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Ein Betroffener beschreibt seine Depression

"Der Tag liegt vor dir wie eine Wüste aus Stahl und Beton, alles hat scharfe Kanten, die Luft ist fast nicht zu atmen."

von Gilbert Haussmann
03 Juli 2016, 4:00am

Foto: Victor via flickr

Mehr zum Thema geistige Gesundheit – besonders in Bezug auf junge Menschen – findet ihr in unserem VICE Guide to Mental Health.

Stell dir vor, du bist auf einer Insel. Die Insel ist auch wirklich schön, ein tropisches Paradies, du hast da alles, was du brauchst. Und vor allem bist du allein auf der Insel. Du magst es, alleine zu sein, du streifst umher, schaust dir mal dies und mal jenes an, alles in deiner Geschwindigkeit, und dann, wenn du möchtest.

Das sind die guten Tage. Dann gibt es aber auch die schlimmen Tage. Tage, an denen dir die Lebensmittel ausgehen, du dein Boot nehmen und zu einer der benachbarten Inseln fahren musst, um Lebensmittel einzukaufen. Das Meer, das deine Insel umgibt, ist schroff, Felskanten überall, das Wasser ist so dunkel, dass es fast schwarz ist, und du siehst immer wieder im diffusen Licht riesige schwarze Körper unbekannter Seemonster unter dir.

Wenn du die Fahrt überlebt hast, kommst du auf einer Insel an. Die Menschen dort sind unfreundlich, feindlich, sie wollen dir nichts Gutes, wollen dich um das wenige, das du hast, betrügen. Sie halten dich für seltsam, weil du alleine auf deiner Insel lebst, für dumm vielleicht. Sie sind grausam zueinander und zu dir. Das macht dich betroffen. Du leidest, wenn du unter ihnen bist.

Die Insel und das Meer sind keine guten Orte. Das Problem ist nur: Manchmal zieht ein Sturm auf und du bist tagelang auf der Insel gefangen. Oder der Wind flacht komplett ab und du treibst tagelang auf dem Meer umher, ständig umgeben von den Monstern aus der Tiefe, die nur darauf zu warten scheinen, dass dir die Kraft ausgeht und du ins Wasser kommst – entweder um alles zu beenden, oder um den verzweifelten Versuch zu wagen, auf deine Insel zurückzuschwimmen.

So oder so ähnlich verhält es sich auch, wenn du an einer Depression leidest. Es gibt die guten Tage, an denen du so funktionierst wie jeder andere auch. Du lachst, hast Spaß an den Dingen, empfindest Freude, genießt die Zeit, die du hast. Die Dinge, die du tust, tust du sogar ganz gerne – Arbeit, Sport, die Zeit mit deinen Freunden oder deinem Partner. Du liest, gehst in Museen, schaust dir ein Fußballspiel an, planst deinen nächsten Urlaub, Dinge eben, die man so macht.


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Dann gibt es aber auch die schlimmen Tage. Dafür reicht oft nur ein kleiner Trigger. Etwas an sich Unbedeutendes klappt nicht so, wie du es dir vorgestellt hast; deine Miete steigt unerwartet; dein Chef sagt etwas, das du in den falschen Hals bekommst; oder du verpasst einen Bus und musst zehn Minuten im Regen auf den nächsten warten. Tage, an denen du schon am Morgen das Gefühl hast, dass du sie nicht schaffen wirst. Der Tag liegt vor dir wie eine Wüste aus Stahl und Beton, alles hat scharfe Kanten, die Luft ist fast nicht zu atmen.

Dinge, die dir sonst Freude gemacht haben, sind auf einmal belanglos, du kannst dich mit nichts mehr ablenken von den Gedanken, die dir sagen, dass alles sinnlos und leer ist. Manchmal schaust du lange nur in die Gegend – unfähig, irgendetwas von dem zu beginnen, das du dir eigentlich so fest vorgenommen hast. Die Welt fühlt sich feindselig an, grausam und unnötig hart. Der Kontakt zu anderen Menschen wird zu einer Qual; du bist nicht mehr in der Lage, mit ihnen zu kommunizieren, du gibst leere Phrasen von dir, von denen du weißt, dass sie leer sind, lächelst nicht mehr. Alles wird zum Angriff, du fühlst dich beobachtet, von Feindseligkeit umgeben.

Das wirklich Schlimme daran ist aber, dass du dich dafür noch verantwortlich fühlst. Du hast den ganzen Tag lang Schuldgefühle, weil nichts zu klappen scheint, du dich kaum aufraffen kannst, deinen Alltag hinzubekommen, geschweige denn Freundschaften zu pflegen oder Dinge zu tun, die dir eigentlich einmal Freude gemacht haben. Und kaum bist du alleine, am Abend, wird es richtig schlimm.

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Die Angst vor dem nächsten Tag lähmt dich. Du sitzt stundenlang da, voller Verzweiflung, weil du nicht weißt, wie du den kommenden Tag schaffen sollst. Und wenn du ins Bett gehst, vollkommen erschöpft, wartet oft ein tiefer, schwarzer Schlaf auf dich, unterbrochen durch häufiges Aufwachen mitten in der Nacht, traumlos, ohne dich zu entspannen oder zu erholen. Ja, das sind dann die schlimmen Tage.

Laut Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden in Österreich zirka 800.000 Menschen an depressiven Erkrankungen, ungefähr jeder Zehnte erlebt also zumindest einmal in seinem Leben eine depressive Episode. Wenn man die Angehörigen, Freunde und Arbeitskollegen mitzählt, ist jede Österreicherin und jeder Österreicher zumindest einmal in seinem Leben direkt oder indirekt mit Depressionen konfrontiert. Dabei tarnt sich die Depression oft sehr geschickt. Oft als schlechte Laune und Zurückgezogenheit oder als etwas, das als Introvertiertheit missverstanden wird.

Was ich sagen möchte: Schaut ein bisschen genauer hin, wenn euer Freund von einem Tag auf den anderen nicht mehr der ist, der er früher war. Wenn er nicht mehr ganz so viel lacht. Wenn er sagt, dass er es heute nicht schafft rauszugehen. Wenn die Arbeitskollegin jeden Morgen mit tiefen Augenringen ins Büro kommt, denkt nicht als Erstes daran, dass sie sicher die Nacht durchgefeiert hat.

Denkt auch nicht gleich das Schlimmste, aber seid aufmerksam. Und habt etwas Geduld. Viele depressive Menschen offenbaren sich als großartige Zuhörer, als echte Freunde, wenn man sonst keine mehr hat, oder als der Typ auf der Party, mit dem man sich stundenlang über Baudrillard unterhalten kann, während sich die anderen zum zehnten Mal Wodka mit Sodawasser mischen.

Wenn ihr oder jemand in eurem Freundes- und Bekanntenkreis Hilfe benötigt, findet ihr hier Infos:

Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Deutsches Bündnis gegen Depression


Titelbild: Victor | Flickr | CC BY 2.0

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