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Wie ich ein führender White-Power-Skinhead wurde

Selbst jetzt, 20 Jahre nachdem ich die Bewegung verlassen habe, die ich selber mit aufgebaut hatte, blitzen Erinnerungen an diese sieben dunklen Jahre noch immer durch meinen Kopf und machen mich wütend.

von Christian Picciolini
24 Juli 2015, 10:28am

Der Autor mit 15 | Foto mit freundlicher Genehmigung von Christian Picciolini

Mit 18 stand ich auf der Bühne einer Kirche in Deutschland, „Heil Hitler!"-Rufe durchdrangen immer wieder das Gebrüll Tausender Neonazis, die alle den Namen meiner Band grölten.

In diesem Augenblick war ich verantwortlich für diese unglaubliche Spannung in der Luft, für das Adrenalin, das durch pulsierende Adern strömte, und für den Schweiß, der an den kahlrasierten Köpfen runterlief.

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Die Menge in dieser nebligen Märznacht 1992 war vereint durch die absolute Hingabe für die Überlegenheit der weißen Rasse. Ich war Anführer der ersten amerikanischen Nazi-Skinhead-Band, die sich jemals außerhalb der USA getraut hatte, auf dem Boden des heiligen Vaterlandes—überhaupt Europa—zu spielen. Hier wurde Geschichte geschrieben. Ich stellte mir damals vor, dass sich Hitler genau so gefühlt haben muss, als er seine Armeen zur Eroberung der Welt anführte.

Ich sang Lieder darüber, wie Gesetze Schwarze bevorzugen und damit den Weißen die Jobs wegnehmen, und wie die Weißen mit Steuern belastet werden, die für die Sozialhilfe anderer ausgegeben werden. Ich glaubte daran, dass Gegenden mit rechtschaffenden und hart arbeitenden Familien von Minderheiten und ihren Drogen überrannt wurden. Schwule—eine Gefahr für den Erhalt unserer Spezies—forderten Sonderrechte ein. Unsere Frauen wurden von Minderheiten in Beziehungen gelockt. Die Juden planten unser Unglück. Ganz klar, die weiße Rasse war in Gefahr.

So hat man es mir jedenfalls beigebracht.

Alles begann 1987, als ich gerade mal 14 war. Ich sehnte mich danach, mich als Teil von etwas zu fühlen und etwas Ehrenwertes zu tun. Ich suchte nach einem tieferen Sinn im Leben—nach etwas, das sich außerhalb der banalen Existenz befand, mit der so viele Arbeiterfamilien in meiner Nachbarschaft ihre Probleme hatten. Anstatt mich einfach dem Trübsinn der Gemütlichkeit hinzugeben, wollte ich etwas zu sagen haben. Eine Wendung des Schicksals präsentierte mir dann eine praktische Möglichkeit, wie ich diese Bedürfnisse erfüllen konnte.

An dem Abend, an dem ich Clark Martell traf, war es mit meiner jugendlichen Unschuld schlagartig vorbei.

Ich stand verträumt in der kleinen Straße vor meinem Zuhause und war ziemlich bekifft, als der Lärm eines heranbrausenden Autos die Stille durchbrach. Ein mattschwarzer 1969 Pontiac Firebird kam kreischend und mit rutschenden Reifen neben mir im Schotter unter dem gelben Schein der Straßenlaterne zum Stehen. Die Beifahrertür sprang auf und ein älterer Typ mit rasiertem Schädel und schwarzen Stiefeln kam direkt auf mich zu. Er war weder ungewöhnlich groß, noch anderweitig von besonders beeindruckender Statur, aber seine Kurzgeschorenen Haare und die glänzenden Stiefel strahlten definitiv Autorität aus. Über seinem strahlend weißen T-Shirt trug er scharlachrote Hosenträger, die seine Domestos-Jeans oben hielten.

Er blieb nur wenige Zentimeter vor mir stehen und beugte sich zu meinem Gesicht. Seine wachsamen, grauen Augen fixierten meine. Das Weiß um seine granitfarbenen Pupillen sah alt aus—von der Zeit gezeichnet, verbittert. Ohne seinen Mund wirklich zu öffnen, sagte er leise, in einem Jetzt-hör-mir-mal-ganz-genau-zu-Ton: „Weißt du nicht, dass du hier genau das machst, was die Kapitalisten und die Juden wollen, damit sie dich gefügig halten können?"

