Sex

Frauen zwischen 18 und 80 geben Ratschläge in Sachen Leben, Liebe und Party

Wie war das Leben als erste Türsteherin der Stadt? Und wie ist eine alleinerziehende Mutter in den 40er Jahren mit einer Scheidung zurechtgekommen? Wir haben acht verschiedene Frauen aus acht verschiedenen Jahrzehnten zu Wort kommen lassen.
04 April 2016, 9:02am

Wie war das Leben als erste Türsteherin der Stadt? Wie ist eine alleinerziehende Mutter in den 40er Jahren mit einer Scheidung zurechtgekommen? Und wie denkt eine Anarcho-Punkerin aus den 70ern im Jahr 2016 über das Thema Frauenrechte? Um die Antwort auf solche und noch andere Fragen zu finden, haben wir acht verschiedene Frauen aus acht verschiedenen Jahrzehnten zu Wort kommen lassen.

Mac Westwood, 18: Bis letztes Jahr bin ich mit meinen Freundinnen immer auf illegale Raves gegangen, weil man da immer reingekommen ist

Ich bin gerade mit der Schule fertig geworden, wo ich zum Glück viele richtig gute Freundinnen gefunden habe. Die meisten von uns befinden sich nicht in einer Beziehung. Ich meine, wir hängen natürlich mit Jungs rum, aber wir sind jetzt auch nicht von ihnen abhängig, weil wir irgendwie keine Beziehung brauchen. Letztes Jahr wurde ich an einer Bushaltestelle sexuell belästigt: Irgend so ein Typ hat am helllichten Tag damit angefangen, sich vor mir einen runterzuholen, und niemand hat etwas dagegen unternommen. Das war schon ein traumatisches Erlebnis, aber es hat mich auch selbstsicherer werden lassen. Wenn so etwas noch einmal passieren sollte, dann werde ich dem Perversling auf jeden Fall sagen, dass er sich verpissen soll.

Meine Freundinnen sehen genauso wie ich sehr jung aus. Deswegen hatten wir früher auch nie Glück beim Alkoholkauf und sind auch nicht in Clubs gekommen. Bis letztes Jahr bin ich mit meinen Freundinnen immer auf illegale Raves gegangen, weil es da keinen interessiert hat, wie alt man ist. Ich war dann richtig froh, als ich endlich meinen Ausweis bekommen habe, denn jetzt spielt mein Babyface plötzlich keine Rolle mehr. Ich kann ja beweisen, dass ich volljährig bin. In der Schule hat man uns zwar nie wirklich etwas über das Thema Feminismus beigebracht, aber da ich immer von den unterschiedlichsten Mädchen umgeben war, fühlte ich mich doch irgendwie unabhängig. Ich bin der Meinung, dass wir alles erreichen können, was wir wollen.

Meltem Avcil, 22: Ich war drei Monate in einer Haftanstalt für Asylsuchende. Da habe ich auch angefangen, für mich einzustehen

Ich bin eine aus der Türkei stammende Kurdin und musste aus politischen Gründen von dort fliehen—halt die alte Leier von den Ländern, die Krieg gegen das eigene Volk führen. Meine Mutter und ich sind dann 2001 nach England gekommen und wir wurden zwischen London, Doncaster, Newcastle und Kent herumgeschoben, während das Innenministerium über unseren Asylantrag entschied. Sechs Jahre später durchsuchten dann acht Immigrationsbeamten unser Haus. Sie brachten uns nach Yarl's Wood, eine Haftanstalt für Asylsuchende. Dort wurden wir dann drei Monate lang festgehalten und während dieser Zeit habe ich auch damit angefangen, für mich einzustehen und auf die Situation aufmerksam zu machen—und die Leute sind auch richtig wütend geworden, als sie erfuhren, dass eine 13-Jährige grundlos eingesperrt wurde.

