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Wie es ist, gegen Sperma allergisch zu sein

Wir haben eine betroffene Frau darum gebeten, uns zu erklären, wie sich dieses seltene Leiden auf ihr Leben und auf ihre Beziehungen auswirkt.

von Louise Doherty
15 Januar 2016, 5:00am

Illustration: Tuesday Bassen


Titel-Illustration: Tuesday Bassen

Dieser Artikel ist zuerst bei Broadly erschienen.

Eine Spermaallergie kommt zwar nur selten vor, aber es gibt sie wirklich. Vielleicht nicht so selten, wie du es dir jetzt vielleicht vorstellst, aber selten genug, dass die erste Reaktion der meisten Leute auf dieses Leiden am ehesten ein herzliches Lachen ist.

Wie der geneigte VICE-Leser durch einige Fälle von Männern, die gegen ihre eigene Wichse allergisch sind, bereits weiß, handelt es sich bei dem Ganzen um eine tatsächliche Krankheit. Natürlich ist es kein Spaß, als Mann auf seine eigenen Körpersäfte allergisch zu reagieren, aber zumindest ist man die einzige Person, die davon direkt betroffen ist.

Für die Frauen, deren Körper etwas gegen die Leben in sich tragende Flüssigkeit haben, ist eine Spermaallergie allerdings noch mal etwas ganz Anderes.

Bei der 29-jährigen Laura* wurde vor zwei Jahren eine solche Spermaallergie diagnostiziert.

„Es klingt vielleicht verrückt, aber mir ist das erst aufgefallen, als ich schon 27 war. Mit 17 Jahren bin ich einfach ganz naiv davon ausgegangen, dass das Stechen, der Juckreiz und der Ausschlag bei meinem ersten Partner einfach ... normal seien", erzählt uns Laura. „Ich machte mir viel mehr Sorgen darüber, dass die Pille mich in einen fetten, mit Akne übersäten Hormon-Werwolf verwandeln würde."

„Mit 25 hatte ich dann meine erste richtige Beziehung. Mein Freund und ich lieferten uns einen unangenehmen, zwei Jahre andauernden Kampf, denn er wollte keine Kondome benutzen und ich wollte nicht meinen Verstand verlieren oder mein Gesicht in einen brodelnden Eiterherd verwandeln. Also einigten wir uns auf die Rauszieh-Methode. Die ist übrigens quasi genauso zuverlässig wie Kondome, das will bloß niemand wirklich zugeben."

„Mir fiel auf, dass ich mich nach dem Sex innerhalb von fünf Minuten saubermachen muss, damit meine Haut nicht so aussieht, als wäre ein zurückgebliebenes Kleinkind mit einem roten Wachsmalstift auf mich losgegangen. Ich ging von einer Geschlechtskrankheit aus, was in Bezug auf meine Beziehung viele Fragen aufwarf. Wir ließen uns beide testen, aber alle Ergebnisse fielen negativ aus. Wir befanden uns in einer Sackgasse." „Stundenlange Google-Recherche brachte mich schließlich zur Hypersensibilität bei menschlicher Samenflüssigkeit."

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1958 wurde der erste Fall von Spermaallergie dokumentiert. Seitdem hat es rund 100 weitere bestätigte Fälle gegeben. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass das Ganze viel gängiger sein könnte als eigentlich angenommen. Verständlicherweise fällt es Frauen nicht leicht, so etwas zuzugeben, denn sie befürchten, mit einer Handvoll Antibiotika und einem herablassenden Lächeln wieder fortgeschickt zu werden.

Laura ist genau das widerfahren: „Mein Arzt musste sich echt anstrengen, nicht zu grinsen, und drückte mir einfach nur ein paar Broschüren über Geschlechtskrankheiten in die Hand. Im Gegenzug reichte ich ihm eine von Fachleuten geprüfte medizinische Arbeit und bekam so sowohl eine Überweisung als auch eine Entschuldigung.

