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Popkultur

Die „Seen Zone“ ist ein schreckliches neues Beziehungsphänomen

Die Seen Zone kommt direkt aus der Hölle des 21. Jahrhunderts und wir können nichts dagegen tun.
schwarz/weiß Collage von Mann und Frau
VICE Media

Wir leben in einer Kontroll- und Informationsgesellschaft. Und damit meine ich nicht nur die staatlichen und überstaatlichen Institutionen, die uns kontrollieren, überwachen und bewachen, um Informationen über uns zu sammeln. Angefangen mit der Kundenkarte im Supermarkt, die dein Konsumverhalten speichert, bis hin zu Nacktscannern am Flughafen. Wir wissen mehr als vor 20 Jahren.

Wir haben jederzeit Zugang zu einem erweiterten Hirn, da draußen im Internet. Wir kontrollieren uns auch mehr als vor 20 Jahren. Wir kontrollieren uns selbst und andere, weil wir Zugang zu mehr Wissen haben. Wir wissen, dass es einfach nicht sehr smart ist, jeden Tag Fleisch zu essen, also kontrollieren wir unser Essverhalten.

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Wir wissen dank Facebook nach dem ersten Kennenlernen Dinge, die wir sonst nicht wüssten: Musikgeschmack, Freunde, Einstellungen. Was ich damit sagen möchte: Information und Kontrolle sind zwei Dinge, die nicht immer getrennt zu betrachten sind. Und schon gar nicht in der Seen Zone. Geseenzonet wirst du, wenn du gesehen hast, dass jemand deine Nachricht gelesen hat, aber nicht antwortet. Und unter gewissen Umständen leiden wir alle unter einem „gesehen 16:07".

Das heißt auch, dass zwei blaue Häckchen auf WhatsApp negative Gefühle in uns auslösen können. Natürlich kann das Ego einen Knacks bekommen, wenn Freunde und berufliche Kontakte nicht sofort antworten. Aber damit können wir Geschöpfe des Internetzeitalters schon umgehen. Freunde nervt man einfach weiter, berufliche Kontakte ruft man an. Das wahre Problem erfasst Urban Dicitionary mit einem Beispiel: Terry: Hey =)

Hot Chick: hey.
Terry: What Doing =D
**seen**
Terry: seenzoned :'(

Wir leben in einer Zeit, in der manche Menschen das Daten, die Sexbeziehung oder in krassen Fällen auch die Beziehung beenden, indem sie sich nicht mehr melden. Wir leben in einer Zeit, in der wir niemanden stressen wollen und uns genau deshalb selbst stressen. Als ob amouröse Beziehungen an sich nicht stressig genug wären. Wir haben viel mehr Kommunikationsmittel als damals, aber wir reden immer weniger miteinander. Wir reden nicht darüber, was wir uns erhoffen und wünschen.

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Und wir reden nicht über uns. Könnte ja stressen. Wir smalltalken miteinander, schicken vielleicht ab und zu zweideutige Anspielungen, zwinkern im Internet, während wir zittern. Und wenn wir kurz denken, dass das Interesse des Gegenübers geweckt ist, zittern wir weiter. Darf ich jetzt stressen? Wieso deutet sie nichts an? Was, wenn er auf Tinder jemanden findet, der besser ist?

Die Seen Zone beschreibt also das, was mit unseren Beziehungen in der heutigen Zeit passiert. Heute kann dich eine automatische, maschinelle Benachrichtigung abservieren, dein Herz rausreißen und dich in ein Meer der Unsicherheiten stürzen. Heute sagen dir Facebook und WhatsApp, ob du von einem Menschen eventuell nie wieder etwas hörst. Man kann nämlich nie wissen—vor allem am Anfang nicht—, ob der Mensch einfach das Interesse verloren oder tatsächlich etwas zu tun hat.

Ich sehe die Neuerung, ob er oder sie die Nachricht gesehen hat, nicht als den neuen Stressfaktor—als das, was uns so schrecklich fertig macht. Ob man in den 90ern am Telefon auf den Rückruf wartet, in den 00er Jahren vor MSN sitzt, um zu sehen, wann das Ziel online ist und wie lange, oder ob man eben manisch im 30-Minuten-Takt schaut, ob die Nachricht gesehen worden ist—es macht für einen selbst kaum einen Unterschied.

Kaum deshalb, weil es doch einen kleinen Unterschied gibt: Weil „gesehen um" bedeutet, dass er oder sie eben nicht einfach die Nachricht übersehen hat. „Gesehen" lässt keine Ausreden mehr zu und trotzdem findet man welche, wenn man sie sucht. Man hat sie fürs Festnetz gefunden, für Briefverkehr—man findet sie auch für Apps. Auch für den „Gesehen"-Stempel. Übrigens weiß jeder von uns, wie man Nachrichten sieht, ohne dass die Bestätigung darüber dem Anderen geschickt wird.

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Fakt ist: Der Mensch, der sich nicht sofort zurückmeldet, wartet offensichtlich nicht gierig auf eine Nachricht. Fakt ist auch: Das, was uns so fertig macht, ist die Einstellung zu unseren sozialen Beziehungen und die Wertung dieser. Jeder, der darunter leidet, hat auch schon einmal Andere leiden lassen—so meine mutige These. Jeder hat schon einmal (un)absichtlich einen heimlichen Verehrer auf eine Antwort warten lassen oder nur Sex haben wollen, wo Gefühle erwartet wurden.

Jeder von uns hat schon mal gespürt, dass man mehr gemocht wird, als man zurück mag, und es war uns in dem Moment egal. Für das Ego und die Aufklärung der Gefühlslage haben wir herausgezögert oder sogar initiiert. Vielleicht haben wir aus Bequemlichkeit auf die Aufklärung verzichtet und einfach den Kontakt abgebrochen. Und unsere Energie dafür verwendet, beim Facebook-Chat zu schauen, wie viele Stunden es her ist, dass dieser eine Mensch online war.

Jeder reagiert anders auf diese Kontroll- und Informationsmechanismen in der (anfänglichen) Liebe. Ich gehe zum Beispiel gar nicht erst das Risiko ein, geseenzonet zu werden. Ich habe einfach die Regel, dass ich Männer, die mich interessieren, nicht anschreibe. Bin ich geschützter vor einem gebrochenen Ego und Herz? Nein, natürlich nicht. Ich sitze genauso da, schau mir an, wann er zuletzt online war und male mir schlimme Szenarien aus, wenn mir nicht geschrieben wird oder der Typ lange offline ist.

Ein Freund reagiert auf Seen Zone einfach mit noch mehr Nachrichten. Er weiß genau, was er da tut, und obwohl wir gegenteilig reagieren, sind wir in Wahrheit auf dem selben Erbärmlichkeitslevel. Wir leiden beide. Nur dass er, wenn es mal endgültig aus ist, oder das letzte Mal für immer „gesehen um 16:07" als Endpunkt der Konversation stehen bleibt, erhobenen Hauptes aus der Situation gehen kann. Er hat es versucht.

Der wahrscheinlich größte Feigling in diesen Belangen ruft zu mehr Mut auf. Mut, das zu sagen, was man möchte, Mut zu schreiben und auch anzurufen, Mut, sich auch einmal zu verlieben und das Risiko einzugehen, dass man nicht zurückgeliebt wird. Genauso aber auch den Mut aufzubringen, wenn man eigentlich sagen möchte, dass man nichts empfindet.

Fredi auf Twitter: @schla_wienerin