Als wir wieder frei waren, fühlte ich mich total leer und hatte dazu noch ständig Angst, wieder weggesperrt zu werden. Das hat mich ingesamt gesehen jedoch eher positiv beeinflusst. Ich weiß meine Freiheit jetzt viel mehr zu schätzen und finde überall Freunde. Ich studierte dann auch zwei Jahre lang Maschinenbau und machte dabei ordentlich Party. Heutzutage bin ich viel ruhiger und habe jetzt sogar mit dem Stricken angefangen. Ab und an folge ich aber immer noch dem Ruf des Alkohols. Außerdem habe ich meinen Studiengang jetzt zu Psychologie gewechselt. Ich bin der Meinung, dass Frauen in Großbritannien viele Möglichkeiten offenstehen. Derzeit habe ich keinen festen Freund. Ich scheine Männer sowieso einzuschüchtern, denn ich kann mich einfach nicht dumm stellen. Das soll jetzt auch nicht heißen, dass ich unglaublich schlau bin, aber ich schaffe es irgendwie nicht, eine respektvollen und süßen Typen kennenzulernen. Anscheinend ist das zu viel verlangt.

Susannah Webb, 30: Wir müssen uns mehr mit dem Verschwimmen von sexuellen und geschlechtlichen Identitäten befassen

Meine Mutter hat mich mit 41 bekommen. Ich glaube, dass ich bezüglich des Kinderkriegens deswegen nie den gleichen Druck verspürt habe wie andere Frauen meines Alters. Aber vielleicht kommt das irgendwann im Laufe der nächsten fünf Jahre. Ich bin der Meinung, dass die Optionen von Frauen zu den Themen Nachwuchs, Karriere und Single-Dasein immer noch eingeschränkter sind und auch eher verurteilt werden als die von Männern.

Im Allgemeinen bin ich mit meinem Leben schon zufrieden, aber ich habe auch das Glück, meinen Job als Plattenlabel-Managerin wirklich zu lieben. Ich arbeite in einer Industrie, in der es einfach dazugehört, abends wegzugehen. Wenn mir das nicht gefallen würde, wäre ich auch gar nicht bereit, das überhaupt zu machen. Ich bin zwar immer noch viel unterwegs, aber mein Lifestyle ist trotzdem nicht mehr der gleiche wie noch vor fünf oder zehn Jahren.

Ich würde gerne behaupten können, dass Homosexualität inzwischen akzeptierter ist, aber dafür müsste man erstmal aufhören, alle Menschen in irgendeine Schublade pressen zu wollen. Wir müssen uns zum einen mehr mit dem Verschwimmen von sexuellen und geschlechtlichen Identitäten befassen und es zum anderen lockerer sehen, wenn die Leute ihre Neigungen und Vorlieben finden. Ich habe außerdem immer noch das Gefühl, dass es zu wenige homosexuelle Frauen als Identifikationsfiguren gibt—und in der Musikindustrie sogar noch weniger.

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Esther Koroma, 49: Meine Pflegeeltern waren der Meinung, dass ich als Frau einen Mann bräuchte

Ich bin stolz darauf, eine Frau zu sein, denn wir bringen neues Leben in die Welt. Früher war ich jedoch nicht glücklich. Ich wuchs bei Pflegeeltern auf und hatte dabei nie das Gefühl, dass sie mich wirklich liebten. Ich heiratete dann schon im jungen Alter, weil meine Pflegeeltern Muslime waren. Sie vertraten die Meinung, dass ich als Frau einen Mann bräuchte und die ganze Zeit am Herd stehen müsste. Als ich dann älter wurde, kam mir immer mehr die Einsicht, dass es auf der Welt so viele Dinge gibt, die Frauen mehr betreffen als Männer—man denke nur mal an die Vergewaltigungen in Kriegsgebieten und so weiter.

Später bin ich dann zum Christentum konvertiert und habe dazu noch meinen Mann sowie mein Zuhause verlassen. Jetzt bin ich glücklich. Mein Single-Dasein macht mir nichts aus. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann noch mal heiraten will, denn manchmal habe ich das Gefühl, lieber alleine zu sein—die Ehe ist einfach eine unglaublich komplizierte Verpflichtung. Ab und an bin ich natürlich auch einsam, aber wenn man einen Job hat, dann kann man für sich selbst sorgen und man hat das eigene Schicksal selbst in der Hand.