Da ich nicht exakt wusste, was zur Hölle ein Kapitalist war oder was er hier genau mit „gefügig" meinte, nahm ich reflexartig einen schnellen Zug von meiner Tüte und hustete ihm unwillkürlich den Rauch direkt ins Gesicht.

Mit beeindruckender Geschwindigkeit gab mir der Typ mit einer Hand einen Klaps auf den Hinterkopf und schnappte mir mit der anderen den Joint von meinen Lippen und zerdrückte ihn unter seinen glänzenden Doc Martens.

Ich war fassungslos. Bis jetzt hatte nur mein Vater mich so geschlagen.

Der stoppelige Mann mit dem scharfkantigen Kinn richtete sich auf, packte mich fest bei den Schultern und zog mich nah an sich heran. „Ich bin Clark Martell, mein Sohn, und ich werde dir dein verdammtes Leben retten."

Wie angefroren stand ich dort und bewunderte ihn voller Angst—den Mann mit dem rasierten Schädel und den glänzenden, hohen Stiefeln, der mein Leben retten würde. Dieser Mann war der erste Anführer einer Gang von Neonazi-Skinheads in Amerika und hier vor meinen Augen wurde die White-Power-Skinhead-Bewegung geboren—genau hier, in der gleichen dreckigen Nebenstraße eines Vorortes von Chicago, durch die ich Tausende Male mit meinem Fahrrad gefahren war.

So schnell wie Martell angekommen war, stieg auch wieder in das tosende Biest, raste die Gasse wie ein brennender Phönix entlang und ließ mich in einer Wolke aus Abgasen und Verwunderung zurück.

Nein, ich musste nicht lange überlegen, um die Entscheidung zu fällen, mein Teenager-Ich mit dem geringen Selbstwertgefühl und den ganzen Schwächen gegen das einer Person mit Macht einzutauschen. Einen Monat später radelte ich von einem Baseballspiel mit Freunden nach Hause und drei schwarze Jungs aus einem anderem Stadtteil hielten mich an und schlugen mich zusammen. Sie klauten mir mein neues, schwarz-rotes Schwinn Predator mit Alurädern, das ich mir erst ein paar Wochen davor von meinem Geburtstagsgeld gekauft hatte. Ich erinnere mich nicht mehr an viel von diesem Tag, nur dass ich sauer und von mir enttäuscht war, weil ich nicht mehr für mein neues Rad gekämpft hatte. Ich war unglaublich zornig, dass jemand so einfach in meine Nachbarschaft kommen und sich nehmen konnte, was eindeutig mir gehörte.

Und, wie ein Löwe, war Martell wieder da, um mich aufzulesen—um mich zu retten. Als er mich bald darauf zu einer „Party" einlud, ergriff ich, das blaue Auge war noch frisch, sofort die Gelegenheit.

Als ich dort ankam, hatten sich fast 30 Menschen, die meisten von ihnen Anfang 20, in die kleine Wohnung gequetscht: Skinheads aus Michigan, Wisconsin, Texas und Illinois. Diverse Leute aus der Gegend, die mir vage bekannt vorkamen, waren auch dabei. Mit 14 war ich aber der mit Abstand jüngste von allen.

Jemand drückte mir eine kühle Dose Miller High Life in die Hand. Ich fühlte mich zwar schon allein durch meine Anwesenheit hier berauscht und obwohl ich noch viel zu jung zum Trinken war, sah keinen Grund, warum ich diese Demonstration von Akzeptanz ablehnen sollte. Überall, wo ich hinschaute, sah ich rasierte Schädel, Tattoos, Stiefel und Hosenträger. Naziflaggen dienten als Vorhänge. Armbinden mit Hakenkreuzemblemen gab es zu Hauf. Ein paar hart aussehende Mädels lagen in den Armen von einigen der größeren Kerle—so erkannte man auch schnell, wer hier das Sagen hatte.

Noch bevor ich mein erstes Bier geleert hatte, brachte ein muskulöser Skin mit einem von Pockennarben übersäten Gesicht und einer großen Hakenkreuztätowierung am Hals etwas Ordnung in das Treffen. Aufrecht in der Ecke des Wohnzimmers stehend verkündete er ein paar simple Worte—Worte, die ich am Ende dieser Nacht in und auswendig kennen sollte—ein Bekenntnis, das die nächsten sieben Jahre meines Lebens bestimmen würde.

