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Dieser Akademiker hat ein ganzes Buch über die Kultur des Anus geschrieben

„Die eine Sache, die uns eint, ist der Po. Wir alle haben einen, wir haben Zugang dazu, und wir sitzen den Großteil des Tages darauf. Das ist es, was mich daran so interessiert."
10 Februar 2016, 5:00am

Foto: Kakei.R | Flickr | CC BY 2.0

Arschlöcher sind wie Meinungen: Jeder hat eins—aber niemand hat mehr Meinungen zu Arschlöchern als Jonathan Allen.

Für den kanadischen Akademiker ist der Anus (Plural: Ani) der Schlüssel zum Verständnis von Kultur, Sprache, sozialen Ängsten, Humor, Politik und vielleicht sogar dem Sinn des Lebens. Angesichts der Tatsache, dass Hintern geschlechtsneutral sind und unzählige negative und positive Konnotationen haben, geben sie sicherlich ein faszinierendes Fachgebiet ab. Allan hat inzwischen zweieinhalb Jahre lang über den Anus recherchiert und philosophiert, und schließlich das Buch Reading from Behind: A Cultural Analysis of the Anus geschrieben. Das Buch soll Anfang März erscheinen und erforscht den Arsch sowohl in der Literatur als auch aus kulturkritischer Sicht.

Angefangen mit Sigmund Freuds Werk Charakter und Analerotik von 1908 zeigt Allan auf, warum wir, wenn wir behaupten, jemanden habe einen „analen Charakter", unserem Drang Ausdruck verleihen, den Anus „mit all seinen Freuden und Unannehmlichkeiten" zu verdrängen. Von hier aus behandelt der Autor Brokeback Mountain, den Jungfräulichkeitskomplex, anale Freuden und Gewalt sowie das Verhältnis von Gesäßen zum Kolonialismus in Kanada.

Wir haben den Professor und Canada Research Chair für Queer-Theorie an der Brandon University interviewt. Wir haben ihn über Dinge wie Twerking und das Verhältnis des Anus zu sozioökonomischen und geschlechtlichen Faktoren ausgefragt.

Dr. Jonathan Allan sagt, Kent Monkmans Gemälde „Cree Master 1" kehre die traditionelle koloniale Erzählung um | Foto mit freundlicher Genehmigung von University of Regina Press

VICE: Was meinst du mit der „Demokratisierung des Anus"?
Dr. Jonathan Allan: Eines der Dinge, die mich am meisten interessieren, ist die Definition von Gender als Unterschied. Und natürlich ist Gender diese seltsame Sache, die ohnehin ständig mit dem Geschlecht gleichgesetzt wird. Wenn du zum Beispiel für [englischsprachige] Behörden ein Formular ausfüllst, dann wirst du [häufig] aufgefordert, dein „Gender" anzugeben: männlich oder weiblich. Aber „männlich" und „weiblich" hat mit dem biologischen Geschlecht zu tun, während Gender dafür steht, wie du dein alltägliches Leben führst. Alles hat mit Unterschied zu tun. Die eine Sache, die uns eint, ist der Po. Wir alle haben einen, wir haben Zugang dazu, und wir sitzen den Großteil des Tages darauf. Das ist es, was mich daran so interessiert.

Du bringst den Anus auch mit dem in Verbindung, was du als „den Frontier-Mythos und Kolonialismus" bezeichnest.
Als ich damit angefangen habe, diese Arbeit auf Konferenzen vorzustellen, hat mich jemand auf Kolonialismus angesprochen. Die Person hat mich auf [den Künstler] Kent Monkman verwiesen. [Monkman] invertiert die koloniale Erzählung. Er zeigt eine indigene Person, die einem weißen Siedler den Hintern versohlt. Die verbreitete Sichtweise wird damit auf den Kopf gestellt. Warum diese Bilder? Ich bringe sie mit dem Roman Song of the Loon [von 1966] in Verbindung. Er handelt von den erotischen Abenteuern eines Siedlers mit indigenen Körpern. In der Sprache des Kolonialismus gibt es Sätze wie „Das Land wurde vergewaltigt" und so weiter. Was käme dabei heraus, wenn man diese Erzählung ins Gegenteil verkehrt?

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Das klingt jetzt vielleicht sehr simpel, aber Hintern sind dreckig. Sie gelten meist nicht als angemessenes Gesprächsthema.
Das stimmt. Die meisten von uns sitzen wohl nicht beim Weihnachtsessen mit der Familie und reden über ihre Pos. Aber achte mal darauf, wie das im Fernsehen ist. In den Medien wird sich ständig darauf bezogen. Ich habe mal eine von diesen Sendungen über medizinische Notfälle angesehen, und natürlich kam darin ein Typ vor, der sich etwas in den Hintern gesteckt hatte und nun damit im Krankenhaus erschien, weil er es nicht mehr herausbekam. In dem Film Sisters gibt es eine Szene, wo ein Typ auf einer Spieluhr landet und ihm eine Ballerina-Figur im Arsch steckt. Der Witz, dass dem Typen Musik aus dem Arsch kommt, geht über zehn Minuten. Wir reden nicht über den After, sondern drumherum. Wir spielen darauf an, weil es schmutzig ist. Der Zweck dieses Körperteils ist das Defäkieren, aber er besitzt eine bemerkenswerte Universalität.