Kate Cox (links) bei der Arbeit

Kate Cox, 51: Meine Kinder reden offen über Sex und das finde ich gut

Was sich während meines Lebens wohl am meisten verändert hat, ist die Einstellung der Leute zu den Themen Sex und Ehe. Wenn ich in meiner Jugend einen Beziehungspartner mit nach Hause brachte, dann durfte der nicht mit hoch in mein Zimmer. Mein Vater arbeitete als Anwalt und kümmerte sich um den ganzen Papierkram, als ich zusammen mit meinem Mann—damals noch Freund—in die erste gemeinsame Wohnung zog. Er weigerte sich jedoch, ins Schlafzimmer zu gehen, weil er einfach nicht damit klarkam, dass mein Freund und ich im gleichen Bett schliefen.

Meine eigenen Kinder sind inzwischen 18 bzw. 22 und wir reden ganz offen über Sex—was ich auch gut finde. Außerdem arbeite ich inzwischen als Bodypainterin. So viele Frauen meiner Generation hören nach der Heirat quasi auf zu leben. Dabei haben wir doch jetzt so viele neue Möglichkeiten und müssen nicht mehr in einer festgefahrenen Ehe ausharren. Ich versuche, mich ungefähr alle zehn Jahre neu zu erfinden—damals in meiner Jugend hätte man so etwas als total unverantwortlich abgestempelt. Früher arbeitete ich noch als Reitlehrerin—typisch Mittelschicht—, jetzt male ich Gesichter und nackte Körper an. Meine Eltern hätten meinen jetzigen Job damals wohl als Nonsens empfunden und wenn ich meiner Mutter jetzt Bilder von meinen Werken zeige, dann tut sie so, als wäre sie nicht unglaublich schockiert. Es lassen sich außerdem immer noch mehr Männer als Frauen nackt anmalen. Ich frage mich, woran das liegt.

Helen Harrison, 62: Ich habe gerne Auseinandersetzungen geschlichtet

Ich war die erste Türsteherin Bristols. 1976 begann ich, in einem Nachtclub zu arbeiten, und anfangs sollte ich eigentlich nur leere Gläser wegräumen, Aschenbecher ausleeren und allgemein für Ordnung sorgen. Dann brauchten sie aber jemanden, der zusammen mit dem Türsteher Doug den Einlass macht. Da er und ich gerade zusammengekommen waren, bekam ich diese neue Aufgabe zugesprochen. Als er dann ein paar Wochen lang im Urlaub war, schaffte ich es auch alleine ganz gut, die Tür zu managen. Kurz danach ging es dann mit Dougie zu Ende und er konnte deswegen nicht mehr mit mir zusammenarbeiten. Also ging er zu den Clubbesitzern und meinte: „Entweder Helen oder ich!" Sie entschieden sich für mich.

Türsteherinnen sind inzwischen gar nicht mehr so unüblich. Mein Erfolg basierte damals wohl darauf, dass ich eine Neuheit darstellte. Ich habe gerne Auseinandersetzungen geschlichtet und wurde in all den Jahren auch nur ein einziges Mal geschlagen. Zwar trug ich dabei eine Rippenprellung davon, aber zum Glück konnte die Polizei den Typen schnappen. Heutzutage ist es für Frauen viel gefährlicher geworden. Damals bin ich noch um 04:00 Uhr durch die dunkelsten Gassen nach Hause gelaufen—heute würde ich allen Frauen davon abraten. Inzwischen arbeite ich auch für die „Street Pastors"-Initiative. Zusammen mit den Kirchen der Innenstadt von Bristol sind wir Samstagabend bis spät in die Nacht auf den Straßen unterwegs und helfen, wo wir können. Ich kümmere mich jetzt schon seit 40 Jahren um Betrunkene und helfe tatsächlich den Typen ins Taxi, die ich damals aus dem Club rausgeschmissen habe. Irgendwie hat sich eben nichts gravierend verändert.

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Gee Vaucher (links) zusammen mit den Crass-Mitgliedern Joy De Vivre und Eve Libertine im Jahr 1982

Gee Vaucher, 71: Frauen nutzten Graffiti, um die überall zu sehenden Botschaften zu verändern

Die Feminismus-Bewegung der 70er Jahre war natürlich eine sehr aufregende Zeit. Ich bin damals auch zu einigen Auftritten von wichtigen amerikanischen Vertreterinnen gegangen, die durch Großbritannien getourt sind. Wirklich beeindruckt haben sie mich jedoch nicht. Für mich ist immer am wichtigsten gewesen, sich davon zu befreien, wie man sich und andere sieht. Die frühe Feminismus-Bewegung war meiner Meinung nach zu sehr „Wir und die", zu hasserfüllt. Zu viele Frauen trugen ihre Opferrolle wie ein Kreuz. Gleichzeitig war das Ganze aber auch die Fortführung einer Sache, die damals von den Suffragetten gestartet worden war—deswegen war es ja auch so wichtig.

