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Wie ich nur knapp einen Motorradunfall überlebte

Bei jedem Atemzug hörte ich ein komisches gurgelndes Geräusch. Ich dachte mir: "Das war's. Dieses Mal hast du es geschafft."

von Damian Long, aufgezeichnet von Jessica O’Reilly
08 Juli 2016, 4:00am

Titelfoto: Alle Illustrationen von Michael Dockery

Weit hinten in meinem Rachen konnte ich das warme Blut schmecken, während ich auf der Suche nach meinem Motorrad am Straßenrand entlangtaumelte. Ich redete mir ein, dass es mir gut geht. Nein, ich fantasierte nicht. Ich wollte mir einfach nur nicht eingestehen, dass ich verletzt war. Ich hatte zuvor schon Motorradunfälle gehabt und war jedes Mal einfach wieder aufgestiegen und weitergefahren. So läuft das normalerweise. Du findest dein Bike, steigst wieder auf und fährst weiter. Dieses Mal hatte ich aber nur noch einen Stiefel an und mein Helm war auch nicht mehr auf meinem Kopf. Außerdem fiel ich immer wieder hin—noch so eine Sache, die mir normalerweise nicht passiert.

Ich lag auf dem Rücken und versuchte, mir einzureden, dass es mir gut geht. Es war kalt und regnete in Strömen, meine Brust und mein Bauch fühlten sich aber an, als würde darin ein Feuer brennen. Ich sollte später erfahren, dass ich mir mein Zwerchfell, meine Niere, Leber und Milz eingerissen hatte. Ich hatte mir außerdem mehrere Rippen gebrochen und konnte bei jedem Atemzug ein Knacken hören. Zwei Rippen hatten meinen rechten Lungenflügel durchstoßen. Meine Lunge war kollabiert und füllte sich mit Blut. Deswegen konnte ich bei jedem Einatmen ein komisches Gurgelgeräusch hören. Ich dachte mir: "Das war's. Dieses Mal hast du es geschafft."

Ich hatte schon immer meine Grenzen ausgetestet. Es gab mir einen Kick. Jedes Mal, wenn ich dabei mit dem Leben davon kam, hatte ich das Gefühl, meine Existenz wieder mit Sinn erfüllt zu haben. Dann passierte es aber. Ich war mit 70 km/h bei schwerem Regen in einen Kreisverkehr gerast.

Sie flogen mich in ein anderes Krankenhaus, wo ich vier Tage mit offenem Abdomen auf der Intensivstation lag.

Ich weiß noch, dass ich, während ich gurgelnd und rasselnd dalag, ziemlich enttäuscht und sauer auf mich war. Ich wollte nicht hier am Straßenrand im verkackten Regen sterben. Ich war nicht glücklich mit dem Leben, das ich bis hierhin gelebt hatte, oder dem Menschen, der ich mit 26 war. Ich wollte eine zweite Chance.

Der Rettungswagen brachte mich ins Krankenhaus, wo man mich in ein künstliches Koma versetzte. Sie gaben mir 14 Bluttransfusionen und schnitten mich vom Brustbein bis zur Leistengegend auf. Sechs Chirurgen flogen von Sydney ein und wechselten sich dabei ab, meine Eingeweide wieder zusammenzuflicken. Dann flogen sie mich in ein anderes Krankenhaus, wo ich für vier Tage mit offenem Abdomen auf der Intensivstation lag. Ich sollte erst nach drei Wochen wieder aufwachen.

Als es schließlich soweit war, hing mein Körper an lebenserhaltenden Maschinen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht sprechen. Ich war alleine mit meinen Gedanken, und alles, was ich tun wollte, war schlafen. Eine ganze Woche befand ich mich in diesem Dämmerzustand, komplett weggetreten von den Medikamenten. Nur vage hatte ich erkannt, dass ich die zweite Chance, die ich mir so sehr gewünscht hatte, tatsächlich bekommen hatte.

Mit der Zeit reduzierten die Ärzte meine Medikamentendosis und langsam begann sich ein Gefühl der Entschlossenheit in mir breitzumachen. Es gab Komplikationen mit meinen Verletzungen, aber ich war selbstsicher und willensstark. Drei weitere Wochen lag ich so da und dachte nur nach. Alles, was ich hatte, war Zeit, und die nutzte ich, um Frieden mit meinem vergangenen Leben zu schließen—mit den Fehlern, die ich gemacht hatte.

