Wir haben mit einem dealenden Schüler über Drogen am Schulhof gesprochen

"Mit chemischen Drogen habe ich gewartet, bis ich 17 werde. Wenn ich dann studiere, hör ich aber damit auf."
21.7.16

Foto: Interiorrain | Flickr | CC BY-ND 2.0

Hanna Hodisch macht derzeit in Wien ein Schülerpraktikum bei unseren Kollegen von VICE Österreich.

Es gibt zwar keine hübsche Statistik zum Drogenkonsum von Schülern, aber ich kenne mindestens zehn aus meinem direkten Umfeld, zu deren Hobbys unter anderem Pillen und Joints gehören. Jede dieser Bekanntschaften bereichert für mich den Begriff "Drogenkind" (und auch den Terminus "Junkie") um eine Facette. Manche von ihnen dröhnen sich in der Nacht im Stadtpark zu und schreiben am Tag vorwissenschaftliche Arbeiten zu Linguistik-Theorien. Andere sind Computerfreaks, Cover-Models oder Comicheft-Sammler.

Als Außenstehende habe ich oft beobachtet, wie alle anderen Leidenschaften, die eine Persönlichkeit neben Drogen noch so ausmachen, mit der Zeit verloren gehen. Irgendwann dreht sich bei ihnen alles um den Konsum. Und leider ist es nicht mehr so einfach, eine Chemieschularbeit auf LSD zu schreiben wie nach einem kleinen Joint, und ein paar meiner Bekannten balancieren auf einem schmalen Grat in Richtung "Absturz".

Dasselbe gilt natürlich auch für andere Schulen. Über eine Bekannte habe ich Kontakt zu einem Schüler bekommen, der auf einem Gymnasium in einem der inneren Gürtelbezirke dealt. Obwohl Schulen laut Gesetz verpflichtet sind, bei einem Verdacht auf Drogenkonsum dem Schüler mittels schulärztlicher Untersuchung und gegebenenfalls schulpsychologischer Betreuung zu helfen, ist bei ihm bisher noch nichts Derartiges passiert—ob aus Unwissenheit oder absichtlichem Wegschauen. Ich habe mich mit ihm unterhalten.

VICE: Wann hast du zum ersten Mal Drogen konsumiert?
Schulhofdealer: Ich zähle Zigaretten auch zu Suchtmitteln und ich habe zum ersten Mal mit 10 Jahren geraucht. Meine erste illegale Droge war Cannabis, das habe ich ein Jahr später probiert. Dann erst kam Alkohol, weil es ja viel schädlicher als Gras ist. Meine ältere Schwester hat gekifft und ich bin einfach in diesem Umfeld aufgewachsen. Es macht einen großen Unterschied, ob du im Zehnten [Bezirk Wiens] oder im Ersten wohnst.

Wussten deine Eltern davon?
Ja, wussten sie. Gras hat einen sehr intensiven Geruch und sie sind auch nicht blöd. Aber so lange ich keinen Scheiß baue, tolerieren sie es.

Das härtere Zeug nehme ich zur Abwechslung und nicht regelmäßig. Aber wenn ich auf die Uni gehe, höre ich damit auf, da muss ich dann lernen.

Hast du außer Gras auch andere Drogen ausprobiert?
Ja, vor einem halben Jahr habe ich Ecstasy probiert und davor schon Amphetamine. Ich habe aber gewartet, bis ich 17 werde, weil chemische Drogen im Gegensatz zu Gras im frühen Alter wirklich Schaden anrichten können [Anm. d. Red.: Das kann Gras auch]. Ich habe bei ein paar Freunden erlebt, wie sie sich durch den Konsum von Amphetaminen komplett verändert haben, einige haben auch wirklich um die 50 Kilo abgenommen und sind aus der Schule ausgestiegen, weil sie es nicht mehr gepackt haben. Bei Ecstasy genauso. Es macht halt wirklich süchtig. Deswegen schau ich, dass ich immer zwei bis drei Wochen Pause dazwischen mache. Gestern habe ich auch LSD ausprobiert und habe auch vor, es wieder zu machen.