„Vierzehn Worte!", donnerte es aus seinem Mund.

Sofort drehte sich jeder in dem Raum zu ihm. Jede Unterhaltung verstummte und wie aus einem Mund kam die Antwort: „We must secure the existence of our people and a future for white children."

Im ganzen Zimmer schossen die Arme zu Hitlergrüßen hervor. Auch ich streckte etwas verwirrt meinen Arm aus.

Für über eine Stunde pochte mein Herz vor lauter Bestimmungsgefühl, während ich fasziniert dort stand und den leidenschaftlichen Reden lauschte, die ich schon bald im Schlaf rezitieren können sollte.

Eine umgedrehte und teilweise verbrannte Amerikaflagge hing an der Wand neben dem Redner, während er mit fester Hand seine Bierdose umschloss und laut sprach: „Unsere verräterische Regierung will euch glauben lassen, dass die Gleichheit der Rassen Teil des fortschrittlichen Denkens ist, meine Brüder und Schwestern—dass alle Rassen miteinander in Friede und Harmonie leben sollen. Was für eine Scheiße! Schaut euch nur mal um. Öffnet eure Augen und lasst euch nicht verarschen. Was seht ihr, wenn Nigger in eure Gegend ziehen? Ihr seht, wie Drogen und Verbrechen eure Straßen überschwemmen—keine Gleichheit. Eure Rinnsteine füllen sich mit Müll. Die Luft fängt an zu stinken, weil diese Veranda-Affen nichts anderes tun, als den ganzen Tag herumzusitzen, Crack zu rauchen und ihre Junkie-Nutten zu schwängern. Aufräumen ist denen egal.

Das einzige, worum die sich kümmern, ist das ganze harterarbeitete Geld, von dem ihr und ich auch noch Steuern zahlt. Die leben von Sozialhilfe, haben keine Arbeit, sind die Ersten in der Schlange für jedes Hilfsangebot, das sich unsere Regierung leisten kann: Sozialwohnungen, kostenloses Mittagessen in Schulen. Der einzige Grund, warum die kleinen Niggerbabys überhaupt zur Schule gehen, ist der, dass sie dort kostenloses Essen und Sozialhilfe bekommen. Alles von uns Weißen bezahlt—von hartarbeitenden weißen Amerikanern, die nie im Traum daran denken würden, ihre Kinder kostenlose Mahlzeiten essen zu lassen. Wir können uns nämlich um uns selber kümmern.

Und während wir uns bis auf die Knochen abarbeiten, verkauft dieser rassisch-minderwertige Abschaum Drogen an unsere kleinen Brüder, um sie dumm zu machen. Sie verkaufen ihnen Stoff, damit ihre Zähne verfaulen und sie mit 16 aussehen wie 60. Unsere Brüder geraten dann in das Kreuzfeuer der Gangs und sterben durch die Hände dieser Verbrecher.

Sie machen sie abhängig von Drogen, damit unsere unschuldigen arischen Frauen sie für ein kleines bisschen von der bösartigen Substanz, mit welcher sie sie auch immer angefixt haben, ficken. Glaubt ihr wirklich, dass sie diesen Müll nur verkaufen, um reich zu werden und sich Cadillacs und Goldketten zu kaufen? Wacht endlich auf, Brüder und Schwestern! Die verkaufen dieses Gift, um weiße Kinder genau so dumm wie ihre Drecksbrut zu machen. Sie wollen unsere Leute innerlich so töten, dass sie alles rauchen und durch die Nase ziehen, was sie in die Finger bekommen können—dass sie sich Drogen in die Arme und zwischen ihre Zehen jagen. Sie wollen sehen, wie unsere Leute sich die Gehirnzellen zerstören und im Gefängnis enden, wo sie von mexikanischen Vergewaltigern durchgenommen werden, die dort einsitzen, weil sie unschuldige weiße Frauen ermordet und vergewaltigt haben.

Und wer verleitet diese degenerierten Tiere dazu, unsere Rasse zu zerstören? Die Juden und die zionistisch besetzte Regierung. Die sind es!" An diesem Punkt ging der Redner dann in eine flammende Rede gegen Juden über, die ich nach diesem Abend bei jeder Demonstration hören sollte, die ich besuchte—allerdings nie mehr mit einer solchen Leidenschaft vorgetragen. Die Sehnen an seinem Hals sahen aus, als ob sie gleich reißen würden und in seinen Mundwinkeln sammelte sich Schaum. In seinen Augen glühte der Hass. Selbstgerechtigkeit. Empörung. Die Wahrheit.

