangen sein, dass sie außerdem in den letzten Monaten immer wieder und überall im Namen des sozialen Aktivismus zur Schau gestellt werden waren.

Vor ein paar Tagen erschien im Mirror ein Artikel über Heather Varley, eine 22-jährige Studentin aus Großbritannien, die nach Spanien gereist war, um dort gegen den Stierlauf von Pamplona zu protestieren—einer Veranstaltung, bei der eine Horde Menschen vor sechs wütenden Stieren wegrennt. Die Stiere trampeln ein paar Leute nieder und werden dann am Ende abgestochen. Es ist eine grausame Fiesta der Traurigkeiten—vor allem, wenn du Stier bist.

Um die Aufmerksamkeit auf das Abschlachten der Tiere als Kernpunkt dieser bizarren Tradition zu lenken, hatten sich Heather und andere Protestler in die Straßen von Pamplona gelegt und tot gespielt. Einige von ihnen schmierten ihre Körper in roter Farbe ein, Heather aber war einfach nur ... oben ohne. Ich habe eine gewisse Ahnung, also eine klitzekleine Ahnung auch nur—vor allem da der Artikel den gleichfalls fast nackten männlichen Protestierenden neben Heather vollkommen ignoriert—, dass es wirklich Heathers Nippel waren, die dem Protest die Medienaufmerksamkeit beschert hatten.

Ein Stier und viele Männer in Pamplona. Foto: Baltasar García | Wikimedia Commons | CC BY-2.0

Nacktheit hat vielleicht nicht viel mit Tierrechten zu tun (abgesehen von der Tatsache, dass Tiere normalerweise auch nackt sind?), aber Heather wusste, dass es die nötige Aufmerksamkeit generieren würde, wenn sie sich auszieht. Ihre eigene Entscheidung, ihren Körper zu entblößen, ist eine durchaus mächtige, weil sie a) zeigt, dass sie die Wirkmächtigkeit verstanden hat, die von einem nackten, weiblichen Körper ausgeht, und weil sie das b) auf selbstbewusste und politische Art ausnutzt, um größere Nachrichtenmeldungen zu generieren.

Und Heather ist damit nicht allein. Innerhalb der letzten Jahre hat sich der Einsatz nackter Weiblichkeit als Aufmerksamkeitsgenerator für soziale Probleme im Mainstream durchgesetzt. Angefangen bei PETAs Anti-Fleisch-Aktion, wo (größtenteils) nackte Frauen (weit mehr als Männer) sich selbst wie Steaks herrichteten, über Chelsea Handler, die nackt auf einem Pferd sitzend gegen Instagram austeilte, bis hin zu der Aktivistin, die oberkörperfrei auf den Altar des Kölner Doms sprang, hat sich der weibliche Körper zu einem nützlichen Protestwerkzeug gemausert. Und warum auch nicht? Frauenkörper werden derartig zu Objekten gemacht, dass allein ihr Entkleiden eine recht effektive Form des Protests geworden ist. Du hast was gegen die Taschen aus Krokodil-Leder von Hermés? Dann leg dich nackt in die Straßen von Bristol!

Ausziehen hat für Femen funktioniert—bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls. Ihr Manifesto hat es auf jeden Fall wunderbar getroffen: Sie wollten den nackten Frauenkörper als mächtig und potenziell auch gewalttätig re-etablieren—im Gegensatz zu der verletzlichen, fickbaren und stetig alternden Körperhülle. Das Problem dabei ist nur, dass ihr komplettes Argument ad Absurdum geführt wurde, als sich herausstellte, dass die (fast schon nervig) schönen Frauen (SORRY), die ihr Leben für Aktionen gegen sexistische Unterdrückung riskierten, offensichtlich wegen ihres Aussehens gecastet worden waren. Die Gutgläubigkeit und das Vertrauen anderer Frauen derartig auszunutzen, ist dann doch ziemlich sehr deprimierend.