Foto mit freundlicher Genehmigung von University of Regina Press

Können wir über Twerking reden?
Es ist eine beschämende und gleichzeitig begehrenswerte Sache. Es trotzt der Schwerkraft und ist nicht zu übersehen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Arsch in der Popkultur auftaucht. Es gab Ricky Martins „Shake Your Bon Bon" sowie „Honky Tonk Badonkadonk", „Fat-Bottomed Girls", „Thong Song" und viele mehr. Doch Twerking hat das Ganze noch um einiges größer gemacht.

In deinem Buch schreibst du, der Großteil der Leserschaft für schwule Liebesromane sei weiblich.
Es gibt leider sehr wenig seriöse Literatur zu Liebesromanen. Sich hinsetzen und diese Bücher wirklich zu lesen, und sie nicht als Schund für gelangweilte Hausfrauen abzutun—ich wollte wissen, was dahintersteckt. Sie sind einfach überall. Ich glaube, [schwule Liebesromane] sind das am schnellsten wachsende Genre unter den Liebesromanen. Sie werden hauptsächlich von Frauen für Frauen geschrieben. Sie sprechen die vorherrschenden Ängste um den männlichen Körper an sowie die sexuellen Freuden, die nur Männer verspüren oder zu denen nur Männer Zugang haben.

Hast du für deine Recherche ein Zimmer, das mit Fotos von Aftern tapeziert ist, mit Reißzwecken drin und Schnüren, die verschiedene Bilder miteinander verbinden? Ich stelle mir das ein bisschen vor wie in A Beautiful Mind.
[Lacht] Es gibt ständig Verbindungen, die einem auffallen. Ich interessiere mich zum Beispiel dafür, wie der Arsch im politischen Diskurs heraufbeschworen wird. Wir verwenden Metaphern und sagen etwa, Dinge würden heimlich „im Hinterzimmer" vereinbart. Oder [der kanadische Unternehmer und Politiker] Doug Ford: Nach den Provinzwahlen in Ontario hat er gesagt, die Progressiv-konservative Partei bräuchte einen „Einlauf".

Foto mit freundlicher Genehmigung von University of Regina Press

Lass uns über Erotik sprechen.
Für einen Körperteil, der mit einem solchen Tabu belegt ist, investieren wir ganz schön viel Energie in ihn. Ob es darum geht, den perfekten Hintern zu haben, einen fetten Hintern kleiner zu kriegen, oder überhaupt einen Arsch zu haben. Ich habe in einem Männermagazin—vielleicht GQ oder Men's Health; auf jeden Fall so ein Magazin—gelesen, 2015 sei das Jahr des Männerarschs. Am Anfang meines Buchs verweise ich darauf, dass [_MTV News_] 2014 allgemein zum Jahr des Arschs erklärt hat. Wir sind besessen. Wir wollen ihn formen, wir tragen Yogahosen.

Dr. Jonathan Allan | Foto mit freundlicher Genehmigung von University of Regina Press

Könntest du etwas zum Thema Gewalt und Anus sagen?
In dem Buch schreibe ich über die [anale Vergewaltigungsszene mit weiblicher Täterin und männlichem Opfer] in Gore Vidals Myra Breckinridge. Diese Szene ist ziemlich explizit. Es gibt eine gewisse Gewalt und das Machtverhältnis spielt eine wichtige Rolle. Ich denke, Macht lässt sich immer übertragen und befindet sich ständig im Fluss. Der Anus ist immer da. Wir hatten alle schon mal Schmerzen im Anus. Wir haben alle schon anale Freuden erlebt. Wir haben alle schon einen Stuhlgang gehabt, der sich gut angefühlt hat. Wenn wir es auf diese Art formulieren, dann wird daraus etwas anderes. Ich denke nicht, dass wir das Arschloch jemals von der Schande befreien werden, aber wir haben offensichtlich Interesse daran.

Lässt sich über das Verhältnis der sozialen Klasse zum Po auch etwas sagen?
Der Po ist das Proletariat des Körpers. In puncto Wohlstand scheint es den Kardashians gut zu gehen. Es gibt allerdings Argumente im Zusammenhang mit Klasse. Ich zitiere den kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Marquez, der sagt: „Der Tag, an dem Scheiße einen Wert hat, ist der Tag, ab dem die Armen ohne Arschloch geboren werden."