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Sport

​Wettkampfsport ist nicht halb so gut für Kinder, wie ihr denkt

Erwachsene haben eine Idealvorstellung vom Wettkampfsport, die einfach nicht der Realität entspricht.
13.2.16

Foto: Henry Burrows | Flickr | CC BY 2.0

Es fing eigentlich ganz harmlos an. Ich war ein Baby und Babyschwimmen war im Trend. Außerdem war meine Rückenmuskulatur etwas schwach und der Arzt verordnete meiner Mama Babyschwimmen für mich. Aus Babyschwimmen wurde Kinderschwimmen. Aus Kinderschwimmen wurde dann Wettkampfschwimmen. Diese Entscheidung habe ich nicht getroffen—genauso wenig wie die der Taufe, des Klavierunterrichts und des ewigen Kurzhaarschnitts.

Meine Eltern dachten, sie machen das Beste für ihre verwöhnte Tochter. Der Gedankengang—auf den sie bis heute bestehen—ist etwa so: „Sie wird Disziplin lernen. Sie wird lernen, wie man verliert und wie man gewinnt. Außerdem hat sie so mehr neue Freunde. Und sportlich wird sie auch für immer bleiben. Beim Schwimmen kann sie sich mit ihrer tollpatschigen Art auch nicht verletzen." Nichts ist von der tatsächlichen Realität weiter weg.

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Nicht nur, dass ich lebenslang auf meinem Kinn eine Narbe habe, weil ich beim Startsockel ausgerutscht bin. Ich habe auch noch diverse Gehirnzellen beim Aufprallen mit dem Beckenrand verloren. Dazu kamen diverse Hautinfektionen, weil ich ja täglich im vollgepissten Chlorwasser geschwommen bin. Nach und vor dem Training haben wir uns verdroschen. Aber gut, das haben meine Eltern ja nicht wissen können.

Die Wettkampf-Gruppe bestand aus zwei Arten von gestörten Kindern. Die erste Gruppe nenne ich mal „Die Naturgestörten". Das waren Kinder, die gerne jeden Tag—später sogar zweimal am Tag—das harte Training besuchten. Die zweite Gruppe waren „Die Fremdgestörten". Das waren Kinder, die das Training verabscheuten und lieber Pokémon geschaut hätten. Sie wurden trotz bitteren Heulanfällen von ihren Eltern ins Training geschickt—das waren damals viele slawische Kinder, aber auch konservative Mittelschicht-Kinder. Die Kinder der linken Mittel- und Oberschicht haben in meinen Kursen immer sehr früh aufgegeben.

Meine Trainer waren grundsätzlich keine Menschen, die gerne mit Kindern gearbeitet haben. Da gab es den einen Russen, der nur geschrien hat und ständig von Olympia sprach. Dann einen Österreicher, der grundsätzlich nur dagesessen ist und Kaffee getrunken hat. Dann einen Serben, der auch einen Olympia-Komplex mit sich trug und fand, dass es OK ist, Kinder am Ohr zu ziehen, wenn sie zu langsam sind. Dann wieder eine frustrierte Österreicherin, die keine Scheu davor hatte, Zehnjährigen zu erklären, wie kaputt nicht der österreichische Sportverband ist. Gemeinsam hatten sie nur eines: Keine pädagogische Ausbildung und eine unerfüllte Schwimmerkarriere.

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Ich war 12, als ich das erste Mal gehört habe, dass mein Arsch fett ist. Ich bin nach einer gesundheitsbedingten Pause wieder ins Training zurückgekommen. Meine anfänglich nur leicht breiteren Hüften waren meinem russischen Trainer ein Dorn im Auge. Kommentiert hat er meinen Arsch vor der Gruppe: „Fett schwimmt oben, aber das nix gut." Ich war zu dem Zeitpunkt 172 Zentimeter groß und wog 60 Kilo. Ich bin aufs Klo gegangen und habe geweint—es folgten regelmäßige Kommentare zu meinem Körper.

Eine leichte bis schwere Ernährungsstörung haben sich alle in der Gruppe aufgerissen—aber es erwischte natürlich vor allem die Mädchen. Von anderen Sportlern, wie zum Beispiel Kunstturnern oder Volleyballern weiß ich, dass sich das Schema der Ernährungsstörung durchzieht. Das Gewicht ist nämlich in fast jeder Sportart wichtig. Und wird vor allem bei Frauen in der Pubertät von Trainern zum zentralen Kritikpunkt gemacht.

Wenn man seinen Lebensinhalt mit Sport und Trainings füllt, ist die natürliche Folge, dass man auch gerne gewinnt. Schwimmen ist eine Einzelsportart—wir haben uns angespuckt, gekratzt, am Bein nach hinten gezogen und uns nicht gefreut, wenn jemand anders aus der Gruppe besser abgeschnitten hat als man selbst. Statt sich die Schmach der Trainingspause zu nehmen, haben viele lieber ins Becken gepinkelt. Dem Hintermann ins Gesicht.