Nenn mich ruhig pingelig, aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir, wenn wir unsere Nippel wirklich für die soziale Revolution hergeben wollen, sichergehen müssen, dass wir nicht noch tiefer in die Falle der Zweigeschlechtlichkeit tappen. Du musst nur mal darauf achten: Die Medienhäuser, die so begeistert über Oben-ohne-Proteste berichten, sind die gleichen, die regelmäßig prähistorische Geschlechterstereotype mit sexistischen Überschriften und fragwürdigen Frauendarstellungen bedienen.

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Man muss sich schon fragen: Wenn die Klatschpresse und / oder die Oligarchen deinem nackten Körper zuprosten, wie sehr befindest du dich dann eigentlich noch in Kontrolle? Ist die Aufmerksamkeit, die Heathers nacktem Körper zukommt, denn noch wirklich mehr als eine Stärkung des abgedroschenen Konzepts, das eine Frau nicht mehr als die Summe ihrer Körperteile ist? Ich schätze, diese Frage lässt sich nicht abschließend beantworten, aber bei der ganzen Sache geht es um viel mehr als nur Heather—zumal der Trend zum Nacktprotest noch immer weiter wächst. Ich gehöre bestimmt nicht zur Körperpolizei (ich liebe Nippel jeglicher Art und lasse meine ganz gerne selber raus—außerdem schmücken Schamhaare meine Innenschenkel wie ein leichter Regen an einem Sommermorgen), aber ich bin mir nicht sicher, an welchem Punkt etwas aufhört, eine Protestform zu sein und zu einem unreflektierten Aufmerksamkeitsgenerator wird.

Zumindest im Fall von #freethenipple ergibt das Entblößen des Nippels auch tatsächlich Sinn. Aber selbst da kann man sich fragen, ob das Freilegen von Nippeln tatsächlich reicht, um unsere bereits jetzt schon verdammt sexistische Kultur zu ändern? Refinery 29 veröffentlichte letzte Woche einen Artikel mit der Überschrift, „Free The Nipple—Just Be Sure to Protect it First" dessen Einleitung sich folgendermaßen liest: „Wenn du willst, dass deine Brüste am Strand besonders straff aussehen (egal ob im Badeanzug oder ohne), dann musst du deine Pecs trainieren." Ein viel schöneres Beispiel für die Aneignung einer Protestform, um einer repressiven Idee von Weiblichkeit und Jugend zu entsprechen, habe ich wohl selten gesehen.

Wenn wir unsere Körper schon als Protestform und zur Aufmerksamkeitsgenerierung verwenden, dann lasst uns dabei wenigstens nicht den Idealen einer Weiblichkeit entsprechen, die von Boulevardblättern und Mode-Magazinen vermittelt werden. Wir müssen aggressiver und origineller damit umgehen. Wir sollten verstehen, dass die Mainstream-Medien voll von Leuten sind, die unsere Nacktheit zweckentfremden und zu ihren eigenen Gunsten auslegen wollen—und auch wenn das beschissen ist, entspricht es gleichzeitig der Realität. Als Antwort darauf müssen wir dieses kapitalisierte Konzept von Weiblichkeit des Mainstreams komplett entfremden und herausfordern.

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Was ich wirklich gerne gesehen hätte, wäre wie Heather sich Menstruationsblut über ihre Schenkel schmiert, während sie blökt und sich bewegt wie ein verletzter Stier. Ich möchte dichtes Schamhaar bei Protestmärschen sehen. Ich will sehen, wie eine vor einem Politiker auf den Boden pisst. Es ist Zeit, sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass Nacktheit allein besonders schockierend und kontrovers sei (wenn sie eigentlich nur die Auflagen von Zeitungen nach oben treibt), und endlich den Mut zu finden, etwas Hässliches und Angsteinflößendes mit unseren Körpern anzustellen. Das würde die Message auf jeden Fall viel besser kommunizieren—ganz egal, was der Sinn und Zweck auch sein mag.

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