Er endete seine Rede, wie er sie begonnen hatte. „Vierzehn Worte, meine Familie! Vierzehn heilige Worte."

Adrenalin brannte in mir wie Feuer und verbreitete sich in meinem Körper—unterbrochen von gelegentlichen Angstschweißausbrüchen—von Kopf bis Fuß, während der ätzende Gestank rassistischer Rhetorik den Raum erfüllte. Ich war bereit, meinen Bruder, meine Eltern, meine Großeltern, meine Freunde und jede anständige weiße Person auf diesem Planeten zu retten. Wie konnten die anderen Weißen nicht sehen, in was für einer absolut verzweifelten Situation sie sich befanden? Die Rettung würde mir und meinen Gleichgesinnten überlassen sein. Es war eine gigantische Aufgabe, aber ich hatte keinen Zweifel, welcher Seite meine Loyalität gelten würde.

Auch wenn diese Nacht das Fremdartigste und Intensivste war, was ich bis dahin erlebt hatte, war ich sofort begeistert. Diese White-Power-Skinhead-Kultur sagte mir zu, obwohl ich auch wusste, dass ich nicht wirklich wie die anderen in dem Raum war. Ich stammte nicht aus einer kaputten Familie. Ich wurde nicht erzogen, andersartige Menschen zu hassen, und mir wurde beim Heranwachsen auch keine „Wir gegen die"-Mentalität eingebläut. Aber mein Herz schlug vor lauter Begeisterung. Mehr denn je wollte ich Teil dieser Sache sein. Es war einfach überwältigend.

Über die nächsten sieben Jahre wurde ich zu einem absoluten Rekrutierungs-Talent. Ich indoktrinierte ein zartes Pflänzchen junger Extremisten nach dem anderen. Ich gründete zwei Nazibands—White American Youth und Final Solution—und die Musik wurde schließlich zum Propagandawerkzeug meiner Wahl.

Es brauchte nicht viel Können, um einen Teenager mit einer beschissenen Familiensituation auszumachen. Jemanden, der kaum Freunde hatte. Der gehänselt wurde. Der an den Rand gedrängt wurde. Der sich einsam fühlte. Wütend war. Keine Kohle hatte. In einer Existenzkrise steckte. Jemanden, der aussah, als ob das Glück nie auf seiner—oder ihrer—Seite gestanden hätte. Verwickle ihn in eine Unterhaltung. Finde heraus, worauf er sauer ist. Biete dich an.

„Ich weiß genau, wie das ist. Wenn dein Vater nicht seinen Job verloren hätte, dann würde das ganz anders aussehen. Aber die Minderheiten haben hier die ganzen Jobs. Die genießen alle Vorteile. Ziehen in unsere Nachbarschaften und leben von Sozialhilfe. Unsere Eltern gehen jeden Tag zur Arbeit, damit wir Essen auf dem Tisch haben, während die ganzen faulen Schwarzen und Mexikaner quasi im Schlaf Sozialhilfe kassieren."

Wenn ich mir alte Fotos meines früheren Ichs anschaue, starrt mich die leere Hülle eines Mannes—eines Fremden—an, der voll mit diesem Gift ist.

Weil ich so geblendet war—zu sehr von meinem eigenen, aufgeblasenen Ego eingenommen war, um auf meine eigenen emotionalen Bedürfnisse achtzugeben, begann ich damit, die Schuld für persönliche Problem in meinem Leben auf andere zu schieben—Schwarze, Schwule, Juden und alle anderen, die anders schienen als ich selbst—Probleme, mit denen diese Menschen gar nichts zu tun haben konnten. Meine unbegründete Panik manifestierte sich schnell und unrechtmäßig in abgrundtiefem Hass. Ich wurde von denjenigen radikalisiert, die in mir einen einsamen Teenager sahen, der reif war, geformt zu werden. Und weil ich so verzweifelt auf der Suche nach einem tieferen Sinn war—nach einer Möglichkeit, der ganzen Banalität des Alltags zu entkommen—, verschlang ich begeistert jeden kleinen Krümel, der mir hingeworfen wurde und auch nur irgendwie etwas mit Größe zu tun hatte. Ich machte ihn zu einem Teil meiner Identität und ließ ihn meinen eigenen Charakter verdrängen. Eben den Charakter, der mir als Kind so leid geworden war. Durch meine fehlgeleitete Feindseligkeit wurde ich allmählich zu einem großen, fetten, rassistischen Bully—schwer übergewichtig von den unzähligen Lügen, die diejenigen in mich reingestopft hatten, die mein junges Alter, meiner Naivität und meine Einsamkeit auszunutzen wussten.