Ich bin etwas außerhalb von London aufgewachsen und habe mit 15 die Schule abgeschlossen. Wenn man damals der Arbeiterklasse angehörte, wusste man auch, wo man hingehörte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Teenagern war mir allerdings klar, was ich machen wollte—nämlich Kunst. Und genau so kam es dann auch. [Gee war Teil der Punk-Band Crass und hat einige sehr berühmte Artworks erschaffen.]

Damals war die offensichtlichste und auch erfolgreichste Art und Weise, gegen Sexismus zu kämpfen, das „Verschönern" von sexistischen Werbeplakaten. Frauen nutzten Graffiti, um die überall zu sehenden Botschaften zu verändern—so sprangen einem unsere Werke sofort ins Auge und regten zum Denken an. Für uns war das gute „Werbung" und zusammen mit dem Greenham Common Women's Peace Camp ein tolles Beispiel für die Zusammenarbeit von Frauen, die ganz einfach Veränderungen bewirkt. Heutzutage sind sich die meisten Frauen ihrer Rechte zwar bewusst, aber ich glaube, dass bei den meisten trotzdem noch die gleiche Denkweise wie früher herrscht. Titten und Ärsche bestimmen definitiv wieder das Geschäft.

Rose Burge, 80: Ich habe mit 22 geheiratet, meinen Ehemann allerdings nicht wirklich gut gekannt

Ich wuchs auf dem Land auf und mein Vater starb, als wir sechs Kinder alle noch klein waren. Damals hat es sowas wie Kindergeld noch nicht gegeben, aber irgendwie haben wir uns trotzdem durchgeschlagen. Meine Mutter war zum Beispiel ständig arbeiten und auch ich habe mit 15 die Schule abgeschlossen und anschließend in einer Verpackungsfirma geschuftet. Eigentlich wollte ich immer Krankenschwester werden, aber das hat leider nicht geklappt. Irgendwann wurde ich schließlich Pflegerin und half alten Menschen—das hat mich zumindest ein bisschen glücklich gemacht. Mit 22 heiratete ich dann, aber er lebte ziemlich weit weg und ich kannte ihn nicht mal wirklich gut. Getaugt hat er nichts. Zwar bekamen wir dann auch einen Sohn, aber ich konnte einfach nicht mit meinem Ehemann zusammenbleiben, denn ich wollte nicht ganz alleine mit sechs Kindern enden. Ich bin jeden Tag zu meiner Mutter und zur Arbeit. Dazu musste ich dann noch jemanden finden, der auf meinen Sohn aufpasste. Das war definitiv nicht leicht.

Heutzutage sind Scheidungen nichts Besonderes mehr. Damals war es allerdings noch total verpönt, ein Kind zu haben und nicht verheiratet zu sein. Man wollte seinen Eltern ja auch keine Schande bereiten. Verhütungsmittel gab es keine und Frauen gingen nur fort, wenn ihre Männer oder ihre Freunde mit dabei waren. Inzwischen hat sich für Frauen jedoch einiges geändert und es gibt für uns viel mehr Freiheiten. Als ich nach meiner Scheidung in die Kirche ging, fühlte sich das noch richtig komisch an—so als ob ich schlimm gesündigt hätte. Zum Glück lernte ich dann meinen zweiten Ehemann kennen und er erklärte sich auch dazu bereit, meinen Sohn zu adoptieren. Wir haben dann zusammen eine richtig schöne Zeit gehabt. Durch die Höhen und Tiefen lernt man viel dazu—zum Beispiel, dass nicht immer alles nach Plan läuft.

Die Interviews wurden von Hannah Ewens, Amelia Dimoldenberg, Angus Harrison, Olivia Marks, Helen Nianias und Tshepo Mokoena geführt.