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H.G. Lindenau: [verkauft noch schnell einem circa 16-jährigen Jungen ein schwarzes Halstuch für 2,50 Euro] Ja, aber da ist immer so um Ostern und den 1. Mai, wenn die Traveller-Saison beginnt. [H.G. bezeichnet Touristen als Traveller, weil der Begriff Tourist mittlerweile eher für „Asylanten und Ausländer, für alle, die ausgeschlossen sind“ gelte.] Aber es kommen schon Leute, die speziell für die Demos und Aktionen einkaufen?
[Erwacht aus Sekundenschlaf] Ja, es gibt jetzt viele Antifa-Aktionen, die Einkaufssaison ist also schon vom 1. Mai abhängig.
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Revolutionsbedarf heißt für mich auch „Monarchie abgeschafft“: Die Kunden sind keine Könige, sondern Aktivisten, und ich habe es deswegen Gemischtwarenladen genannt, damit alles hier reinkommt. Die Ecke hier ist ja inzwischen auch eine Gegend, in der das Travellertum voll zur Geltung kommt. Wie aufs Stichwort betreten drei schwarzgekleidete männliche „Traveller“ den Laden und fragen nach Gürteln aus Kunstleder, doch kaufen tun sie keine. Stattdessen bleiben sie unschlüssig vor der offenen Ladentür stehen, und H.G. macht sich Sorgen darüber, dass sie dort anfangen könnten zu rauchen.H.G., du bist seit mehr als 35 Jahren in der Szene unterwegs. Wie hat sich der 1. Mai über all die Jahre verändert? Denkst du, dass die politischen Inhalte immer weniger eine Rolle spielen?
Der Revolutionscharakter des Maifests ist umgewandelt worden in ein internationales Fest des Kapitals, das heißt, alle internationalen Kapitalisten treffen sich am 1. Mai und machen ihre Stände und beuten alle ihre Leute aus, damit sie ganz viel Geld in kürzester Zeit machen können. Das ist jetzt das Motto des Maifests, und da das Kapital international ist, hat es keine nationalen Vorzeichen, sondern die sind alle gemischt. Ein multikultureller kapitalistischer Haufen.

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Windbreaker. Schwarze für die Aktion, bunte fürs Untertauchen. Du verkaufst auch Pfefferspray.
Ja. Wozu? Zur Verteidigung?
Pfefferspray ist zwar zur Verteidigung gedacht, aber nur gegen Tiere und nur in Notwehr auch gegen Menschen. Viele benutzen das natürlich für was ganz anderes, das nennt sich dann Nebel, den man gegen größere Gruppen anwenden kann, da muss man dann aber auf die Windrichtung achten, damit man nicht selbst drinne steht. [Nach kleinem Nickerchen] Es gibt Nebel, der ist breit, es gibt den Strahl, dann gib es noch Gel, das ist noch genauer, das ist noch mit Öl vermischt und hat eine höhere Konzentrationswirkung als der Strahl.

Teleskopschlagstöcke hab ich auch. Natürlich kann ich manche Sachen nicht so offen verkaufen, weil auch oft so Gangleute herkommen. Ich verkaufe auch prinzipiell keine Messer, weil wir hier gegenüber auch schon die Blutlachen von den Messerstechleuten hatten. Du lebst vegan, aber du bist also nicht generell pazifistisch?
Pazifistisch finde ich falsch. Ich bin militant, aber nicht militaristisch, das heißt für mich, entschieden für eine Sache eintreten, und Pazifismus ist für mich zu wenig, Gandhi, zum Beispiel, war für mich ein Militarist. Ein pazifistischer Militarist. Er war ein sehr guter Militärstratege und hat Leute wie Marionetten eingesetzt. Dass das als Pazifismus angesehen wird, ist für mich nicht gut, obwohl Gandhi positiv motiviert war. Jetzt ist ja auch das Maifest, das Fest des internationalen Kapitalismus, ein Fest gegen Gewalt, dabei ist es sehr gewalttätig, weil es eine strukturelle Gewalt ausdrückt: Dass alle Errungenschaften, Widerstände gegen kapitalistische Ausbeutungsinteressen, dass denen widersprochen wird und gesagt wird, wir machen jetzt extra noch mehr mit—die ganzen Traveller kommen her, um sich volllaufen zu lassen und um Drogen zu nehmen, an denen der Staat verdient, die Steuern vom Alkohol aber nicht für die Rehabilitierung verwendet.
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Alle, die mich hören. Ich bin ja Performancekünstler. Ich habe weltweit, von den Kanarischen Inseln bis Jordanien, meine Performances gemacht, so dass auch Dieter Bohlen mir eben meinen achten Hausverwalter geschenkt hat, nach der Veranstaltung vom 12.8., wo die Michelle Hunziker gestürzt wurde [nickt ein] … Wie war die konkrete Frage nochmal? Wer für dich spendet?
Politisch motivierte oder Leute, die mich gehört haben, weil ich ja Sänger bin. Also Performancekünstler [singt im Cabaret-Stil ein Lied von der Gedankenpolizei – ei ei ei] Wie kam das wohl mit dem Singen …
Da ich oft Schmerzen habe, musste ich halt hyperventilieren, damit ich weniger Schmerzen habe und körpereigene Drogen entfalte, um Paracetamol und Ibuprofen nicht zu brauchen, und deshalb habe ich mir diese verschiedenen Techniken, um mir Rauschzustände anzuschaffen. Das klingt interessant. Was für Techniken sind das?
Man macht das, wie die Leute in den Bergen es gemacht haben, du machst das, indem du tief seufzt, wenn du dich alleine und elend fühlst, dann seufzt du tief und das machst du im Akkord, seufzt, dann sagst du dazu „Holeradijo“, seufzt wieder, und dann sagst du „Holeredidi“, und dann das ganze ganz schnell hintereinander. [Fängt sehr laut an zu jodeln und endet mit einem langen hohen Schrei, der entfernt an eine singende Säge erinnert, spricht dann weiter, als wäre nichts gewesen]. Du musst körpereigene Drogen entfalten, Endorphine freisetzen, Glücksgefühle entwickeln. Du musst die Technik nur eben so anwenden, dass du deine Stimme nicht verbrauchst, weil du sonst völlig depressiv wirst.

Selbstbestimmt [leben] in Vereinbarung mit anderen, sich immer wieder selbst überprüfen, das ist für mich der Weg zur Revolution. Missstände erkennen und darüber reflektieren, offenherzig seine Empfindungen rauslassen und darüber reden. Liebevoller Umgang miteinander bedeutet, die Empfindung des anderen mitzubekommen und dann darauf einzugehen—und wie ich’s in meinem Lied singe: [singt laut] The Walls have to fall inside us all Israel, Cyprus, Mexico, Korea, Pakistan, Irak, Palestine: PEEEEACE NOOOOW. Wenn du mitkriegst, dass du kaum Gemeinsamkeiten mit einer Person hast, musst du dich nicht auf die Unterschiede konzentrieren, sondern die Gemeinsamkeiten suchen und die auch praktizieren, dann bist du antimilitaristisch, dann bist du nicht kriegerisch, dann bist du gesellschaftsverändernd. Amen. Peace now.Fotos: Gergana Petrova