Verlieren konnte niemand von uns. Ich kann es nach wie vor nicht. Es war eher so, dass ich schon als Kind cholerisch bei Monopoly wurde—Gewinnen wurde zum Zwang. Immerhin arbeitet man auch hart, um zu gewinnen und wenn man mal nicht gewinnt, sieht man die Enttäuschung des Trainers, der Eltern und die Schadenfreude der Kollegen. Dieses Muster war auch in anderen Schwimmvereinen erkennbar—wenn man das „Disziplin lernen" nennen möchte, dann ist man vermutlich auch froh darüber, wenn die eigenen Kinder so werden.

Wenn jemand aus der Gruppe müde war, einen geschwollenen Fuß hatte oder länger gebraucht hat, wurde er automatisch von uns gehasst.

Dann gab es ja noch die Trainingslager, dort bin ich zwischen acht und 14 hingefahren. Eltern fieberten den Trainingslagern entgegen—was ist besser als für ein bis zwei Wochen sein Kind für einen höheren Zweck wegzuschicken? Sport, Freunde, keine Verantwortung—Trainingslager waren das Paradies unserer Eltern. Im Endeffekt kann ich dazu nur sagen, dass wir schlechten Fraß vorgesetzt bekommen haben, oft in einer Turnhalle am Boden schlafen mussten und meistens ein neuer und sadistischer Trainer mitgefahren ist.

Kollektivstrafen um Mitternacht waren keine Seltenheit. Zu den Kollektivstrafen gehörte auch, dass man so lange Runden laufen musste, bis jeder unter der festgelegten Zeit war. Wenn also jemand aus der Gruppe müde war, einen geschwollenen Fuß hatte oder länger gebraucht hat, wurde er automatisch von uns gehasst. Auch sehr beliebt waren Liegestütze, eine Stunde länger Training und andere Grausamkeiten, die wir einfach hingenommen haben. Hinterfragen wurde als frech abgestempelt und führte zu einer Kollektivstrafe.

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Bestraft wurde man auch, wenn man mit Fast Food oder Süßigkeiten erwischt worden ist. Außerdem gab es Strafen für sexuelle Annäherung—ich rede hier vom Unterstufen-Alter. Und den Trainingsgruppen gab es generell sehr früh zu sexuellen Annäherungen. Heimlich zusammen Softpornos im Fernsehen zu schauen, war das geringste Übel. Natürlich waren nicht alle frühreif, aber im Gegensatz zu meiner damaligen Schulklasse war der Prozentsatz extrem hoch. Obwohl die Trainer diese Vorfälle bestraft haben, haben sie nie etwas zu unseren Eltern gesagt.

Auch Alkohol, Zigaretten und alles, das unsere kaputten Köpfe stillhalten konnte, waren schon sehr früh im Umlauf. Wenn man mehrere Jahre lang, jeden Tag dieselben Kinder sieht, die eigentlich auch Konkurrenten sind, dann macht das etwas mit der Psyche. Heute hat niemand von uns Kontakt zueinander. Unsere Eltern dachten, wir seien einfach faul und wollen nicht ins Training, wenn wir uns beschwert haben.

Die meisten von uns haben mit 14 oder 15 aufgehört. Das ist zirka das Alter, in dem andere Sachen wichtiger werden als Träume von Trainern oder Eltern. Und man auch stark genug ist, um durchgehend zu schwänzen und einfach nicht mehr hinzugehen. Manche sind heute arbeitslos und haben nichts von der besagten Disziplin mitgenommen. Andere haben nie wieder trainiert, wieder andere haben eine intensive Phase mit Alkohol hinter sich. Ein paar wenige haben es noch länger versucht, den Durchbruch hat niemand geschafft. Ich glaube nicht, dass jemand von uns noch gerne ins Becken springt. Oder Leistungssport macht.

Natürlich kann es auch pädagogisch wertvolle Trainingsgruppen oder Sportarten geben. Aber ab einem gewissen Level glaube ich dann doch nicht an ein Training, dass die Psyche nicht zersetzt—vor allem, wenn die Psyche noch gar nicht entwickelt ist. Im Sportzentrum habe ich nämlich alle möglichen Arten von Sportlern getroffen. Auf Wettkämpfen mit anderen gesprochen. Nichts desto trotz gibt es auch viele Vorteile—die hier nicht erwähnt worden sind. Meine Noten waren, während ich geschwommen bin, super. Pisse im Schwimmbad macht mir wenig aus und auch sonst bin ich ziemlich abgehärtet. Nur Monopoly kann man nicht mit mir spielen.

Fredi ist auch auf Twitter: @schla_wienerin