Ein Drittel meines Lebens, fast jedes einzelne meiner prägenden Teenagerjahre, fraß und schluckte ich dankbar jeden einzelnen, widerlichen Bissen dieser verdrehten Weltanschauung. Und als ich dann endlich den Mut fand, um zu erkennen, dass jede einzelne „Wahrheit", die mir gefüttert—und von mir dann auch anderen aufgezwängt—worden war, eine absolute und kranke Lüge war, fühlte ich mich nur noch danach, mir die Finger in den Rachen zu stecken und die ganze Scheiße in das nächste Klo zu kotzen.

Selbst jetzt, 20 Jahre nachdem ich die Bewegung verlassen habe, die ich selber mit aufgebaut hatte, blitzen Erinnerungen an diese sieben dunklen Jahre noch immer durch meinen Kopf und machen mich wütend. Wenn ich mir alte Fotos meines früheren Ichs anschaue, starrt mich die leere Hülle eines Mannes—eines Fremden—an, der voll mit diesem Gift ist. Weil aber krankes Unkraut noch immer aus der giftigen Saat sprießt, die ich all die Jahre zuvor verbreitet habe, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, es auszureißen, sobald ich es aufkeimen sehe.

Der Autor im Erwachsenenalter | Foto: Mark Seliger

Wie die meisten Leute, die dem Charisma anderer Menschen erliegen, habe auch ich nach dem Hören all dieser „weißen Lügen" immer nur nach Hinweisen darauf gesucht, dass mein Anwerber richtig und nicht falsch lag. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann schnürt es mir richtig die Kehle zu. Wie konnte ich nur so dumm sein? So naiv? So Mitleidslos den Schmerzen gegenüber, die ich unschuldigen Leuten ohne Zögern zufügte? Ich hatte mein natürliches Mitgefühl gegen Akzeptanz getauscht. Ich verwechselte Hass und Einschüchterung mit Leidenschaft—Angst mit Respekt.

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Als ich zu dieser Erkenntnis kam, begann für mich ein neues Leben. Als ich endlich an diesen Punkt gekommen war, an dem ich endlich all die Lügen von mir weisen konnte, die ich irgendwann mal geglaubt hatte, setzte auch der Wandel ein. Als ich wieder zu dem Mitgefühl wiederfand, das ich als Kind verspürt hatte, und Hilfe von anderen akzeptierte—als ich sie wohl am wenigsten verdient hatte—, verschwand auch der Hass wieder und mein verzerrtes Weltbild ergab keinen Sinn mehr. Nachdem ich sieben Jahre lang nicht ehrlich zu mir gewesen war, hatte ich endgültig die Nase voll davon, irgendwelche Lügen zu verbreiten und meine Ängste zu verstecken. Es war an der Zeit, mich der Wahrheit zu stellen. Also drückte ich das Gaspedal voll durch und fuhr metaphorisch über den Rand einer steilen Klippe. Und da ich Vollgas gab, war es unausweichlich, dass meine inneren Dämonen ihren Tod finden würden. Nur dann, also wenn ich diesen schmerzhaften, symbolischen Tod zulassen und mein altes Ich an den Felsen zerschellen würde, könnte ich auch dabei zusehen, wie der neugeborene Phönix aus der Asche emporsteigt und seine Flügel ausbreitet.

Adaptiert aus Romantic Violence: Memoirs of an American Skinhead von Christian Picciolini. Picciolini ist ein ehemaliger Neonazi-Skinhead und Extremist; heute setzt er sich für den Frieden ein. 2010 gründete er die gemeinnützige Organisation Life After Hate, um die Öffentlichkeit über die Probleme von Rassismus, Radikalisierung und Entradikalisierung aufzuklären. Hier kannst du ihm bei Twitter folgen.