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Wir haben das neue 'Dr. Sommer'-Magazin gelesen, damit ihr es nicht tun müsst

"Jungs hassen es, wenn Mädchen nerven. Überleg dir also gut, ob du einen Jungen verführen willst, wenn er gerade ein wichtiges Fußballspiel schaut."

von Stefan Lauer
01 Juli 2016, 12:57pm

Muss das Glied steif sein, wenn man tätowiert wird? Selbstbefriedigung in der Dusche – bin ich schwanger? Wird man süchtig, wenn man einen Haschraucher küsst? Alles Fragen, die Leser dem Dr.-Sommer-Team stellten. Nicht nur wegen solcher Highlights waren die Dr.-Sommer-Seiten eigentlich immer die besten in der Bravo. Und schon damals blieb beim Lesen immer ein Restzweifel, ob das jetzt wirklich alles echte Fragen waren oder ob sich 43-Jährige bei einer guten Flasche Rotwein zusammengesetzt und versucht haben, ihre inneren Teenager zu channeln, damit die Doppelseite doch noch voll wird.

Wir haben allerdings nicht mehr 1995 und Print ist zwar noch nicht tot, aber die Ärzte sind sich unschlüssig, ob er nochmal aus dem Koma erwachen wird. Die Bravo erscheint mittlerweile nur noch alle zwei Wochen, was durchaus Zuwächse in der Auflage gebracht hat, allerdings verkauft sie heute nur noch 150.000 Hefte. 1998 besorgen sich fast eine Million Teenager die Bravo, das ist ein Auflagenrückgang von 84 Prozent.

Es muss also was getan werden. Das Bravo-Universum besteht mittlerweile aus unzähligen Titeln, Bravo Sport, Bravo Girl, Bravo Fotolovestory oder Bravo Yeah!, dem Autor ist an dieser Stelle unklar, wer oder was mit Yeah! gemeint sein soll, es/er/sie scheint aber super zu sein. Und nun liegen auch die Dr.-Sommer-Seiten als eigenes Magazin im gut sortierten Zeitschriftenhandel. Der nette Mann im Kiosk musste allerdings etwas suchen, denn das Heft lag zwischen Eltern, Nido und Baby & Co.

Toller Tipp! Danke, Dr. Sommer

Und da sind wir auch schon beim Problem: Wer die Leser dieses eher hochglanzigen Magazins sein sollen, ist mysteriös. Der eigentlich Titel lautet Bravo Eltern Dr. Sommer und im Editorial schreibt die Chefredakteurin "Liebe Eltern!" und "Liebe Jugendliche!" an. Ansonsten gibt es dann auf der Rückseite des Heftes noch eine o.b.-Werbung, die Müttern Tampons für ihre Töchter verkaufen will. Das war's dann aber in Sachen Eltern.

Im Gegensatz zur Bravo ist bei Dr. Sommer niemand nackt, weder im Penis- (S. 18) noch im Vagina-Special (S.12). Perfekt sind die "Jugendlichen", die in der Realität vermutlich 24-jährige Models sind, aber alle. Überhaupt kommt man sich beim Durchblättern ein bisschen so vor, als sei man kopfüber in einen Bebe-Werbespot gefallen. So viel Pastell, so viel porenfreie Haut, gute Laune, aufeinander abgestimmte generische Outfits. Und insgesamt nur ein einziges Model, das wahrscheinlich nicht Kleidergröße 34 oder 36 trägt.

Wahrscheinlich soll Dr. Sommer tatsächlich Eltern ansprechen, die 5,50 Euro investieren, ihrem Kind das Heft dann nebens Bett legen und sich freuen, dass sie Aufklärungsarbeit geleistet haben. Und dann auch noch so schöne. Denn obwohl Sex im Mittelpunkt steht, geht es visuell eher blümchenhaft zu. Sex besteht hauptsächlich darin, dass sich angezogene Menschen fröhlich anschauen und sich mal ein Küsschen geben. Immerhin wird klar, dass Jugendliche Sex haben und zwar auch lesbischen und schwulen. Und dass das alles in Ordnung ist.

So! Viel! Spaß!

Bei alledem lässt einen das Gefühl nicht los, dass man hier liest, wie sich Erwachsene vorstellen, dass Jugendliche sich verhalten. Die Jüngste im Dr.-Sommer-Team ist 42. Die Tipps klingen, als kämen sie von Menschen, die denken, genau zu wissen, wie sich die "jungen Leute" da draußen so unterhalten. Körper heißt Body. Mädchen sind Girls und Jungs Boys. Da kann man gerne auch mal einen Smiley in ein Print-Magazin drucken, weil #yolo und so. Überhaupt sind bei Dr. Sommer die Rollen noch klar verteilt. Jungs sind so und Mädchen sind anders. Zu den "No-Gos" warnen die Autoren zum Beispiel: "Jungs hassen es, wenn Mädchen nerven oder anstrengend sind. Überleg dir also gut, ob du einen Jungen verführen willst, wenn er gerade ein wichtiges Fußballspiel schaut." Dieser Tipp wirft mehrere Fragen auf, beispielsweise über die Wichtigkeitsstufen von Fußballspielen, und ab welcher Liga denn jetzt ein Verführungsversuch legitim ist. Er zeigt aber auch, dass man bei Dr. Sommer mental in den Jahren stehen geblieben ist, in denen die Auflagen der Bravo noch hoch waren.

Jugendliche lächeln gerne. Sagt Dr. Sommer

Wenn man das Heft gelesen hat, stellt sich vor allem eine große Frage: Was soll bitte in der zweiten Ausgabe passieren? Die Themen, die das Dr.-Sommer-Team in der Bravo behandelt hat, haben sich sehr wahrscheinlich über die Jahre wiederholt, weil wahrscheinlich in jeder Generation jemand nicht genau weiß, ob blasen bedeutet, dass man einen Penis anpustet oder nicht. Aber es fällt wirklich schwer, nach der geballten Dr.-Sommer-Lektüre noch irgendeine Frage zu finden, die in diesem Heft noch nicht gestellt worden ist und die die fröhliche, gutgelaunte und pastellfarbene Zielgruppe nicht zu sehr verstören würde.