Dann aber geschah etwas. Ein 10-jähriger Junge, der nach einem Autounfall in ein Zimmer unweit von meinem eingeliefert worden war, erlag seinen Verletzungen. Darauf kam ich überhaupt nicht klar. Ich konnte einfach nicht begreifen, warum ich noch am Leben war und er nicht. Jahrelang hatte ich mein Leben als selbstverständlich angesehen, aber hier lag ich nun und dachte über meine Zukunft nach. Der Junge hatte keine Zukunft mehr. Ich kann kaum beschreiben, wie sehr mir diese Vorstellung zusetzte.

Und so wie mein Kopf kapitulierte, kapitulierte auch mein Körper. Mein Zustand wurde aufgrund einer Infektion, die die Ärzte aber nicht lokalisieren konnten, nicht besser. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht mehr, wie es war, etwas zu essen oder zu trinken. Ich hatte genug von dem ständigen Blutgeschmack. Ich hatte genug davon, in einen Beutel zu scheißen. Und ich hatte wirklich absolut die Schnauze voll von den Menschen aus der Krankenhauskapelle, die vor meinem Bett über Leben und Tod predigten.

Die Infektion verschlimmerte sich. Es war etwa in Woche sieben, als die Ärzte sie dann durch Zufall endlich entdeckten. Sie hatten mich von der Lungenmaschine abgetrennt, woraufhin ich einen heftigen Hustenanfall bekam, der mich buchstäblich zum Platzen brachte. Ich musste also wieder in den Operationssaal, damit sie mir dort wieder meine Gedärme reinstopfen. Ich hatte dabei großes Glück im Unglück. Durch die Operation fanden sie nämlich die Infektion, die meine Innereien zu zerfressen drohte.

Ich bekam starke Antibiotika und der Arzt warnte mich, dass der nächste Huster oder Nieser mein Ende sein könnte. Für die nächsten zwei Wochen rührte ich mich keinen Zentimeter mehr. Ich wusste, dass das hier meine letzte Chance war. Ich konzentrierte mich auf meine Atmung und das war alles. Ich konzentrierte mich darauf zu überleben.

Das ist die eine Sache, die ich aus dieser Erfahrung gelernt habe: eine Wertschätzung der eigenen Körperkontrolle.

Sobald die Infektion abgeklungen war, erholte sich mein Körper wieder. Zehn Wochen nach dem Unfall humpelte ich an einer Gehhilfe den Flur entlang. Als ich es zum ersten Mal bis zur Tür schaffte, brach ich unter höllischen Schmerzen zusammen. Mein Oberkörper wurde von Klammern und einem Korsett zusammengehalten und jede noch so leichte Bewegung stellte eine enorme Belastung dar. Beim Aufschneiden für die Operation hatten sie meine Muskeln zerstört.

Nach meiner Entlassung konzentrierte ich mich auf die Genesung. Zuerst rollte ich nur auf dem Boden umher, aber mit jedem Tag wurde ich stärker. Schon bald stand ich früh morgens auf, um spazieren zu gehen. An einem Tag schaffte ich es bis zum Briefkasten, an einem anderen ein Stückchen weiter, dann bis auf die andere Straßenseite und so weiter.

Fünf oder sechs Wochen nach meiner Entlassung bin ich wieder arbeiten gegangen. Wahrscheinlich zu früh, aber mir war langweilig. Ich hatte wieder genug Beherrschung über meinen Körper erlangt, um zurück ins Fitnessstudio zu gehen und wieder auf ein Motorrad zu steigen.

Das ist die eine Sache, die ich aus dieser Erfahrung gelernt habe: eine Wertschätzung der eigenen Körperkontrolle. Ich habe das Gefühl, ein besseres Verständnis für die Stärke des menschlichen Geistes, die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers und das Zusammenwirken beider Teile erlangt zu haben. Ich habe seitdem viel darüber gelesen, wie unsere Gedanken unseren Körper beeinflussen, und ich versuche, mir das bestmöglich zunutze zu machen. Ich lebe und bin gesund—trotz allem. Und ich möchte meinen, dass ich das meinem Glauben an mich selbst verdanke.

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