Wie bist du auf die härteren Drogen gekommen?
Na ja, es war halt in der Runde und mir hat jemand was abgegeben. Ich habe wirklich ein einziges Mal für meinen Stoff bezahlt, obwohl ich eigentlich jeden Tag kiffe. Die Leute wissen, dass ich kein Geld habe oder es für Zigaretten ausgebe. Ich gebe ihnen dann was davon ab und wir tauschen quasi. Joints werden sowieso in der Runde weitergereicht.

Verkaufst du auch?
Ich bin nicht stolz drauf, aber ja, eine Zeit lang habe ich Gras auch verkauft. Ich brauchte das Geld. Jetzt versuche ich, es nicht mehr zu machen, weil es zu gefährlich ist, also wenn du dabei erwischt wirst, ist es viel schlimmer, als wenn du nur konsumierst. Aber ich habe nicht wirklich Schuldgefühle—mein Gras war nicht gestreckt und billiger, also viel besser als das Angebot auf der Straße.

Verkaufst du auch in der Schule?
Ich verkaufe an Freunde und Freunde von Freunden und ein paar davon gehen auch in meine Schule. Aber wie gesagt, wenn sie das Zeug nicht bei mir kaufen, dann bei wem anderen und ich bin wenigstens ehrlich. Ein Freund von mir hat mal unabsichtlich Gras gemischt mit Crack geraucht und dem wurde dann richtig schlecht. Also ja, ich habe auch "Kunden" in der Schule und ich nehme das Gras dann einfach mit und wir erledigen das Geschäft dann auf dem Klo. Einmal hatte ich was mit und der Lehrer hat einen Kommentar über den Geruch gemacht und dann haben ein paar gesagt, dass er von mir kommt, aber das war's wieder.

Kommst du manchmal high in die Schule?
Manchmal, wenn ich in der Nacht fortgegangen bin, nehme ich in der Früh Amphetamine, um wach zu bleiben. Ich habe high eine Physikschularbeit geschrieben und war positiv, während mehr als die Hälfte negativ war und die Schularbeit wiederholt werden musste. Manchmal kiffe ich auch in der Schule, wenn es draußen nicht schön ist.

Glaubst du, dass du süchtig bist?
Nach Zigaretten ja; nach allem anderen nein. Ich habe auch mal mit Gras aufgehört und dann wieder angefangen, weil ich ja aufhören konnte. Ich kiffe, weil ich mich so entspannen kann—ich fliehe nicht vor meinen Problemen oder so was. Das härtere Zeug nehme ich zur Abwechslung und nicht regelmäßig. Aber wenn ich auf die Uni gehe, höre ich damit auf, da muss ich dann lernen. Jetzt komme ich noch so durch. Vor der Matura werde ich auch weniger konsumieren .

Diese Schule zahlt 100 Euro an jeden, der kiffende Mitschüler verpetzt

Findest du, die Schule sollte sich da mehr raushalten oder mehr einmischen? Hängt vom einzelnen Fall ab. Ich kenne viele, bei denen ich mir gewünscht hätte, dass ihnen jemand hilft. Das hätten sie gebraucht. Wenn jemand wirklich abhängig ist und abstürzt, sollte die Schule auf jeden Fall helfen, aber nicht bestrafen. Was ich aber echt nicht OK finde, ist, wenn jemand an Unterstufler verkauft—dafür sollte man suspendiert werden. Mit mir hat einmal mein Klassenvorstand ein Drogengespräch geführt, aber es ging nur um einen Freund von mir, der auch konsumiert hat. Ich habe keine Probleme und habe mich durch die Drogen auch nicht verändert. Also bei Leuten wie mir sollte sich die Schule nicht einmischen.

Sagen das nicht alle?