Laut Dr. Rob Hicks, einem Hausarzt und dem Autor des Buches Beat Your Allergies, kommt eine Spermaallergie nur selten vor, Spezialisten kennen sich jedoch trotzdem gut damit aus: „Dabei handelt es sich um eine Reaktion des Immunsystems—wie andere Allergien eben auch. Die Betroffenen reagieren auf ein Protein, das im Sperma enthalten ist. Die Symptome beinhalten vaginale Rötung, Juckreiz, ein brennendes Gefühl und manchmal sogar richtige Schmerzen. Ganz selten kann es auch vorkommen, dass das Ganze eine Anaphylaxie zur Folge hat—also eine potenziell lebensgefährliche allergische Reaktion."

Foto: Danil Nevsky/Stocksy

„Als ich die Arztpraxis wieder verließ, musste ich erstmal laut loslachen", erinnert sich Laura. „Mir wurde klar, dass diese Diagnose wohl auch einige mysteriöse Vorfälle aus meiner Jugend erklärt. Im Alter von 15 kam es nämlich ein paar Mal vor, dass meine Handgelenke juckten sowie mit Ausschlag übersät waren und meine Lippen so stark anschwollen, dass sie meine Nase berührten. Mein Arzt hat das Ganze damals dem Schulstress zugeschrieben, aber rückblickend waren wohl eher meine ersten unbeholfenen Blowjob-Versuche die Ursache."

Antihistaminika können dabei helfen, die Reaktion abzuschwächen, aber langfristige Behandlungsmethoden gibt es nicht wirklich: „Abstinenz, Kondome oder Desensibilisierung", meint Dr. Hicks.

„Desensibilisierung bedeutet, dass man sich durch die Schmerzen kämpft, um mit der Zeit eine gewisse Toleranz aufzubauen", merkt Laura an. „Diese Toleranz bezieht sich jedoch nur auf einen Menschen. Ich kann also gegen einen Typen ‚immun' werden, nur um dann nach dem eventuellen Beziehungsende wieder von vorne anfangen zu müssen."

„Wenn ich jemanden date, wird es auch interessant, denn wann rückt man denn am besten mit einer solchen Information heraus? Es fühlt sich immer zu früh an, aber gleichzeitig will ich auch nicht an einem anaphylaktischen Schock sterben, weil das Kondom gerissen ist. So soll keins meiner Tinder-Dates enden."

Foto: Alice Nerr/Stocksy

„Die Diagnose hat eigentlich nur noch mehr Fragen aufgeworfen", seufzt Laura. „Wie zum Teufel soll ich zum Beispiel schwanger werden, wenn mein Körper das Sperma meines Partners nicht akzeptieren will?"

„Auch Frauen mit einer Spermaallergie können schwanger werden. Das Ganze verursacht mit Sicherheit keine Unfruchtbarkeit", erklärt Dr. Hicks. Was er Laura und anderen Frauen mit dem gleichen Leiden rät? „Sie sollten sich an ihren Arzt wenden, der dann womöglich eine intrauterine Insemination oder eine In-vitro-Fertilisation mit Sperma vorschlägt, bei dem die allergieauslösenden Samenproteine entfernt wurden."

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Trotz der Ungewissheit und der nicht gerade rosig aussehenden Zukunft sieht Laura in ihrer Allergie tatsächlich auch einen Vorteil: „Wenn ich mich nicht gerade in einer Beziehung befinde, ist die Allergie nur eine interessante Eigenschaft von mir. Das Ganze hat meine Lebensauffassung als Frau aber auch tiefgreifend und positiv beeinflusst."

„In unserer Gesellschaft wird einem mit wenigen Ausnahmen immer gesagt, dass eine Frau nur aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Fortpflanzungsfähigkeit etwas wert oder relevant ist. Wenn die Garantie dieser Fortpflanzungsfähigkeit jedoch nicht gegeben ist, dann versucht man, sein Leben über andere Dinge zu definieren—zum Beispiel über eine bedeutsame Arbeit, über Erfahrungen, über Beziehungen oder über die Erinnerung daran, dass nicht jede Frau den Fortpflanzungsweg einschlagen will, der einfach so für uns vorgesehen wird."

„Ich bin auf jeden Fall davon überzeugt, dass meine liberalen und feministischen Ansichten mit meiner Allergie zusammenhängen. Und darüber bin ich auch froh. Ob ich mir jedoch manchmal wünsche, ‚nur' an einer normalen Erdnussallergie zu leiden? Ja, wahrscheinlich schon."

*Name geändert

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